Pharmazeutische Zeitung online
Flüchtlingsmedizin

Besonderheiten bei Migranten

10.05.2017  09:48 Uhr

Von Christina Hohmann-Jeddi, Mannheim / Das Krankheits­spektrum von Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, deckt sich weitestgehend mit dem der deutschen Bevölkerung. Doch einige Besonderheiten müssen bei der medizinischen Versorgung dieser Menschen berücksichtigt werden. Ein großes Problem: Die hohe Zahl der psychischen Störungen und Traumata.

Seit dem Jahr 2015 sind mehr als etwa 1,3 Millionen Menschen nach Deutschland geflüchtet. Allein im Jahr 2016 wurden in Deutschland etwa 722 000 Erstanträge auf Asyl gestellt, berichtete Diplom-Medizinerin Petra Albrecht von der Sächsischen Landesärztekammer bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Mannheim. 

 

Dies habe das Gesundheitssystem vor Herausforderungen gestellt. So seien die Gesundheitsämter mit der Erstuntersuchung direkt nach der Registrierung zum Teil heillos überfordert gewesen. Der Fokus dieser Untersuchung habe in erster Linie auf dem Ausschluss ansteckender Erkrankungen gelegen. Neben einer Anamneseerhebung gehörten hierzu bei Personen ab 16 Jahren eine Röntgenuntersuchung der Lunge, bei Kindern und Schwangeren ein Tuberkulintest sowie eine Impfanamnese und serologische Untersuchungen, die je nach Bundesland variieren.

 

Kaum exotische Infektionen

 

»Die Befürchtung, dass Geflüchtete exotische Infektionen einschleppen könnten, hat sich nicht bestätigt«, sagte Albrecht. Von den insgesamt 330 000 meldepflichtigen Infektionskrankheiten, die das Robert-Koch-Institut 2016 registrierte, wurden 6300 bei Geflüchteten gemeldet. Am häufigsten traten Windpocken, Tuberkulose und Hepatitis B und C auf.

 

Dies bestätigte auch Professor Dr. Joachim Seybold von der Berliner Charité. »Das in den Aufnahmeeinrichtungen zu beobachtende Krankheitsspektrum deckt sich im Wesentlichen mit dem, was hierzulande auch in internistischen Praxen zu finden ist.« Ab September 2015 hatte die Berliner Klinik die Verantwortung für die medizinische Versorgung der Geflüchteten in der Hauptstadt übernommen und unter anderem in zwei Notunterkünften Ambulanzen eingerichtet, in denen auch die Erstuntersuchungen stattfanden. Insgesamt 62 000 Flüchtlinge hat die Charité seitdem medizinisch versorgt, berichtete Seybold, Koordinator der Flüchtlingshilfe der Klinik.

 

Ähnliches Krankheitsspektrum

 

Um zu ermitteln, welche Krankheiten die Geflüchteten haben, analysierte sein Team die Diagnosen von 5300 Behandlungsfällen aus den Sprechstunden der zwei Ambulanzen zwischen September 2015 und Februar 2016. 63 Prozent der Patienten hatten Infektionen, hauptsächlich der oberen Atemwege und des Gastrointestinaltrakts, was dem schlechten körperlichen Zustand der Geflüchteten und der Jahreszeit geschuldet war. Seltener traten Pneumonien und Hautinfektionen auf.

Von den nicht übertragbaren Erkrankungen waren am häufigsten Krankheiten des Verdauungssystems und der Haut sowie Kreislauferkrankungen. »Seltene Erkrankungen wurden insgesamt sehr selten diagnostiziert«, berichtete Seybold. Das habe möglicherweise auch daran gelegen, dass in der etwas chaotischen Anfangsphase den Medizinern die Ruhe fehlte, auf diese Erkrankungen gezielt zu achten.

 

Bundesweite Daten zum Krankheitsspektrum bei Flüchtlingen gebe es nicht, so Seybold. Häufig zu beobachten seien aber psychische Störungen und Traumata. Dies habe die Leitung der Charité dazu veranlasst, eine psychi­atrische Clearingstelle einzurichten. Diese Kooperation aus drei psychiatrischen Kliniken der Charité ist eine Anlaufstelle für alle Patienten – Erwachsene und Kinder, betonte der Mediziner. 16 bis 20 Patienten werden dort pro Tag untersucht.

 

Psychiatrische Clearingstelle

 

Zu der Clearingstelle werden Menschen geschickt, bei denen Betreuer oder Mediziner in der Erstuntersuchung vermuten, dass eine psychische Problematik vorliegen könnte. »Die Population ist also vorselektiert«, sagte Seybold. Dementsprechend zeigt auch eine erste Auswertung von 2500 Patienten, dass nur 5 Prozent der Untersuchten in der Clearingstelle keine psychiatrische Erkrankung haben. Am häufigsten waren mit 40 Prozent affektive Störungen, vor allem Depression. Bei 21 Prozent lag eine posttraumatische Belastungsstörung vor und bei 18 Prozent eine Anpassungsstörung. Schizophrenie und Angststörungen waren mit jeweils 5 Prozent eher selten.

