Pharmazeutische Zeitung online
Pharmacon-Eröffnungsrede

Zögern zahlt sich nicht aus

23.05.2017  09:35 Uhr

Von Daniel Rücker, Meran / Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) aus dem vergangenen Herbst bewegt die Apotheker weiterhin stark. In der Eröffnungsrede der Fortbildungs­veranstaltung Pharmacon Meran setzte sich der Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), Andreas Kiefer, kritisch mit den Konsequenzen der Entscheidung auseinander.

»Wenn wir als Gesellschaft eine sichere Arzneimittelversorgung wollen, dann müssen wir uns darüber verständigen, wie wir dieses Ziel erreichen können,« sagte Kiefer. Sehr deutlich machte der BAK-Präsident, dass für ihn weder Arzneimittel-Abgabeautomaten noch Apotheker in Call-Centern der richtige Weg für eine sichere Versorgung sind. Seine Sicht auf das EuGH-Verfahren erläuterte Kiefer am Beispiel des Zankapfels. Der Begriff geht zurück auf die griechische Mythologie und das sogenannte Urteil des Paris.

 

In dem Mythos geht es um einen Apfel, den die Göttin der Zwietracht, Eris, unter die anderen Götter des Olymp wirft. Er trägt die Aufschrift »der Schönsten« und sorgt für einen Streit zwischen den Göttinnen Hera, Athena und Aphrodite um diesen Titel. Eigentlich müsste Zeus als oberster Gott des Olymp die Sache entscheiden, er entzieht sich jedoch und überlässt die Entscheidung einem Sterblichen – Paris.

 

Auch wenn am EuGH Göttinnen Mangelware sind, so ist der Zankapfel ganz sicher ein treffendes Bild für die verfahrene Situation um Boni auf Rx-Medikamente. Wie Zeus in der Mythologie hätte die Bundesregierung frühzeitig ein Machtwort sprechen müssen, um den Streit und die Ungleichbehandlung zu verhindern, sagte Kiefer.

 

Kiefer gibt der Bundesregierung die Schuld daran, dass es bis heute kein Gesetz gibt, das den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln begrenzt. Den Grund dafür sieht er wie die meisten anderen Apotheker auch in der zögerlichen Haltung der SPD. Diese sei nicht bereit gewesen, die Beschränkung mitzutragen. Kiefer: »Die Regierung hat sich nicht entscheiden können, die Konsequenz ist Chaos.«

 

Der BAK-Präsident kritisierte die Haltung der SPD auch mit Blick auf die Entscheidung des Bundesrats. In der Länderkammer gab es ein Votum für die Begrenzung des Versandhandels auf OTC-Arzneimittel – auch mit den Stimmen von SPD-geführten Bundesländern. Offenbar seien die Bundesländer näher an den Menschen als die Bundesregierung, vermutete Kiefer. »Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung«, sagte der BAK-Präsident und war damit wieder beim Göttervater Zeus.

 

Maximaler Profit

 

Konsequenz des Nichtstuns sei nun eine einsetzende Veränderung der Arzneimittelversorgung. Immer mehr gehe es dabei um Boni und Rabatte. Während Apotheker in der Versorgung dafür verantwortlich seien, Arzneimittelfehl- und Mehrgebrauch zu erkennen und zu vermeiden, drängten mit den großen Versandapotheken nun Unternehmen in den Markt, deren Geschäftsmodell maximaler Profit und damit auch ein erhöhter Arzneimittelgebrauch sei. Für die Apotheker habe Verbraucherschutz hohe Priorität, sagte Kiefer.

 

Neben maximalem Profit sei das zweite Ziel der Versender, die Arzneimittelversorgung und deren regulatorischen Rahmen zu verändern. Tatsächlich habe Doc Morris kein Interesse an der Arzneimittelversorgung in Hüffenhardt. Es gehe darum, Fakten für einen Systemwechsel pro Kommerzialisierung zu schaffen.

 

Sorgen bereitet es Kiefer, dass die Behörden in Baden-Württemberg bisher wenig gegen den Abgabeautomaten unternommen hätten. Bislang sei er nicht verboten. Tatsächlich scheint Doc Morris sehr viel intensiver das Feld zu bestellen als die Aufsicht. Diese scheint eher dem Zeus`schen Prinzip zu folgen. /

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