Pharmazeutische Zeitung online
Sarah Wiener

Mit Herz und Hirn

16.05.2017
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Von Ulrike Abel-Wanek / Die Fernsehköchin Sarah Wiener ist einem Millionenpublikum bekannt. Ihre Stiftung ist es weniger. Die PZ sprach mit ihr über die Relevanz einer frühen Ernährungsbildung von Kindern, Naturjoghurts, Junkfood und die trüben Aussichten für den Beruf des Kochs.

PZ: Ihre Stiftung »Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen« gibt es seit zehn Jahren und hat jetzt mit der Barmer noch mal richtig Fahrt aufgenommen. Was können die Kinder bei Ihnen lernen?

 

Wiener: Wir wollen Kindern niederschwellig das Kochen beibringen – direkt in den Kindergärten und Schulen. Wir kochen Sachen aus frischen und natürlichen Zutaten, die Kindern schmecken und die gesund sind. Die Mädchen und Jungen haben viel Spaß dabei. Und wer von klein auf Spaß am Umgang mit frischen Zutaten hat, bleibt am Ball und ernährt sich dauerhaft mit Herz und Hirn. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsprävention. Aber wir stärken auch Sekundärtugenden wie die Feinmotorik und unterstützen das Selbstwertgefühl durch Erfolgserlebnisse in unseren Kochkursen, in denen es nicht um Noten und Leistung geht, sondern um sinnliche Erfahrungen wie riechen, schmecken, fühlen, aber auch um ganz praktisches Tun.

 

PZ: Sie bilden Genussbotschafter aus, die gemeinsam mit den Kindern kochen. Schaffen die es, Kinder für Naturjoghurts zu begeistern?

 

Wiener: Sie würden staunen, wie sensibel die Mädchen und Jungen ihre Speisen würzen, wenn man ihnen vertraut und sagt: Mach so viel Zucker in diesen Joghurt, wie du willst. Sie nehmen nicht viel, sondern schmecken vorsichtig ab. Ich empfehle Eltern, weißen Joghurt hinzustellen, dazu etwas Zucker aus heimischen Zuckerrüben oder Honig, frische Erdbeeren, vielleicht noch eine zerquetschte Banane, und zu sagen: Rühr dir das an, wie du willst. Stellt man den Kindern natürlich das Süße, Fettige, industriell Manipulierte hin, nehmen sie das. Wenn Eltern das aber nicht kaufen, streben Kinder auch nicht danach.

 

PZ: Die Kinder kommen voller Freude und guter Vorsätze aus Ihren Kursen nach Hause, die Eltern können oder wollen aber nicht frisch kochen – wie nachhaltig ist dann das Konzept?

 

Wiener: Es geht nicht darum, innerhalb von drei Monaten das Essverhalten im Elternhaus zu revolutionieren. Es geht darum, ein Samenkorn zu versenken, die Basis zu schaffen für ein Geschmacksgedächtnis und zu hoffen, dass der Samen irgendwann aufgeht. Die Kinder sollen die Wahl haben, sich zu entscheiden. Viele haben aber heute keine Wahl mehr, weil sie gar keine Alternativen zur denaturierten Nahrung kennen.

 

PZ: Was halten Sie von Junkfood?

 

Wiener: Ich würde keinem Erwachsenen verbieten, Junkfood zu essen, auch wenn es Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronisch-entzündliche Krankheiten fördert. Wir leben in einer Zeit, in der der freie Wille respektiert werden sollte – auch der freie Wille zum Fehler. Den Kindern aber sollten wir ein Sprungbrett geben, sich gesund zu ernähren – mit Respekt vor Natur und Umwelt.

 

PZ: Hat der Beruf des Kochs noch eine Zukunft?

 

Wiener: Wir müssen uns tatsächlich Sorgen um den Beruf machen. Gute ­Köche werden überall gesucht beziehungsweise Lehrlinge, die den Beruf überhaupt noch erlernen wollen. Auch gibt es immer weniger Restaurants, die ausbilden. Immer mehr kochen mit Convenience-Food, und viele haben beispielsweise noch nie einen Fisch zerlegt oder eine Jus gemacht. Häufig aus Zeitdruck, aber leider auch, weil viele Menschen gutes und frisches Essen überhaupt nicht mehr kennen und deshalb auch nicht zu schätzen wissen. /

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