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DETECT-Studie

Hausärzte unter Druck

19.05.2008
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DETECT-Studie

Hausärzte unter Druck

Von Hannelore Gießen, München

 

Hausärzte in Deutschland versorgen viele schwerkranke, multimorbide Patienten. Dabei stehen sie unter Zeitdruck und können die therapeutischen Möglichkeiten nicht ausschöpfen, wie die Studie DETECT zeigt.

 

Fast jeder fünfte Patient einer Hausarztpraxis ist Diabetiker, zwei Drittel von ihnen weisen zudem noch mindestens vier Risikofaktoren für eine Koronare Herzkrankheit (KHK) auf, wie Hypertonie, Fettstoffwechselstörung, Rauchen oder familiäre Belastung. Dies ergab die DETECT-Studie, deren Ergebnisse kürzlich in München vorgestellt wurden. Für die Studie wurden seit 2003 insgesamt 55.000 Patienten aus 3000 Hausarztpraxen untersucht. Die beteiligten Wissenschaftler gingen auch der Frage nach, wie intensiv Diabetiker behandelt werden. Dabei zeigte die zweite Untersuchung 2007 anhand der HbA1c-Werte, dass sich die Diabetes-Einstellung der Patienten innerhalb von vier Jahren nur minimal verbessert hatte. Auch Studienteilnehmer, die sich für ein Disease-Management-Programm (DMP) eingeschrieben hatten, wiesen keine besseren Werte auf als die Patienten, die nicht innerhalb dieses strukturierten Programms überwacht worden waren.

 

Seit 1980 ist die Lebenserwartung in Deutschland bei Männern um 5,8, bei Frauen um 4,6 Jahre gestiegen. Dabei gehe die Hälfte dieser gewonnenen Jahre auf eine verbesserte KHK-Therapie zurück, betonte Professor Dr. Andreas Michael Zeiher von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Doch der Preis für die verbesserten Überlebenschancen nach Myokardinfarkt, Angina pectoris, Bypass-Operation oder Herzkranzgefäß-Erweiterung mithilfe eines Ballonkatheters sei eine dramatisch erhöhte Prävalenz von Herzinsuffizienz, die an die medizinische Versorgung hohe Anforderungen stelle.

 

Defizite in der Therapie

 

Trotz der Fortschritte in der KHK-Therapie deckt die Studie Defizite in der Umsetzung der Behandlungsmöglichkeiten auf: Nur jeder zweite Patient mit Bluthochdruck erhalte eine adäquate Therapie zur Blutdrucksenkung, monierte Zeiher. Fast die Hälfte der Patienten hatte eine Hyperlipidämie, doch nur 20 Prozent erhielten einen Lipidsenker. Sehr häufig traten Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörung in der DETECT-Studie gemeinsam auf.

 

Im internationalen Vergleich und im Vergleich zu kardiologischen Schwerpunktpraxen werde in der primarärztlichen Versorgung sehr spät, oft erst bei manifesten Komplikationen, therapiert, kritisierte der niedergelassene Kardiologe Professor Dr. Sigmund Silber aus München. Die Studie decke zudem auf, dass Frauen noch immer schlechter behandelt würden als Männer.

 

Auch Depressionen würden nach wie vor zu selten erkannt, stellte Professor Dr. Hans-Ulrich Wittchen von der Technischen Universität Dresden und Leiter der DETECT-Studie, fest. Jeder vierte Patient hatte mindestens eine depressive Episode. Trotzdem gebe es eine hohe Dunkelziffer: Tatsächlich diagnostiziert und behandelt würden weniger als 50 Prozent der Betroffenen.

 

Zwischen Depression und KHK gebe es eine wechselseitige Abhängigkeit. So sei eine Depression ein Risikofaktor für eine KHK, eine KHK aber auch für eine Depression. Dabei zeigt DETECT, dass nicht nur eine akute Depression mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität verbunden ist, sondern auch eine depressive Episode, die Jahre zurückliegt. Auch Patienten mit einem Typ-2-Diabetes erkranken häufiger an einer Depression als die Vergleichspopulation. Umgekehrt erhöht eine Depression die Gefahr, dass sich die Stoffwechselstörung in Folgeerkrankungen niederschlägt.

 

Bei einer Depression schüttet der Körper vermehrt Katecholamine, aber auch Entzündungsbotenstoffe aus, die einer Atherosklerose und wahrscheinlich auch einer Insulinresistenz Vorschub leisten. Doch der zugrundeliegende Pathomechanismus ist noch nicht geklärt. Die Wissenschaftler der DETECT-Studie planen, diesen Zusammenhang weiter zu untersuchen.

 

Schwerkranke Patienten

 

»Der Hausarzt versorgt überwiegend schwer erkrankte Patienten«, hob Professor Dr. Dr. Uwe Koch vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hervor: Fast die Hälfte aller Hausarztpatienten hatte schon zum Zeitpunkt des Einschlusses in die Studie drei oder mehr Behandlungsdiagnosen. Bei der Fünf-Jahres-Nachuntersuchung stieg dieser Anteil auf nahezu 60 Prozent. Besonders hoch ist die Multimorbidität bei älteren Patienten. Mehr als vier Diagnosen gleichzeitig sind bei über 65 Jahre alten Patienten der Regelfall.

 

Das hohe, im Studienverlauf deutlich wachsende Ausmaß an Multimorbidität sei nicht nur auf das ansteigende Alter der Patienten zurückzuführen, betonte Koch. DETECT zeige, dass die Umsetzung verhaltensmedizinischer und medikamentöser Maßnahmen zur Risikoreduktion nicht optimal gelingt. »Die Ärzte machen einen guten Job. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen ist eine optimale Patientenversorgung jedoch nicht möglich«, machte Wittchen deutlich. Im Durchschnitt hat ein Kassenarzt drei Minuten pro Patient zur Verfügung. Deutsche Ärzte haben im Vergleich mit anderen europäischen Ländern sehr kurze, aber häufige Patientenkontakte.

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