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Gutachten

Neuverblisterung rechnet sich nicht

26.06.2006  11:26 Uhr

Gutachten

Neuverblisterung rechnet sich nicht

von Conny Becker, Berlin

 

Wer wie assist Pharma die industrielle Verblisterung von Arzneimitteln vorantreiben will, wirbt mit Begriffen wie Complianceverbesserung und Kostensenkung. Die auf den ersten Blick eingängigen Werbeslogans halten jedoch nicht, was sie versprechen.

 

Zunächst hörte sich auch für Professor Dr. Eberhard Wille die Neuverblisterung von Arzneimitteln für chonisch Kranke nach einer »nahe liegenden Geschichte« an. Der Vorsitzende des Sachverständigenrates für das Gesundheitswesen hoffte auf zwei Effekte: Der Arzneimittelmüll könnte ebenso reduziert werden wie Folgeschäden auf Grund unterlassener Arzneimitteleinnahme. Das war vor dem Gutachten.

 

»Die Neuverblisterung rechnet sich ökonomisch nur in Ausnahmefällen.« Zu diesem ernüchternden Schluss kam der Mannheimer Ökonom bei der Vorstellung eines im Auftrag des Verbands forschender Arzneimittelhersteller erstellten Gutachtens zu Kosten und Nutzen einer Neuverblisterung. Denn bei näherem Hinsehen sprechen immer weniger Argumente für das industrielle Verblistern.

 

Allgemein vorausgesetzt wird, dass patientenindividuelle Wochenblister die Compliance verbessern. Etwa die Hälfte der Patienten befolgt allerdings schon von sich aus die Therapievorgaben, bei ihnen »bringt die Verblisterung nichts«, so Wille. Und auch bei der anderen Hälfte können Wochenblister keine Wunder bewirken, denn rund 50 Prozent von ihnen nehmen ihr Medikament absichtlich nicht ein.

 

Unter denjenigen Patienten, bei denen die Einnahme aus Vergesslichkeit oder auf Grund einer Behinderung gefährdet ist, könnte sich allerdings die Compliance erhöhen - bei jedem Zweiten, so Willes Rechnung. Diese Gruppe müsste jedoch noch weitere Kriterien erfüllen: Die Patienten müssten mehr als drei Arzneimittel pro Tag einnehmen und zwar solche, die dauerhaft verordnet werden. Die Einnahme müsste zudem wegen der Blisteraufteilung auf maximal vier Zeitpunkte beschränkt sein. »Es ist ganz offensichtlich, dass man Säfte nicht verblistern kann, Inhalationssprays auch nicht und bei Zäpfchen stell ich mir das auch sehr schwierig vor«, sagte Wille. Damit kämen auch nur etwa 80 Prozent der Arzneimittel für ein Verblistern infrage. Doch gerade die restlichen 20 Prozent würden überdurchschnittlich häufig von Chronikern eingenommen. Schließlich wird das Arzneimittelsortiment durch das verblisternde Unternehmen eingeschränkt: Derzeit verpackt assist 400 verschiedene Präparate.

 

Alles in allem ergebe sich daher nur bei maximal 16 Prozent der Patienten ein Nutzen, was nicht wenig wäre, könnte man diese konkret identifizieren. Dies hält Wille jedoch für utopisch, zumal DMP-Programme gezeigt hätten, dass an innovativen Projekten gerade therapietreue Patienten teilnehmen. Dies würde bedeuten, dass alle chronisch Kranken, die den übrigen Kriterien entsprechen, Blister erhalten müssten, Compliance hin oder her.

 

Ebenso wenig wie das generelle Versprechen einer Complianceverbesserung kann das der Kostensenkung Willes Analyse standhalten: Rechne man Material-, Versand-, Investitions-, Personal- und Verwaltungskosten zusammen, komme man auf 1,60 Euro pro Wochenblister. »Die Bandbreite liegt zwischen 1,20 Euro und 1,90 Euro«, sagte Wille. Hinzu kämen 1,50 Euro für die Apotheke, die Blisterpackungen auf ihre Zusammensetzung kontrollieren und bei einer Medikationsänderung gegebenenfalls nicht mehr benötigte Arzneimittel herauslösen müssten. Somit würden insgesamt Kosten von rund 3 Euro, günstigstenfalls von 2,50 Euro anfallen. Die Einsparungen für die GKV beträgt dem Gutachten zufolge jedoch höchstens 60 Cent.

 

Einen von Professor Dr. Karl Lauterbach eingebrachten Zusatzeffekt durch den Gebrauch von N3-Packungen beim Verblistern, kann Wille nicht erkennen, da chronisch Kranke in der Regel bereits Großpackungen erhalten. Weitere Kosten könnten höchstens dadurch gesenkt werden, wenn künftig Bulkware verblistert würde. Ab wann dann mit einem echten Spareffekt zu rechnen ist, blieb jedoch offen.

 

Feststehen dürfte allerdings, dass sich der Wettbewerb mit der industriellen Verblisterung verschärfen würde. Wille geht davon aus, dass der Verblisterer versuchen werde, gleichzeitig als Großhändler zu fungieren. In diesem Fall sei damit zu rechnen, dass Apotheken auf einen Teil ihrer Großhandelsmargen verzichten müssten. Einige größere Apotheken würden diesen Pakt allerdings sicher eingehen, wenn sie vom Verblisterer einen höheren Umsatz garantiert bekämen, so Willes Prognose. Ebenso werde eine Zusammenarbeit auch für einige wenige Hersteller Vorteile bringen, auch wenn die Mehrheit gegen das Konzept ist. Zusätzlich müssten GKV und Politik bei ihrem Urteil über Verblisterung im Hinterkopf behalten, dass Apotheker ihre Stellen künftig auch abrechnen wollten. Derzeit bieten viele Apotheken das händische Auseinzeln als Serviceleistung an.

 

Dass ein industrielles Verblistern noch viele weitere Fragen aufwerfen kann, machte VFA-Geschäftsführer Dr. Ullrich Vorderwülbecke deutlich. So müsse man sich fragen, wie künftige Arzneimittelrückrufe vonstatten gehen sollten und ob Patienteninformationen wie die Packungsbeilage verzichtbar seien. Nicht auszuschließen sei zudem, dass die verschiedenen Arzneimittel untereinander in ihrem Blisterfach reagieren. Wer sollte dann bei arzneimittelbedingten Problemen haften - Hersteller, Verblisterer oder Apotheker?

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