Pharmazeutische Zeitung online
Jens Baas

Es gilt, das System voranzubringen

28.06.2017
Datenschutz bei der PZ

Von Ev Tebroke / Die Techniker Krankenkasse hat als erste Kasse die Bereitstellung einer elektronischen Gesundheitsakte für ihre Versicherten vorangetrieben. Vorstandschef Jens Baas will damit einen Impuls setzen. Ihm geht der Digitalisierungsprozess in Deutschland zu langsam. Auch privat drückt er gerne aufs Tempo und setzt auf digitale Unterstützung.

PZ: Wir sind am Ende der Legislaturperiode. Was ist Ihrer Meinung nach das wichtigste Ergebnis der vergangenen vier Jahre?

 

Baas: Das wird sich noch zeigen. Die meisten Ergebnisse werden zurzeit erst umgesetzt. Das Krankenhaus-Strukturgesetz ist aber sicher vielversprechend. Es hat großes Potenzial, könnte aber in der Umsetzung in den Ländern auch schnell scheitern. Ebenfalls sehr gut finde ich, dass das Thema Digitalisierung an Fahrt aufgenommen hat. Nicht angegangen wurden dagegen tatsächliche Strukturreformen im Gesundheitswesen. Dazu war der finanzielle Druck wohl nicht groß genug.

PZ: Was ist für Sie das wichtigste gesundheitspolitische Thema, das die neue Bundesregierung angehen sollt­e?

 

Baas: Die kommende Regierung wird es wieder schwerer haben. Sie wird wieder mehr überlegen müssen, wie der Spagat zwischen Leistungsfähigkeit und Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems zu schaffen ist.

 

PZ: Das Thema Digitalisierung ist omnipräsent, es wird viel geredet, wir haben nun das E-Health-Gesetz, aber bei der konkreten Umsetzung hinkt Deutschland nach wie vor mächtig hinter­her. Schaffen wir den Anschluss noch?

 

Baas: Dass wir ein bisschen langsamer und vorsichtiger als manch andere Länder sind, ist grundsätzlich nicht schlecht, denn natürlich birgt Digitalisierung auch Risiken. Aber wir laufen tatsächlich Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Das Problem ist: Wir sind nicht deshalb langsam, weil wir die Risiken besser beherrschen wollen. Sondern weil einzelne Interessengruppen, seien es nun Ärzte, Apotheker oder Krankenkassen, Angst haben, durch die Digitalisierung etwas zu verlieren, und deshalb mehr oder weniger subtil blockieren. Das war die Hauptbremse in den ganzen Jahren. Digitalisierung ist mehr als die Verknüpfung von Daten. Sie wird an vielen Punkten das System verändern. Das macht es schwierig.

 

PZ: Wie könnte die Umsetzung beschleunigt werden?

Baas: Die Menschen müssen den Vorteil der Digitalisierung verstehen. Das gilt es zu vermitteln. Wir müssen den Nutzen und den Mehrwert klarer machen. Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte darüber, wo zwischen den Waagschalen Nutzbarkeit und Datenschutz die Balance liegen soll. Dabei muss es um die Bewertung des reinen möglichen Nutzens oder Schadens gehen, nicht um Lobby-Interessen.

 

PZ: Mit dem IT-Unternehmen IBM arbeiten Sie seit Februar 2017 als erste Kasse an der Bereitstellung einer elektronischen Gesundheitsakte (eGA). Versicherte der TK sollen künftig auf freiwilliger Basis viele Gesundheitsdaten in dieser Akte bündeln können. Was versprechen Sie sich von der eGA?

 

Baas: Es ist ein Impuls, den wir setzen. Mit der Akte können wir unseren Versicherten einen Mehrwert anbieten und uns damit als Kasse auch im Wettbewerb positionieren. Aber zunächst geht es darum, das System voranzubringen. Für alle Arten von Digitalisierung braucht es zwei Voraussetzungen: eine Infrastruktur und das Halten von Daten. Letzteres entwickelt sich zurzeit dezentral als Wildwuchs: kommerzielle Health-Apps, kleine Netze, diverse Klinik- und Arzt-Informationssysteme. Solange wir das Schnittstellen-Thema nicht angehen, haben wir ein Problem. Außerdem müssen wir uns fragen, ob wir diese Daten der Industrie überlassen wollen. Es ist wichtig, gerade sensible Gesundheitsdaten in regulierten Umgebungen zu halten und nicht freizugeben und dem Markt zu überlassen. Als Krankenkasse sind wir dafür bestens geeignet. Wir sind reguliert, man kann uns klar vorgeben, was wir mit den Daten machen dürfen und was nicht.

 

PZ: Was kann die Akte?

 

Baas: In der Akte wird der Versicherte alle seine Gesundheitsdaten, seine medizinischen Befunde sammeln können. Dabei hat er stets die Entscheidungshoheit darüber, wer, wann und worauf Zugriff haben darf – und wer eben auch nicht. Auch die Kasse hat keinen Zugriff. Im ersten Schritt sollen die Daten, die die Kasse über den Versicherten hat, Verschreibungsdaten und Ähnliches, bereits auf der eGA hinterlegt sein. Über eine doppelt abgesicherte App kann er seine Daten selbst einsehen und verwalten. Die Daten sind sicher zentral auf einem Server in Deutschland gehostet.

