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Sortimentsverbesserung

Wie erfolgreich ist Ihre Sichtwahl?

07.06.2016
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Von Christian Knobloch und Hendrik Schröder / Bei der Planung des Sortiments für die Sichtwahl und die Platzierung der einzelnen Arzneimittel ergeben sich folgende Fragestellungen: Welche Arzneimittel sollen im Sortiment bleiben, welche ausgelistet, welche aufgenommen werden? Wo im Regal sollen welche Arzneimittel platziert werden? Wie viele Packungen (Facings) sollen von ihnen dort stehen? Ein Fallbeispiel.

Wir gehen in unseren Überlegungen davon aus, dass der Apotheker anstrebt, seinen Gewinn zu verbessern, also ein höheres Betriebsergebnis zu erzielen. Zumindest aber sollte er wissen, welche Möglichkeiten er hat, das Betriebsergebnis zu beeinflussen. Das Betriebsergebnis ergibt sich aus dem Umsatz abzüglich der Warenkosten und der Handlungskosten. 

 

Letztere können auch als Betriebskosten bezeichnet werden. Oder anders ausgedrückt: Das Betriebsergebnis ist die Differenz aus Rohertrag und Betriebskosten. Mit dem Rohertrag muss der Apotheker alle Betriebskosten decken sowie daraus sein Einkommen erwirtschaften.

 

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um den Umsatz, die Warenkosten – und damit den Rohertrag – sowie die Betriebskosten zu beeinflussen. Nach unseren Erfahrungen haben etliche Apotheken noch ein großes Gewinnpotenzial, das gehoben werden kann. Wie dies geschehen kann, zeigen wir am Beispiel eines konkreten Warenwirtschaftssystems und anhand von drei darin ausgewiesenen Kennzahlen: der Rohertrag je Artikel, der Rohertrag je Packung sowie die Lagerumschlagsgeschwindigkeit je Artikel. Die Analyse der beiden ersten Kennzahlen soll helfen, den Rohertrag der Apotheke zu steigern. Die Analyse der Lagerumschlagsgeschwindigkeit je Artikel soll helfen, die Betriebskosten zu senken.

PZ-Originalia . . .

In der Rubrik Originalia werden wissen­schaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von vier Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

 

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Grundsätzlich unterscheiden sich die Warenwirtschaftssysteme je nach Anbieter darin, in welchem Umfang sie Informationen zur Verfügung stellen und wie die Benutzeroberfläche gestaltet ist. Die Benutzeroberfläche kann als bedienungsfreundlich oder bedienungsunfreundlich empfunden werden. Eine schlechte Bedienungsfreundlichkeit kann ein Grund für die geringe Motivation des Apothekenpersonals sein, betriebswirtschaft­liche Kennzahlen anhand des Waren­wirtschaftssystems zu ermitteln und dadurch Handlungsbedarf zu er­kennen.

 

Das Fallbeispiel geht von der Software XT – Warenwirtschaft für Apotheken der Firma Pharmatechnik aus, einem Warenwirtschaftssystem, das noch auf einem Unix-System basiert. Die Bedienungsfreundlichkeit sowie das intuitive Verständnis für die Software sind eher gering. Sicherlich gibt es inzwischen modernere Warenwirtschaftssysteme. Das Fallbeispiel zeigt aber, dass sich mit geringem Aufwand auch einer älteren Software die relevanten Informationen entlocken lassen. Mit einem moderneren Warenwirtschaftssystem sollte dies um einiges leichter fallen. Die anschließend erläuterte Aufbereitung und Analyse der Kennzahlen mit dem Standard- Programm Excel von Microsoft ist unabhängig von dem jeweiligen Warenwirtschaftssystem.

 

