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Magersucht

Hungern bis ans Limit

16.06.2008  10:02 Uhr

Magersucht

Hungern bis ans Limit</typohead type="3">

Von Bettina Sauer

 

»Weiblich, jung, ehrgeizig und lebensgefährlich« ­ mit diesen Worten charakterisierte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen bei einer Präventionskampagne die Magersucht. Wissenschaftlern gilt sie heute als Ausdruck tieferliegender Probleme. Psychotherapien helfen, dem Teufelskreis des Hungerns zu entkommen.

 

Seelische Nöte trieben Melanie Müller (Name geändert) in eine Art Hungerstreik. Die ungewohnten Anforderungen ihrer Ausbildung machten der damals 19-Jährigen Angst, die neue Partnerin ihres Vaters brachte ihr Ablehnung entgegen. Und dann verunglückten innerhalb von zwei Wochen zwei ihrer besten Freunde tödlich. »Ab diesem Punkt konnte ich einfach nicht mehr essen«, sagt Müller im Gespräch mit der PZ. Vor zwei Uhr nachmittags bekam sie gar nichts herunter, danach nur unwesentlich mehr. Es half nichts, dass ihr Freund ständig für sie kochte. Die wachsende Sorge ihrer Mutter drang nicht zu ihr durch, auch nicht die ihrer Freunde und Berufsschullehrer. Es störte sie zwar, dass fremde Leute hinter ihr herguckten und Sprüche machten und dass ihr nur noch Kleidung aus der Kinderabteilung passte. Trotzdem hungerte sie weiter, insgesamt drei Jahre lang. Eher ihrem Freund als sich zuliebe begann sie vor wenigen Wochen eine Therapie in der Essstörungs-Ambulanz der Charité Universitätsmedizin Berlin. Zu diesem Zeitpunkt brachte sie bei einer Körpergröße von 1,56 Meter nur noch 36 Kilo auf die Waage.

 

Damit betrug ihr Body-Mass-Index (BMI, berechnet aus dem Gewicht geteilt durch die Größe in Meter zum Quadrat) einen Wert von 14,8. Liegt der Index unter 17,5, beziehungsweise das reale Körpergewicht unter 85 Prozent des erwarteten, spricht das stark für eine Magersucht (Anorexia nervosa). So steht es in den Diagnosekriterien der »International Classification of Diseases« der Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrer zehnten Fassung (ICD-10), die im deutsprachigen Raum meist zum Einsatz kommen.

 

Die WHO umschreibt die Magersucht als typisch weibliche Krankheit, die insbesondere Teenager betrifft. Schätzungen zufolge leiden rund zehnmal so viele Frauen daran wie Männer - etwa 0,3 bis 1 Prozent in der Altersgruppe von 12 bis 35 Jahren. Der Erkrankungsgipfel liegt bei 14 bis 16 Jahren. Mit aller Kraft bekämpfen die Betroffenen ihr Körpergewicht, sie verweigern kalorienreiche Nahrung, treiben exzessiv Sport, bringen sich selbst zum Erbrechen, experimentieren mit Appetitzüglern, Abführ- und Entwässerungsmitteln. Laut ICD-10 geht die Krankheit mit einer »spezifischen Psychopathologie« einher, einer »tief verwurzelten überwertigen Idee«: der Angst, zu dick zu sein oder zu dick zu werden.

 

Diese Furcht kennzeichnet auch eine weitere häufige Essstörung, die Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa), allerdings gepaart mit einem Kontrollverlust bei der Nahrungsaufnahme. Anfallsartig schlingen die ebenfalls meist jungen weiblichen Betroffenen riesige und kalorienreiche Mengen an Essen in sich hinein, um sich dann beispielsweise den Finger in den Hals zu stecken. Durch solcherlei Maßnahmen bleibt ihr BMI meist im Normbereich. Als weitere Störung nennt die WHO Ess-Anfälle, die als Reaktion auf psychisch belastende Ereignisse und ohne Gegenmaßnahmen erfolgen, sodass die Betroffenen in der Regel stark zunehmen. Eine große Gruppe Essgestörter schlingert zwischen den drei Krankheitsbildern hin und her oder lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Auch Müllers Leiden zeigt nicht alle Kennzeichen einer klassischen Magersucht und gilt deshalb laut ICD-10 als atypische Anorexia nervosa. So hat sie sich, wie sie sagt, nie vorm Dick-Werden gefürchtet, weder jetzt noch vor Ausbruch der Krankheit, als sie um die 50 Kilo wog.

