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Schlaganfall

Große Gerinnsel operativ entfernen

13.05.2015
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Bei großen Thromben ist die mechanische Entfernung der Gerinnsel mithilfe von Stent-Retrievern die neue Standardtherapie bei Schlaganfall. Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) fordert daher, die Methode flächendeckend verfügbar zu machen. Von der Therapie könnten jährlich etwa 10 000 Patienten in Deutschland profitieren, denen mit einer Lyse allein nicht zu helfen ist.

Von den jährlich etwa 260 000 Patienten in Deutschland, die einen Schlaganfall erleiden, bleibt etwa jeder dritte dauerhaft durch Lähmungen oder Sprachprobleme behindert. Darauf wies die DSG anlässlich des Tags gegen den Schlaganfall am 10. Mai hin. Ein Teil dieser Folgen könnte vermieden werden, wenn bei den Patienten eine neue Methode zum Einsatz käme: die sogenannte Thrombektomie. Dabei ziehen Ärzte den Blutpfropf mechanisch mithilfe eines speziellen Mikrokatheters, Stent-Retriever genannt, aus dem Gefäß, anstatt ihn medikamentös aufzulösen (siehe Kasten).

Wenn große Blutgefäße im Gehirn durch Gerinnsel blockiert sind, kann man sie häufig nicht mit Medikamenten auflösen. Die sogenannte Thrombolyse stößt hier an ihre Grenzen, erklärt Professor Dr. Matthias Endres von der Berliner Charité. »Die aktuellen Studien zeigen, dass in diesen Fällen der Eingriff mit einem Stent-Retriever die richtige Therapie ist. Bei allen Studien wurden solche modernen Mikrokatheter verwendet. Die Auswahl der Patienten wurde verbessert und die Behandlungszeit verkürzt.« Denn auch bei der Katheterintervention sei der Faktor Zeit von Bedeutung, so der Berliner Schlaganfall-Experte.

 

Neue Studienergebnisse

 

Die Aussicht für Patienten, einen Schlaganfall ohne bleibende Schäden zu überstehen, ist mit der interventionellen Therapie mit Stent-Retriever gut. Dies zeigten bereits Anfang des Jahres die Ergebnisse von drei Studien, die auf der International Stroke Conference in Nashville, USA, vorgestellt wurden. In allen drei Studien (EXTEND-IA, ESCAPE und SWIFT-PRIME) erhielten die Patienten die medikamentöse Standardtherapie, eine Thrombolyse. Bei der Hälfte der Patienten kam zusätzlich der Stent-Retriever zum Einsatz. »In allen drei Studien wurden große Erfolge mit dem Stent-Retriever erzielt«, fasst Endres zusammen. »Die Chance der Patienten auf ein günstiges Behandlungsergebnis wurde um 20 bis 30 Prozent gesteigert.«

 

Auf der europäischen Schlaganfall-Konferenz Mitte April in Glasgow wurden zwei weitere Studien vorgestellt, die auch im »New England Journal of Medicine« veröffentlicht wurden – REVASCAT und THERAPY. In der ersten Untersuchung erhöhte die Thrombektomie die Rate an Patienten, die eine funktionelle Unabhängigkeit wieder erreichten um 15,5 Prozent (DOI: 10.1056/NEJMoa1503780). Die THERAPY-Studie wurde sogar wegen der überzeugenden Ergebnisse vorzeitig abgebrochen: Hier lag die Rate an Patienten, die eine funktionelle Unabhängigkeit wieder erlangten, in der Stent-Retriever-Gruppe fast doppelt so hoch wie in der Kontrollgruppe mit 71 versus 40 Prozent (DOI: 10.1056/NEJMoa1414792).

Professor Dr. Bernd Eckert von der Asklepios Klinik Altona zufolge bestätigen diese Studien die Ergebnisse früherer Untersuchungen und bringen nun die endgültige Gewissheit, dass die Methode effektiv ist. »Es ist ein Wendepunkt für die Therapie bei schweren Schlaganfällen.« Komplikationen gab es im Vergleich zur bisherigen Standardtherapie nur sehr wenige. Die Methode ist sicher und gut verträglich, betonen die Experten.

 

Aufgrund der überzeugenden Datenlage haben die Stent-Retriever bereits Eingang in die neuen europäischen Leitlinien zur Schlaganfalltherapie gefunden. Doch sollte sie zunächst Experten vorbehalten bleiben. »Die Behandlung erfordert viel Erfahrung, gehört in die Hand eines Neuroradiologen und kann nur in spezialisierten Zentren mit Stroke Unit und Neuroradiologie durchgeführt werden«, so Eckert.

 

Für welche Patienten die Therapie infrage kommt, wird in der Stroke Unit anhand einer CT-Angiografie entschieden. Neben dem direkten Nachweis des Verschlusses eines großen Hirngefäßes mittels Bildgebung ist auch eine schwere Ausfallsymptomatik mit Sprachverlust oder ausgeprägten Lähmungen ein Hinweis darauf, dass die neue Behandlung für den Patienten infrage kommen könnte, erklärt Endres.

 

Nach Ansicht der DSG-Experten ist es nun wichtig, die bestehenden Versorgungsstrukturen der akuten Schlaganfall-Behandlung zu verbessern, um möglichst vielen dafür infrage kommenden Patienten die Behandlung zu ermöglichen. Spezialisierte Schlaganfall-Einheiten böten dafür eine tragfähige Basis, meldet die DSG, diese bräuchten aber zusätzliche Expertise. Derzeit gibt es in Deutschland insgesamt 264 von der DSG zertifizierte Stroke-Units – spezielle Einheiten in Kliniken, die auf die Versorgung von Patienten mit Schlaganfällen spezialisiert sind. /

Das Stent-Retriever-System

Die Wiedereröffnung eines durch einen Thrombus verstopften Gefäßes mittels Stent-Retriever lässt sich mit dem Entkorken einer Weinflasche vergleichen. Zunächst wird ein Katheter über die Leiste durch die Femoralarterie in die Halsarterie eingeführt und dort zur Darstellung des Verschlusses verwendet. Ein in diesem Katheter enthaltener Mikrokatheter wird bis zum Thrombus und an diesem vorbei geführt. Beim Zurückziehen setzt er ein Metallgitterröhrchen (Stent) frei, das sich entfaltet und mit dem Thrombus verbindet. Der Stent verbleibt aber nicht im Gefäß, sondern wird mit dem Gerinnsel herausgeholt (von retrieve = herausholen). Hierdurch kann der Thrombus entfernt und das Gefäß geöffnet werden.

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