Die Datengewinnung aus XT von Pharmatechnik

Als Erstes sind die Rohdaten zu gewinnen. Sie sollten für einen bestimmten Zeitraum (beispielsweise das vergangene Jahr) und eine bestimmte Indikationskategorie (beispielsweise Analgetika) folgende Informationen beinhalten: PZN, Name des Artikels, Darreichungsform, Menge, Absatz, Umsatz, Rohertrag, Lagerumschlagsgeschwindigkeit und Lagerort. In XT gelangt man über den Pfad »Büro – MMR-Listen Arbeitslisten – Sortiment – S3/S4-ABC-Warengruppenlisten« zu einer Übersicht. Hier sind einzelne Kennzahlen für die unterschiedlichen Indikationskategorien aggregiert. Sie lassen erkennen, welche Indikationskategorien den größten Anteil an Absatz, Umsatz oder Rohertrag haben. In der Regel werden dies die Kategorien Analgetika, Erkältung sowie Magen und Darm sein. Mit ihnen sollte bei einer Sortimentsanalyse begonnen werden. Nach der Auswahl der Indikationskategorie – in unserem Beispiel Analgetika – erhält man eine Liste mit Kennzahlen für alle Artikel dieser Kategorie (Abbildung 1). Der Monitor zeigt allerdings sowohl in vertikaler als auch in horizontaler Ausrichtung jeweils nur einen kleinen Ausschnitt der Liste. Über einen Druck auf die Taste F8 gelangt die gesamte Liste in die Zwischenablage des Computers.

 

Die Aufbereitung der Daten in Excel

Nach dem Programmstart von Excel kann die in der Zwischenablage gespeicherte Liste durch die Tastenkombination Strg+V in das Tabellenblatt eingefügt werden. Abbildung 2 zeigt das Ergebnis. In horizontaler Ausrichtung liefert das Tabellenblatt bereits alle Informationen, in vertikaler Ausrichtung kann man mit der Maus durch das Tabellenblatt scrollen. Die Übersichtlichkeit der Darstellung lässt allerdings noch zu wünschen übrig. Dies lässt sich ändern, indem die Spalte A ausgewählt und die Funktion »Text in Spalten« in der Registerkarte »Daten« angeklickt wird. Dadurch kann der Text, der sich im Moment noch ausschließlich in Spalte A befindet, anhand der Leerzeichen in Spalten untergliedert werden. Diese Spalten enthalten dann die jeweiligen Kennzahlen. Nach dem Anklicken der Funktion »Text in Spalten« erscheint ein erstes Dialogfeld, in dem die Option »Feste Breite« ausgewählt sein sollte. Die folgenden Dialogfelder bieten eine Vorschau auf die zukünftige Strukturierung der Daten. Falls diese Struktur noch nicht benutzerfreundlich genug sein sollte, können in der Vorschau durch Mausklick separate Spalten erzeugt werden. Es bietet sich an, Schrägstrichen oder sonstigen unnötigen Trennzeichen jeweils eine eigene Spalte zuzuweisen, um diese Spalten später einfach löschen und damit die Übersichtlichkeit steigern zu können. Nach einer solchen Überarbeitung und der Bearbeitung beziehungsweise Formatierung der Spaltenüberschriften erhält man eine Tabelle, wie sie Abbildung 3 zeigt.

 

Zwei Hinweise: Ganze Spalten oder Zeilen lassen sich löschen, indem man den jeweiligen Spaltenbuchstaben oder die jeweilige Zeilenzahl mit der rechten Maustaste anklickt und dann die Option »Zellen löschen« wählt. Eine Überschrift lässt sich über mehrere Spalten verteilen, indem die Zellen markiert werden, über die sich die Überschrift erstrecken soll, und dann in der Registerkarte »Daten« die Funktion »Verbinden und zentrieren« ausgewählt wird.

 

Die Analyse der Daten

Im Folgenden betrachten wir drei Kennzahlen, um das Sortiment zu analysieren und auf Gewinnsteigerungspotenziale hin zu untersuchen. Das sind der Rohertrag je Artikel, der Rohertrag je Packung (auch als Handelsspanne bezeichnet) sowie die Lagerumschlagsgeschwindigkeit je Artikel. Die Excel-Daten der Artikel lassen sich nach der jeweiligen Kennzahl sortieren. Dies gelingt über die Funktion »Sortieren« in der Registerkarte »Daten«. In Abbildung 3 sind die Artikel anhand ihres Rohertrages (Spalte G) in absteigender Reihenfolge sortiert.