 

Doch wie in ihrem Fall, lassen sich bei vielen Essstörungen unmittelbare Auslöser finden. Weiterhin scheinen beim Entstehen nach dem heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand verschiedene genetische, biologische, psychische, familiäre Faktoren und das kulturell bedingte Schlankheitsideal verhängnisvoll zusammenspielen. »Überdünne Models sind allgegenwärtig«, sagt Dr. Bettina Kallenbach-Dermutz, Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und Leiterin der Essstörungs-Ambulanz der Charité. »Und ihnen nachzueifern gilt nicht nur als Schlüssel zu körperlicher Attraktivität, sondern auch zu Anerkennung, Liebe und Glück.« Insbesondere für junge Mädchen, die ihre Persönlichkeit gerade erst entwickelten, berge dieses Schlankheitsideal Gefahren. Einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zufolge möchte über die Hälfte der 13- und 14-Jährigen dünner sein.

 

Weiterhin zeigen systematische Familienuntersuchungen, dass sich das Risiko für eine Magersucht etwa verzehnfacht, wenn Verwandte ersten Grades daran leiden oder litten. Auch zeigen viele Betroffene erhebliche Veränderungen im Bereich von Hormonen und Nervenbotenstoffen, die Hunger und Appetit regulieren, unter anderem im Dopamin- und Serotonin-System. Als typische Persönlichkeitsmerkmale nennen Fachveröffentlichungen Beharrlichkeit, Perfektionismus, Introvertiertheit und ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Gene scheinen diese Eigenschaften mitzuprägen, allerdings auch ein behütender, einengender und leistungsorientierter Erziehungsstil. Die Patientinnen, die zu Kallenbach-Dermutz in die Charité kommen, zeigen viele Gemeinsamkeiten: »Oft sind sie überangepasst an die elterlichen Wüsche, tüchtig, brav, eher still und recht ängstlich.« Bei vielen zeige sich eine tief verwurzelte Selbstwertstörung. »Sie glauben, sich Anerkennung und Liebe durch herausragende Leistungen erarbeiten zu müssen, etwa in der Schule, beim Sport oder eben durch Hungern.«

 

Macht durch Hungern

 

Zunächst erlebten viele Magersüchtige ihre Krankheit denn auch positiv. »Schließlich erfahren sie erst einmal Bewunderung für ihren schlanken Körper, empfinden ein Gefühl von Macht, Stärke und Sicherheit.« Typische Gedanken seien: »Ich kann etwas, was niemand kann, nämlich auf Essen verzichten.« Oder: »In puncto Essen könnt ihr mich zu nichts zwingen.« Oder: »Auch wenn ich in vielen Dingen scheitere, die Kontrolle über meinen Körper behalte ich.«

 

Ein Trugschluss, in Wirklichkeit übernehmen Ängste und Zwänge zunehmend das Kommando. Dann fühlen sich Betroffene zwar meist nicht mehr besonders gut, kommen aus dem Krankheitsprozess aber auch nicht mehr heraus. Die Gedanken kreisen nur noch um Essen, Gewicht und Figur. »Viele Magersüchtige entwickeln eine verzerrte Wahrnehmung ihres Körpers, eine sogenannte Körperschemastörung. Sie empfinden ihr Spiegelbild als dick, selbst wenn die Kleidung bereits um den Körper schlottert oder sich die Knochen unter der Haut abzeichnen. Dann werden die Portionen noch einmal kleiner, die Joggingstrecken ein Stück länger.