 

PZ: Wie weit sind Sie mit der Umsetzung?

 

Baas: Im Laufe des nächsten Jahres soll die erste Ausbaustufe der Akte zum Einsatz kommen. Zeitaufwendig ist die Anbindung an die externen Systeme von Kliniken und Arztpraxen.

 

PZ: Wie kann der Apotheker bei der Patientenversorgung von der eGA profitieren?

 

Baas: Auch der Apotheker könnte vom Patienten Zugriff auf die Daten erhalten. Gerade bei der Medikationsberatung ist es für den Apotheker von Vorteil, wenn er weiß, mit wem er es zu tun hat und welche Medikation der Patient ansonsten noch erhält. Im OTC-Bereich ist es denkbar, dass der Apotheker diese Daten dann auf der eGA ergänzen könnte, also einen Eingabezugang bekommt – immer vorausgesetzt, der Versicherte erlaubt das

 

PZ: Wo sehen Sie grundsätzlich die Rolle des Apothekers in der Zukunft?

 

Baas: Die Apotheker müssen sich mit der Digitalisierung und der Frage, was sie für den Berufsstand bedeutet, auseinandersetzen. In puncto Arzneimittelversand sind gleich lange Spieße wichtig. Ihn einfach zu verbieten, halte ich für den falschen Weg. Langfristig muss jeder am System Beteiligte seinen Nutzen für den Patienten unter Beweis stellen. Hier hat der Apotheker mit seiner Präsenz vor Ort sicher eine wichtige Rolle.

 

PZ: Finden Sie es sinnvoll, den Apotheker in der Prävention mehr einzubinden?

Baas: Das ist keine schlechte Idee. Zunächst sollte man aber den Begriff Prävention klären. Die meisten Präventionsmaßnahmen kosten viel Geld und haben einen geringen Nutzen, weil sie nach dem Gießkannenprinzip unspezifisch und zu breit eingesetzt werden. Das Geheimnis guter Prävention ist, denjenigen herauszufinden, der sie wirklich braucht. Hier könnte der Apotheker bei der Ansprache unterstützen.

 

PZ: Wie hält es die TK mit der Fernberatung bei der Arzneimittelabgabe, wie es bislang Doc Morris in Hüffenhardt probiert hat?

 

Baas: Das Problem ist nicht die Fernberatung, sondern die ungleich langen Spieße, mit denen gekämpft wird. Diese muss man gesetzlich regulieren. Sich einer Bedrohung zu stellen, indem man sie verbietet, hat fast nie funktioniert. Es ist stattdessen besser, auf den eigenen Stärken aufzubauen. Die persönliche Nähe ist solch eine Stärke des Apothekers. Wenn die Menschen aber den Eindruck gewinnen, es geht gar nicht darum, dass etwas besser ist, sondern nur darum, eigene Pfründe zu sichern, dann kann das schnell ins Negative kipp­en.

 

PZ: Die EU-Versender werben mit hohen Rabatten auf die Zuzahlungen zu Rx-Arzneimitteln. Wer soll die Boni bekommen?

 

Baas: Da sind wir wieder bei den ungleich langen Spießen. Entweder müssten die Versender ihre Boni an die Kassen abführen, wie die Vor-Ort-Apotheken. Oder die Vor-Ort-Apotheken müssen im Bereich der Zuzahlungen ebenfalls Boni an die Versicherten weitergeben dürfen.

 

PZ: Die TK gilt als die Kasse, die bei der Digitalisierung am weitesten fortgeschritten ist. Auf welche digitalen Anwendungen möchten Sie privat auf keinen Fall verzichten?

 

Baas: Ich habe eine tolle Motorrad-App. Bevor ich losfahre, zeigt sie mir die kurvenreichste Strecke, um von A nach B zu kommen. Generell bin ich ein großer GPS-Freund und führe mit einer anderen App seit vier Jahren ein GPS-Tagebuch: So weiß ich, wann ich wo war, was ich gemacht habe. Zudem habe ich noch einen Fitness-Tracker.

 

PZ: Wenn Sie unverhofft einen freien Tag hätten, würden Sie also Motorrad fahren?

 

Baas: Entweder das oder an alten Motorrädern oder Autos schrauben. Ich bin ein sehr handwerklicher Typ, habe ja auch lange in der Chirurgie gearbeitet. Ich brauche einfach etwas, wo ich frickeln kann. Ich spiele aber auch gern Gitarre oder lese.

 

PZ: Wie hält sich der Chef der größten Krankenkasse fit?

 

Baas: Ich mache viermal die Woche mindestens ein halbe Stunde Sport. Zum Beispiel auf den Crosstrainer und schaue dabei fern. Klassisches Joggen finde ich leider eher langweilig. /

Mehr von Avoxa