 

  • Der Rohertrag eines Artikels
     

Der Rohertrag eines Artikels ergibt sich aus dessen Nettoumsatz (= Absatz mal Netto-Verkaufspreis) abzüglich des effektiven Einkaufswerts (= Absatz mal Netto-Netto-Einkaufspreis). Netto-Netto-Einkaufspreis bedeutet, dass alle Rabatte und Skonti dieses Artikels abgezogen worden sind. Dies setzt vo­raus, dass solche Rabatte und Skonti dem Artikel eindeutig zugerechnet werden können, also Einzelerträge sind. Schwierig wird es, wenn warenbezogene Rabatte und Skonti nicht einem einzelnen Artikel zugeordnet werden können. Sie sind dann Gemeinerträge und müssten auf die einzelnen Artikel geschlüsselt werden. Ein weiteres Problem entsteht, wenn es zwar artikelbezogene Rabatte und Skonti gibt, diese aber nicht oder nur mit erheblichem Aufwand in das Warenwirtschaftssystem eingepflegt werden können. Geschieht Letzteres nicht, so stimmen die im Warenwirtschaftssystem ausgewiesenen Werte für den Rohertrag je Artikel und je Packung nicht mit den tatsächlichen Rohertragswerten überein. Dann kann es möglicherweise zu Fehlentscheidungen kommen.

 

Die nach dem Rohertrag sortierten Artikel zeigen, welche Artikel für einen hohen Rohertrag verantwortlich sind. Für jeden Artikel wird zudem der Lagerort (LO, Spalte L in Abbildung 3) ausgewiesen. In unserem Beispiel bezeichnen die Lagerorte G und E Platzierungen im Sichtwahlregal der Offizin, der Lagerort U bezeichnet Schubladen unter dem HV-Tisch, in denen »Sicht«wahl-Artikel lagern. Ein leeres Feld in Spalte L weist Artikel aus, die nicht in der Offi-zin, sondern an anderer Stelle in der Apotheke lagern.

Wenn man die nach dem Rohertrag sortierten Artikel betrachtet, dann fallen in den Top 15 vier Arzneimittel auf, die nicht im Sichtwahlregal präsentiert sind (Abbildung 4): Aspirin Complex (20 St.), IbuHEXAL akut 400 (20 St.), Buscopan Plus (20 St.) sowie Ibu akut 400 von 1A Pharma (50 St.).

 

Die Frage, ob diese vier Artikel in das Sichtwahlregal aufgenommen werden sollen, lässt sich mit Ja beantworten, wenn zu erwarten ist, dass durch die Präsenz im Regal der Absatz dieser Artikel steigt und sich damit der Rohertrag erhöht. Umgekehrt ist zu überlegen, ob erfolgreiche Artikel aus dem Sichtwahlregal herausgenommen werden sollen, wenn zu erwarten ist, dass sich deren Absatz dadurch nicht merklich verringert. Den Effekt, wie sich die Absätze im Sichtwahlregal durch die Aufnahme oder Herausnahme eines Artikels verändern, kann man als »Sichtwahl-Elastizität der Nachfrage« bezeichnen. Je unelastischer die Nachfrage nach einem Artikel darauf reagiert, ob er im Sichtwahlregal steht oder nicht, desto eher kann dieser Artikel aus dem Sichtwahlregal genommen werden. Eine solche Entscheidung eröffnet dann Platz für weitere Artikel im Sichtwahlregal, deren Nachfrage elastisch reagiert, und für Artikel, deren Absatz dadurch gesteigert werden kann, dass ihnen mehr Platz – mehr Facings – gegeben wird.

Hilfreich für die Lösung des Entscheidungsproblems ist es, wenn für jeden Artikel Elastizitätswerte vorliegen, man also weiß, wie sich die Absätze verändern, wenn den Artikeln mehr oder weniger Raum im Sichtwahlregal gegeben wird. Sollten solche Informationen noch nicht vorhanden sein, ist zu empfehlen, dass die Auswirkungen der Sichtwahl-Entscheidungen in regelmäßigen Abständen überprüft werden. Sehr leicht kann dies geschehen, indem der Gesamtumsatz einer Indikationskategorie über die Summenfunktion in Excel ermittelt wird. Für den Gesamt-Rohertrag der Indikationskategorie Analgetika ist das hier die Formel »=SUMME(G3:G130)«, die Excel anweist, alle Zahlen der Spalte G von der Zeile 3 bis zur Zeile 130 zu addieren (Abbildung 5). Um die tatsächliche Wirkung von Sortimentsveränderungen erfassen zu können und die Verzerrung durch Saisoneffekte zu vermeiden, bietet es sich an, quartalsweise Auswertungen zu erstellen und jeweils gleiche Quartale miteinander zu vergleichen – beispielsweise Frühling 2015 und Frühling 2016.

