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Vererbtes Kriegstrauma

Generation graue Soße

06.05.2015
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Von Angela Kalisch / Der Zweite Weltkrieg endete vor 70 Jahren und ist doch immer noch nicht vorbei. Er lässt seinen langen Schatten noch auf eine Generation fallen, die Jahrzehnte später geboren ist: die Kriegsenkel.

»Es hört sich bestimmt seltsam an, aber meine Mutter weiß nicht mal, was ich beruflich mache.« »Das ist bei meinen Eltern ganz genauso! Es interessiert sie überhaupt nicht, wenn ich etwas von meinem Leben erzähle.« Die beiden Frauen, Mitte 40, kennen sich schon seit ihrer Schulzeit. Mit wachsendem Erstaunen tauschen sie sich über ein Leben aus, das eigentlich beide längst weit hinter sich gelassen haben, das sie aber immer noch wie eine unsichtbare Fessel am eigenen Fortkommen zu hindern scheint.

So wie sie empfinden viele in dieser Altersgruppe: ein Desinteresse der Eltern an allem Neuen und die daraus resultierende Sprachlosigkeit und emotionale Distanz zwischen den Generationen, die sich wie ein Vakuum in der eigenen Biografie ausbreiten. Jahrzehntelang in dem Glauben, dies sei ein individuelles Problem in der eigenen Familie, wird in Gesprächen mit Gleichaltrigen immer deutlicher, wie ähnlich die Erfahrungen sind. Eine Generation entdeckt sich langsam selbst. Und versucht, den Ursachen für das Unbehagen auf den Grund zu gehen.

 

Es ist der Journalistin und Buchautorin Sabine Bode zu verdanken, ein unbeachtetes Phänomen ins Bewusstsein gerückt zu haben. Bereits in der 1990er-Jahren hatte sie angefangen sich dafür zu interessieren, wie es denjenigen Erwachsenen heute geht, die den Zweiten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit als Kinder erlebt hatten, also in etwa die Jahrgänge 1930 bis 1945. Nur zögerlich fanden sich Gesprächspartner. Zu Bodes Seminaren und Vorträgen kamen neben der eigentlichen Zielgruppe dann auch überraschend viele Kinder dieser Kriegskinder, mit dem dringenden Wunsch, mehr über die eigenen Eltern zu erfahren und sie besser verstehen zu lernen. Bode wurde hellhörig, als sie erkannte, dass den Problemen zwischen diesen beiden Generationen oft sehr ähnliche Muster zugrunde lagen.

 

Aus den Jahrgängen 1955 bis 1975, die daraufhin begannen, sich als Gruppe mit kollektiven Erfahrungen zu verstehen, etablierte sich der Begriff »Kriegsenkel«. Gut vernetzt tauschen sich die Kinder der Kriegskinder im Internet (www.kriegsenkel.de) und den sozialen Medien aus, in größeren Städten auch bei Treffen. So unterschiedlich die Lebensläufe naturgemäß sind, lassen sich doch verblüffend viele Gemeinsamkeiten erkennen. Viele der heute 40- bis 60-Jährigen leben in dem Gefühl, gleichzeitig auf Gas und Bremse zu stehen, im ständigen Glauben, nicht zu genügen, weder im Beruf noch in der Partnerschaft. Mangelndes Selbstwertgefühl, Beziehungsunfähigkeit und eine diffuse Angst vor dem Leben ziehen sich wie ein roter Faden durch die Erfahrungsberichte. In ihrem Buch »Kriegsenkel« lässt Sabine Bode viele von ihnen anonymisiert zu Wort kommen.