 

Der Gewichtsverlust kann lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Zu den medizinischen Komplikationen zählen Nierenschäden, Infektionen, ein zu niedriger Blutdruck und ein verlangsamter, unregelmäßiger Herzschlag, Veränderungen des Blutbilds und des Gehirns. Häufiges Erbrechen und der Missbrauch von Abführmitteln führen zu Störungen des Wasser-, Elektrolyt- und Mineralstoffwechsels. Zu den wesentlichen diagnostischen Hinweisen gemäß ICD-10 zählt das Ausbleiben oder gar nicht erst Einsetzen der Regelblutung, zu den Spätfolgen die Osteoporose und zu den psychischen Auswirkungen Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen. Letzteres belegt eine Auswertung der Studien zum Thema, die Dr. Cynthia Bulik und Kollegen von der International University of North Carolina 2007 im »International Journal of Eating Disorders« veröffentlichten. Demnach liegen die allgemeine Sterblichkeit von Magersüchtigen und ihre Selbstmordrate deutlich über dem Bevölkerungsschnitt.

 

Als Mittel der Wahl bei einer Magersucht gilt derzeit die Psychotherapie. »Wer vermutet, dass jemand in seiner Umgebung an Magersucht leidet, sollte das Gespräch mit der Person suchen und seine Sorge zum Ausdruck bringen«, sagt deshalb Kallenbach-Dermutz. »Wenn Betroffene sich mit ihren Problemen ernst genommen fühlen, stimmen sie einem Besuch bei einem Arzt, Psychotherapeuten oder einer Beratungsstelle am ehesten zu.« Auf Strenge, Vorwürfe und die Nötigung zum Essen reagierten die meisten Betroffenen dagegen mit Ablehnung. Dr. Monika Gerlinghoff, Leiterin vom Therapie-Centrum für Essstörungen in München, rät im Gespräch mit der PZ, möglichen Patienten Ratgeber-Bücher oder anderes Informationsmaterial zu geben. »Viele erkennen erst durch die Lektüre, dass bei ihnen ein ähnliches Problem vorliegt, und entscheiden sich, sich professionell helfen zu lassen.« Informationen und Buchtipps stehen auf der Homepage des Therapiezentrums (www.t-c-e.de). Eine Zusammenstellung von Hilfsangeboten, Kontaktadressen und allgemeine Informationen bietet auch die BZgA unter www.bzga-essstoerungen.de. Ferner hat sie ein anonymes Beratungstelefon unter 0221 893021 eingerichtet.

 

Behandlungen erfolgen ambulant, stationär oder teilstationär und umfassen verschiedene Elemente der Ernährungs- und Psychotherapie. Meist finden sie in der Gruppe statt. So können sich die Betroffenen austauschen, ihr Sozialverhalten schulen und sich gegenseitig motivieren, die Therapien durchzuhalten. Das gilt auch und vor allem beim Essen, das Kallenbach-Dermutz als »Geländer« der Behandlung bezeichnet. Die Patienten nehmen Haupt- und Zwischenmahlzeiten mit festgelegten Kalorienzahlen zu fixen Zeiten ein. Dadurch sollen sie sich wieder an ein regelmäßiges und gesundes Essverhalten gewöhnen und ihr Gewicht behutsam in den normalen Bereich heben. Zu diesem Zweck treffen sie mit den Therapeuten Vereinbarungen, wie etwa eine Gewichtszunahme von 500 g in der Woche. Fortschritte werden belohnt, zum Beispiel durch mehr Selbstständigkeit beim Essen. »Das Erlernen einer individuellen Essstruktur hilft den Patienten auch langfristig«, sagt Gerlinghoff. »Wenn sie merken, dass ihnen ein Rückfall droht, können sie sich stur an dieses Schema halten.« Auch Ernährungslehre steht auf den meisten Therapieplänen. Viele Magersüchtige wissen zwar genau, wie viele Kalorien in Brot, Butter oder Bananen stecken, jedoch kaum etwas über ausgewogene Mahlzeiten.