 

Unstrittig ist, dass Artikel, die sich am Ende der Liste befinden, das heißt, einen sehr niedrigen Rohertrag je Artikel aufweisen, und dennoch in der Sichtwahl präsent sind, aus dem Sichtwahlregal entfernt werden sollten, sofern sie durch rohertragsstärkere Artikel ersetzt werden können. Zudem ist zu untersuchen, ob sich bei der Auslistung von Artikeln die Absätze der übrigen Artikel erhöhen und dann über höhere Mengenrabatte deren Einkaufskonditionen verbessern lassen. Solche Effekte lassen sich auch durch die apothekenübergreifende Bündelung von Beschaffungsmengen erzielen, etwa in Apothekenkooperationen.

Bei Artikeln, die aufgrund der obigen Überlegungen nicht ausgelistet, aber aus dem Sichtwahlregal entfernt wurden, stellt sich die Frage: Wo sollen sie hin? Hier gilt, je höher der Absatz eines solchen Artikels in der Vergangenheit war, desto eher sollte er in den Schubladen unter dem HV-Tisch platziert werden, um für das Apothekenpersonal die Laufwege möglichst gering zu halten. Bei der Entscheidung, ob ein Artikel in das Sichtwahlregal aufgenommen oder aus ihm herausgenommen wird, kann der Rohertrag je Packung als weiteres Entscheidungskriterium herangezogen werden.

 

  • Rohertrag je Packung
     

Der Rohertrag je einzelne Packung wird auch als Handelsspanne bezeichnet. Es gibt drei Arten, wie sie verwendet wird: (1) als Differenz aus Verkaufspreis und Einkaufspreis, jeweils ohne Mehrwertsteuer, (2) als Aufschlagsspanne des Einkaufspreises oder (3) als Abschlags-spanne des Verkaufspreises. Der Rohertrag je einzelne Packung ist grundsätzlich unabhängig von der verkauften Menge. Es sei denn, mit höherem oder niedrigerem Absatz sinken oder steigen die Einstandspreise, weil Mengenrabatte wirksam werden.

 

Hier wird der Rohertrag je Packung als Differenz aus Verkaufspreis und Einkaufspreis verstanden. Werden die Arzneimittel nach dem Rohertrag je Packung (Spalte H in Abbildung 3) in absteigender Folge sortiert, kann es durchaus sein, dass ein Artikel, der sich hundertfach verkauft hat, hinter einem Artikel aufgelistet wird, der kaum verkauft wurde. Eine ausschließliche Orientierung am Rohertrag je Packung ist daher nicht sinnvoll, allerdings kann diese Kennzahl als Hinweis auf das Rohertragspotenzial gesehen werden. Besonderes Augenmerk ist auf Artikel zu legen, die einen relativ hohen Rohertrag je Packung haben, aber nicht im Sichtwahlregal präsent sind und sich dennoch einigermaßen verkaufen. Bei diesen Artikeln sollte geprüft werden, ob sie durch die Aufnahme in das Sichtwahlregal höhere Absätze und damit höhere Roherträge erzielen. In unserem Fall würde dies beispielsweise auf Buscopan Plus zutreffen. Im Gegenzug sollte bei Artikeln, die einen niedrigen Rohertrag je Packung aufweisen, geprüft werden, sie aus dem Sichtwahlregal herauszunehmen. Die Leser mögen selbst überlegen, welche der in Abbildung 3 aufgelisteten Artikel sie am ehesten aufgrund eines sehr geringen Rohertrags je Packung aus der Sichtwahl entfernen würden.

Weiterhin ist grundsätzlich zu prüfen, inwieweit kleine Packungen in der Sichtwahl durch größere Packungen ersetzt werden können. Letztere weisen in der Regel einen deutlich höheren Rohertrag je Packung auf. In Abbildung 6 wird dies am Beispiel von Aspirin Complex (Zeile 7 und 9) deutlich: Der Rohertrag der nicht im Sichtwahlregal vertretenen 20er-Packung liegt um mehr als 50 Prozent über dem Rohertrag der in der Sichtwahl präsentierten 10er-Packung.

 

Ein Austausch der Packungsgrößen in der Sichtwahl erscheint daher aus der Sicht des Kaufmanns sinnvoll. Dahinter steht die Absicht, den Apothekenkunden durch die Präsentation einer größeren Packung zu deren Kauf zu bewegen. Ob er ein solches Vorgehen aus Sicht des Heilberuflers für vertretbar hält, muss jeder Apotheker für sich entscheiden. Dies hängt vor allem von dem Bedarf des Kunden ab.

