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Lipidsenkung

Plädoyer für Statine

31.05.2017  09:31 Uhr

Statine sind zum Senken des LDL-Cholesterolspiegels etablierte und effiziente Substanzen. Zu Unrecht hätten sie eine schlechte Presse, wie Professor Dr. Dietmar Trenk vom Universitäts- Herzzentrum in Bad Krozingen betonte. Der Pharmakologe zeigte in seinem Vortrag den aktuellen wissenschaftlichen Stand zu dieser Arzneistoffgruppe auf.

Immer wieder werde in Publikumsmedien mit Überschriften wie »Die Fettlüge« infrage gestellt, dass Low- Density-Lipoproteine (LDL) an der Pathogenese von kardiovaskulären Erkrankungen ursächlich beteiligt sind, berichtete der Pharmakologe. »LDL-Cholesterol ist ein Risikofaktor trotz anderslautender Berichte.« 

 

Ein Beleg für den Zusammenhang sind vor allem Mutationen, die zu stark erhöhten LDL-Spiegeln führen. Bei Trägern dieser Mutationen, die also eine familiäre Hypercholesterolämie aufweisen, sind Herzinfarkte schon in der Kindheit möglich. Ein Absenken der LDL-Werte hat somit einen schützenden Effekt.

 

Laut Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie werden in Abhängigkeit vom kardiovaskulären Risiko des Patienten Zielwerte für LDL-Cholesterol vorgegeben. Bei sehr hohem Risiko sollten Patienten unter einen Wert von 70 mg/dl kommen oder eine Reduktion um 50 Prozent des Ausgangswerts erreichen. Bei hohem Risiko ist 100 mg/dl das Ziel (oder Reduktion um 50 Prozent). Bei mäßigem Risiko sollte ein Wert unter 115 mg/dl erreicht werden.

 

Adhärenz steigern

 

»Ein Problem von Medienberichten über unerwünschte Arzneimittelwirkungen der Statine ist, dass darunter die Adhärenz leidet«, sagte der Mediziner. So gebe es keine Hinweise darauf, dass diese Arzneistoffe das Krebsrisiko erhöhen. Allerdings heben sie das Diabetesrisiko geringfügig an. »Hier herrscht Aufklärungsbedarf«, so Trenk. Zu den schwerwiegenden, aber seltenen Nebenwirkungen der Therapie gehören Myopathien, die durch Muskelschmerzen und -schwäche charakterisiert sind. Muskelbeschwerden werden von Patienten viel häufiger beklagt, als die in Studien ermittelte Häufigkeit der Myopathien vermuten lässt. »Hier könnte ein Nocebo-Effekt dahinterstecken«, so Trenk. Darauf weise auch eine aktuelle britische Studie im Fachjournal »The Lancet« hin. In der doppelblinden Studie, in der Atorvastatin gegen Placebo getestet wurde, klagte auch ein Drittel der Probanden in der Placebogruppe über Muskelschmerzen (DOI: 10.1016/S0140-6736(17)31075-9). »Diesem Phänomen müssen wir uns nähern«, sagte der Mediziner. »Wir müssen dringend die Adhärenz steigern.«

 

Die Behandlungsrealität in Deutschland sei insgesamt schockierend. Nur 11 Prozent der Patienten mit sehr hohem kardiovasku­lärem Risiko erreichten den Zielwert von unter 70 mg LDL/dl. Als vergleichsweise neue Therapieoption stehen die PCSK9-Hemmer Alirocumab und Evolocumab seit 2015 zur Verfügung. Diese reduzieren den LDL-Spiegel erheblich, wie unter anderem die Glagov-Studie zeigte (»JAMA« 2016, DOI: 10.1001/jama.2016.16951). Hier erreichte die Pro­bandengruppe, die eine Kombination aus Evolocumab und einem Statin erhielt, im Durchschnitt einen LDL-Wert von 36 mg/dl. In der Kontrollgruppe (nur Statin) lag der Wert bei 93 mg/dl. Auch das Ausmaß der pathogenen Veränderungen in den Gefäßen, die Größe der Atherome, nahm bei den Patienten in der Verumgruppe deutlich ab. Enttäuschend sei allerdings, dass bisher kein Effekt der PCSK9-Hemmer-Therapie auf die Mortalität gezeigt werden konnte, so Trenk. Dies hänge vermutlich mit den kurzen Untersuchungszeiträumen der Studien zusammen.

 

Eingeschränkt erstattungsfähig

 

Wegen der fehlenden Daten und nicht zuletzt auch wegen der hohen Therapiekosten hat der Gemeinsame Bundesausschuss die Erstattungsfähigkeit eingeschränkt, sodass ausschließlich Patienten mit homozygoter famili­ärer Hypercholesterolämie und Patienten mit therapierefraktären sehr hohen LDL-Spiegeln diese Wirkstoffe erhalten dürfen.

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