 

Im psychiatrischen Bereich stellt die Sprachmittlung naturgemäß eine größere Schwierigkeit dar als bei anderen Erkrankungen. »Mit dolmetschenden Familienangehörigen oder Betreuern kann man hier nicht arbeiten«, so Seybold. Die Charité könne auf arabischsprachige Psychiater zurückgreifen, zudem habe man erfahrene Dolmetscher angestellt, die auf dieses Gebiet spezialisiert sind. Psychische Störungen zu behandeln sei auch deshalb sehr wichtig, weil sie unbehandelt ein Hindernis für die Integration der Betroffenen darstellten.

 

Während die Diagnose von Infektionen und psychischen Erkrankungen deutschen Ärzten wenig Schwierigkeiten bereiten, stellen andere Erkrankungen größere Herausforderungen dar, zum Beispiel Hämoglobinopathien. Diese vererbten Störungen der Hämoglobinsynthese treten in Deutschland relativ selten auf, in den Heimatländern der Flüchtlinge sind sie jedoch besonders häufig, berichtete Dr. Regine Grosse vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Verbreitet sind die Krankheitsbilder vor allem in Subsahara-Afrika, in Teilen des Mittelmeerraums und im Nahen Osten. Die häufigsten Formen sind die Sichelzellanämie sowie die α- und β-Thalassämie.

 

An eine Hämoglobinopathie sollte gedacht werden bei Personen aus entsprechenden Herkunftsländern mit unklaren Schmerzen oder unklaren Anämien. Hinweise geben auch ein positive Familienanamnese, ein Ikterus, Knochendeformitäten, ein Ulcus cruris oder Sehstörungen. Häufig seien Transfusionen nötig, wobei es für die Diagnose wichtig sei, vorher eine Blutprobe zu nehmen.

 

Schwere Thalassämie-Formen werden vorzugsweise mit einer Stammzelltransplantation behandelt. Kommt diese nicht infrage, ist eine Transfusionstherapie notwendig. Bei der Sichelzellkrankheit werden Analgetika, Antibiotika, je nach Indikation ACE-Hemmer und Hydroxyurea angewendet.

 

Dr. Susan Halimeh vom Gerinnungszentrum Rhein-Ruhr in Duisburg stellte Fälle einer weiteren seltenen Erkrankung vor, der Hämophilie. »Der Inzidenz nach müssten sich unter den 1,3 Millionen Geflüchteten auch 70 bis 140 Patienten mit Bluterkrankheit befinden«, sagte die Medizinerin. Sie berichtete von einem elfjährigen Mädchen mit schwerem Faktor-VII-Mangel, das durch Einsetzen der Menstruation in eine lebensgefährliche Situation geriet. Da ihr Asylantrag noch nicht behandelt worden und ihr Status somit unklar war, sollten die Kosten für die Therapie mit dem rekombinanten humanen Blutgerinnungsfaktor VIIa nicht übernommen werden. Halimeh konnte nach einiger Diskussion eine Therapie für die Patientin durchsetzen.

 

Flüchtlinge während des Asylverfahrens und Geduldete sind nicht regulär Mitglied einer Krankenversicherung und haben somit nur einen eingeschränkten Leistungsanspruch, berichtete Albrecht. Sie erhalten eine Behandlung im Notfall und bei Schmerzen. Schwangere und Wöchnerinnen werden wie in der GKV üblich versorgt. Statt der Krankenkassen organisieren und finanzieren aber die Kommunen die medizinische Versorgung. 

Wie diese geregelt ist, kann deshalb von Ort zu Ort unterschiedlich sein – mit der Folge, dass oftmals nicht rasch zu klären ist, welche Behandlung wo vorgenommen werden sollte und welcher Kostenträger zuständig ist. Der Patient muss sich einen Behandlungsschein und eine Kostenübernahme­erklärung besorgen. Für die behandelnden Ärzte und die Patienten bedeutet das einen hohen bürokratischen Aufwand.

 

Gesundheitskarte für Flüchtlinge

 

Einfacher wäre es, wenn bundesweit eine elektronische Gesundheitskarte für Flüchtlinge eingeführt würde, wie etwa in Bremen, wo Asylbewerber direkt nach der Registrierung eine solche Karte erhalten. Diese erspart bürokratischen Aufwand, erweitert aber nicht das Leistungsspektrum. Diesem Beispiel sind bislang fünf weitere Bundesländer gefolgt. Die DGIM setzt sich für eine bundesweite Einführung der Versicherungskarte für Migranten und Flüchtlinge ein, um damit die Arbeit der Ärzte und somit eine angemessene medizinische Betreuung zu erleichtern. /

Mehr von Avoxa