 

Es kann auch sein, dass der Kunde zweimal die Apotheke besucht und jeweils eine 10er-Packung Aspirin Complex kauft. Dann läge der Rohertrag mit zweimal 4,03 Euro = 8,06 Euro deutlich über dem Rohertrag, der erwirtschaftet werden kann, wenn »nur« eine 20er-Packung mit 6,23 Euro Rohertrag erworben wird. Allerdings kann sich der Apotheker nicht sicher sein, dass der Kunde die zweite 10er-Packung auch in seiner Apotheke kauft.

 

Schließlich ist noch auf folgendes Problem hinzuweisen: Wenn kleine Packungen im Sichtwahlregal durch größere Packungen ersetzt werden, dann nehmen sie mehr Platz in Anspruch und verdrängen möglicherweise andere Arzneimittel. Dieser Effekt zeigt, dass nicht der Rohertrag eines einzelnen Arzneimittels allein im Blick sein darf, sondern der Rohertrag des gesamten Sichtwahlregals.

 

  • Lagerumschlagsgeschwindigkeit je Artikel
     

Die Lagerumschlagsgeschwindigkeit gibt an, wie oft der Lagerbestand eines Artikels in einem bestimmten Zeitraum verkauft wird. Je größer die Lagerumschlagsgeschwindigkeit ist, desto geringer ist das gebundene Kapital und desto geringer sind die Lagerhaltungskosten. Eine hohe Lagerumschlagsgeschwindigkeit der einzelnen Artikel ist somit sinnvoll. Sie senkt die Handlungskosten beziehungsweise sorgt dafür, dass sie niedrig bleiben. Nun könnte man sagen, dass die Kapitalbindungskosten bei niedrigen Kapitalmarktzinsen und die Lagerhaltungskosten bei geringem Bedarf an Lagerraum sowie wenig Personalaufwand in der Lagerhaltung kaum ins Gewicht fallen. Dies ist grundsätzlich richtig. Es gibt aber noch einen weiteren Effekt: Das durch den Abbau überflüssiger Lagerbestände freigesetzte Kapital kann für andere Zwecke verwendet werden, sei es für die Unterstützung betrieblicher Abläufe, sei es für die Entnahme durch den Apotheker.

 

Für umschlagsstarke Arzneimittel können zweistellige Lagerumschlagsgeschwindigkeiten pro Jahr das Ziel sein. Gemessen wird die Lagerumschlagsgeschwindigkeit in unserem Beispiel – auf der Basis von Verkaufspreisen – als Quotient aus Umsatz und Durchschnittsbestand der vergangenen zwölf Monate.

 

Bei der Durchsicht der Artikelliste wird deutlich, dass viele Artikel eine relativ niedrige Lagerumschlagsgeschwindigkeit haben (Abbildung 7, Seite 48). Beispielsweise wurde der Lagerbestand an Formigran (Zeile 18 in Abbildung 7) in den letzten zwölf Monaten nur zweimal umgeschlagen, das heißt komplett verkauft. Hier und bei anderen Artikeln mit geringer Lagerumschlagsgeschwindigkeit sollte der Lagerbestand reduziert werden, um Kapitalbindungs- und Lagerhaltungskosten zu reduzieren und um Kapitalfreisetzungseffekte zu erzielen.

 

Der Kapitalfreisetzungseffekt im Beispiel von Formigran könnte in folgender Höhe ausfallen: Im vergangenen Jahr wurden 97 Packungen verkauft, durchschnittlich lagen 47 Packungen im Lager, das ergibt eine Lagerumschlagsgeschwindigkeit von rund 2 pro Jahr. Wenn die Nachfrage gleichmäßig war, sind pro Monat rund 8 Packungen verkauft worden. Wenn man nun von einem Sicherheitsbestand von 2 Packungen und einer Bestellmenge von 8 Packungen pro Lieferung und Monat ausgeht, dann liegt der durchschnittliche Lagerbestand bei 6 Packungen. Ein solcher Bestand toleriert auch gewisse Absatzschwankungen, ohne nicht verkaufsfähig zu sein. Das Risiko, nicht-verkaufsfähig zu sein, lässt sich zudem mit (mehrmaligen) täglichen Lieferungen reduzieren. Anmerkung: Die täglichen Lieferungen lassen es zu, den durchschnittlichen Lagerbestand von 6 Packungen noch weiter zu reduzieren.