 

»Es reicht nicht, die körperlichen Symptome der Magersucht zu behandeln«, betont Gerlinghoff. »Vor allem müssen die Betroffenen das zugrunde liegende psychische Problem lösen und ihr Selbstwertgefühl wieder von Gewicht und Figur entkoppeln.« Ansonsten sei der Heilungserfolg gering, beziehungsweise das Rückfallrisiko hoch. Die Auswahl der psychotherapeutischen Verfahren erfolgt meist individuell und berücksichtigt auch mögliche psychische Begleiterkrankungen. Häufig kommt die kognitive Verhaltenstherapie zum Einsatz. Unter anderem hinterfragt sie verzerrte Denkmuster, die einen Essstörungs-Anfall auslösen. Warum etwa sollte eine Nulldiät gegen Prüfungsangst helfen? Wie könnte man sich alternativ vor der nächsten Matheklausur verhalten? Patient und Therapeut entwickeln und trainieren solche neuen Denk- und Handlungsmöglichkeiten. Mithilfe der Tiefenpsychologie lassen sich Persönlichkeitsmerkmale und familiäre Konflikte erkennen und aufarbeiten, die eine Magersucht möglicherweise mitverursacht haben. Bei der Bewältigung hilft oft auch die Familientherapie unter Einbezug der Angehörigen. Weitere Verfahren runden die Behandlung ab. In der Gestaltungstherapie suchen Patienten nach kreativen Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Gefühle. In der Entspannungs- und Bewegungstherapien lernen sie, vernachlässigte körperliche Bedürfnisse wahrzunehmen und Stress abzubauen. Die Körpertherapie hilft ihnen, ihr verzerrtes Selbstbild mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen.

 

Der Einsatz von Medikamenten bei Magersüchtigen bleibt bislang in der Regel erfolglos. »Mitunter unternehmen Ärzte Versuche mit antidepressiv wirksamen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern oder dem atypischen Neuroleptikum Olanzapin«, sagt Kallenbach-Dermutz. »Doch gibt es diesbezüglich noch keine gute Studienlage.« Auch führe längst nicht jede psychotherapeutische Behandlung zum Erfolg. »Viele Betroffene zeigen trotz professioneller Bemühungen keinerlei Krankheitseinsicht. Sie empfinden die Magersucht als Teil von sich, den sie nicht aufgeben möchten.« Andere machten enttäuschende Erfahrungen mit ihren Therapeuten, oder sie blieben nach einem Heilerfolg hochgradig anfällig für Rückfälle. Das belegt unter anderem eine Langzeitbeobachtung, die Professor Dr. Wolfgang Herzog und Kollegen vom Universitätsklinikum Heidelberg 2000 im Fachjournal »The Lancet« veröffentlichten. Demnach zeigte nur die Hälfte der ehemaligen Patienten 21 Jahre nach der ersten Klinikeinweisung keinerlei Symptome von Magersucht, 10 Prozent hingegen das Vollbild der Erkrankung. Weitere 15 Prozent lebten nicht mehr. Für Kallenbach-Dermutz zeigen solche Zahlen die Gefährlichkeit der Erkrankung und die Notwendigkeit, die Therapien genauer zu erforschen und zu verfeinern. Schon jetzt zeigen Studien: Je früher eine Psychotherapie beginnt, desto größer scheint ihr langfristiger Erfolg.

 

Melanie Müller sagt, ihr tut die Behandlung in der Charité und der Kontakt mit den anderen Patienten gut. Drei Kilo in drei Wochen hat sie schon zugenommen, diese Woche noch darf sie in eine ambulante Therapie wechseln. Sie freut sich auf zu Hause, auf ihren Freund, die Katzen und den Rest der EM beim Public Viewing. Bald bekommt sie die Ergebnisse ihrer Abschlussprüfungen, danach möchte sie bei ihrem Freund im Betrieb mit einsteigen. Einige Dinge hat sie sich vorgenommen: Nein zu sagen, wenn sie etwas nicht will. Ihrem Vater einen Brief zu schicken. Und tagsüber alle zwei Stunden eine Kleinigkeit zu essen. Ihre Chancen, dass sie es schafft, könnten gut stehen. Auf die Frage, was ihr am meisten Spaß macht, lacht sie: »Im Moment? Essen!«

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