 

Der bisherige durchschnittliche Lagerbestand ließe sich also um 41 Packungen reduzieren. Eine Packung Formigran kostet im Einkauf rund 4,40 Euro: (853 Euro minus 426 Euro)/97 Packungen. Wenn im Durchschnitt 41 Packungen weniger gelagert werden, könnte ein Kapital von 41 mal 4,40 Euro/Packung freigesetzt werden. Das sind rund 180 Euro – bei einem Artikel. Die Lagerumschlagsgeschwindigkeit läge dann bei rund 16. Dies ergibt sich aus dem Jahresabsatz von 97 geteilt durch 6 Packungen, die durchschnittlich im Lager liegen.

Kontakt

Diplom-Volkswirt Christian Knobloch

Leiter der Forschungsstelle für Apothekenmarketing am Lehrstuhl für Marketing und Handel

Universität Duisburg-Essen

Berliner Platz 6-8

45141 Essen

E-Mail: christian.knobloch@uni-due.de

 

Universitätsprofessor Dr. Hendrik Schröder

Inhaber des Lehrstuhls für Marketing und Handel

Universität Duisburg-Essen, Campus Essen

Universitätsstraße 12

45141 Essen

E-Mail: hendrik.schroeder@uni-due.de,  

 

www.apowi.net

Fazit

 

Je mehr Arzneimittel eine Apotheke in der Sichtwahl führt, desto anspruchsvoller wird es, gleichzeitig die vielfältigen Kundenbedürfnisse und den Erfolg der vielen Artikel im Auge zu behalten. Informationen über die Kundenbedürfnisse erhält der Apotheker aus den Ver-kaufsgesprächen, Informationen über den Erfolg der Arzneimittel aus dem Warenwirtschaftssystem.

 

Wer seine Erfolgspotenziale identifizieren und ausschöpfen will, muss sich systematisch und kontinuierlich mit den relevanten Kennzahlen befassen. Der Rohertrag je Artikel, der Roher-trag je Packung sowie die Lagerumschlagsgeschwindigkeit je Artikel sind geeignet, das Sortiment auf seinen Erfolg hin zu analysieren sowie Entscheidungen über die Auslistung und die Listung von Artikeln, die Platzierung von Artikeln sowie die Lagerbestände von Artikeln zu treffen.

 

Die Analyse ist durchaus mit einfachen Mitteln möglich. Wichtig ist es, Ursachen und Zusammenhänge zu erkennen. Am Anfang stehen die Fragen: Wo finde ich in meinem Warenwirtschaftssystem die relevanten Daten? Was muss ich tun, um mit diesen Daten arbeiten zu können? Wie werte ich die Daten aus? Welche Schlüsse kann ich aus den Auswertungen ziehen?

 

Grundsätzlich kann der Anbieter des Warenwirtschaftssystems helfen, Probleme im Zusammenhang mit den beiden ersten Fragen zu lösen. Die Auswertung der Daten gelingt umso zielführender, je besser sich die Mitarbeiter mit den Analyseprogrammen (zum Beispiel Excel) auskennen. Dies schließt eine Unterstützung von außen keineswegs aus. Für die Ableitung der Handlungsempfehlungen gilt: Je mehr relevante Daten vorliegen, desto besser. Dies betrifft vor allem Daten, die im Zeitverlauf durch regelmäßige Abfragen gewonnen werden können. An ihnen lässt sich ablesen, ob die angestrebten Wirkungen der Maßnahmen zur Sortimentsverbesserung erreicht worden sind.

 

Noch ein Hinweis zur Analyse der Daten: Es kann angenehmer sein, die Artikelliste mit den Kennzahlen auf Papier vor sich zu haben, anstatt sie auf dem Monitor zu sehen. Bei umfangreichen Artikellisten erzeugt Excel nach dem Druckbefehl (Tastenkombination Strg+P) allerdings nicht selten eine zweistellige Zahl von ausgedruckten Seiten, worunter die Übersichtlichkeit leidet. Dies lässt sich vermeiden, wenn man in der Funktion »Umbruchvorschau« der Registerkarte »Ansicht« mit der Maus die Seitenaufteilung vorgibt. Dadurch kann ein größerer Teil der Artikelliste auf einer DIN-A4-Seite abgebildet werden; allerdings wird der Schriftgrad umso kleiner, je mehr Zeilen und Spalten der Tabelle die Seite anzeigen soll. /

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