 

Ihr hattet es doch gut

 

Eine Kindheit in den 1960er- und 70er-Jahren erscheint allgemein in der Erinnerung als eine fröhliche, wilde und friedliche Zeit. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen waren ideal. Ein behaglicher Wohlstand war erreicht, der Zugang zu Bildung sollte allen unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund offenstehen, die Zukunft war voller Möglichkeiten. Nicht in allen Familien gelang es jedoch, bei diesem Tempo der Veränderungen mitzuhalten. Viele Kriegsenkel beklagen die mangelnde tröstende Zuwendung durch die Eltern, die fehlende Ermutigung und Unterstützung der eigenen Ideen und Fähigkeiten. Stattdessen wurde vermittelt, nicht aufzufallen, sich nicht so wichtig zu nehmen. In einem Beitrag beschreibt ein Sohn die Atmosphäre im Elternhaus wie eine stillstehende graue Soße, unter der jede Lebendigkeit zu ersticken drohte.

 

Konfrontiert mit derartigen Schilderungen würden die meisten Eltern allerdings die Verantwortung erstaunt und verärgert von sich weisen. »Ich weiß überhaupt nicht, was ihr wollt. Ihr hattet es doch wirklich gut. Wir haben doch alles getan, damit es euch einmal besser geht.« In derartigen Reaktionen setzt sich das Unverständnis zwischen den Generationen fort. Ihr wisst doch gar nicht, wie gut ihr es hattet – diesem Satz fehlt die meist unausgesprochene Fortsetzung: im Gegensatz zu uns.

 

Natürlich ist den heute erwachsenen Kriegsenkeln klar, dass ihre Eltern eine entsetzliche Kindheit hatten, mit den Erfahrungen von Flucht und Vertreibung oder Bombenangriffen, einem Aufwachsen in Hunger und Armut, vaterlos oder mit Vätern, die völlig verstört waren und unfähig, sich emotional auf ein Kind einzulassen. Dagegen konnten die Sorgen und Probleme der folgenden Generation natürlich nur unbedeutend, geradezu empörend lächerlich sein. Dieses Signal empfingen die Kinder von klein auf. Als aus ihnen Jugendliche und junge Erwachsene geworden waren, fiel es ihnen im Gegenzug genauso schwer, Mitgefühl für die Kriegskindheit der Eltern aufzubringen und sich ernsthaft mit deren Erlebnissen auseinanderzusetzen. Zu groß war die Gefahr, ihr Schicksal mit dem Leid der Holocaust-Opfer auf eine Stufe zu stellen und dieses zu relativieren. Die etwas älteren Jahrgänge konnten ihre Eltern noch direkt mit Fragen konfrontieren: »Was habt ihr gewusst? Was habt ihr getan?« Doch wer bei Kriegsende selbst noch ein Kind war, hatte sich einer schlichten Logik folgend selbst nicht schuldig gemacht, gehörte zwar dem Tätervolk an, war aber doch auch Opfer und bot somit keine wirk­liche Angriffsfläche. Ein Dilemma, das in vielen Familien auf beiden Seiten zu Scham, Schuldgefühlen und Schweigen führte.

 

Friedenskinder

 

Der schwere Rucksack mit dem Erbe der auch nach 70 Jahren immer noch unzureichend aufgearbeiteten Vergangenheit wurde wortlos an die Generation der Kriegsenkel weitergereicht, und diese haben ihn sich auch bereitwillig auf den Rücken geschnallt. An dieser Stelle mag sich die Frage aufdrängen, ob man denn immer alles auf den Krieg schieben muss und ob sich die Deutschen nicht bereits sehr vorbildlich und damit hinreichend mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt haben. Das ist teilweise richtig, doch die Beschäftigung mit diesem Thema war in erster Linie akademischer, politischer und juristischer Natur. Die persönliche und emotionale Seite dagegen ist geprägt von Verdrängen und Vergessen.

 

Nach dem Krieg ging es nur ums Überleben und um den Wiederaufbau. Man arbeitete hart und tat alles, damit es die Kinder einmal besser hatten. Das ist auch gelungen, die meisten Kriegs­enkel haben eine deutlich bessere Ausbildung als ihre Eltern. Viel mehr kann man vielleicht auch gar nicht verlangen von Eltern, die selbst keine liebe­volle Kindheit kennen gelernt hatten. Dass sie ihre verdrängten traumatischen Erleb­nisse aber unbewusst an die nächste Generation weiterreichten, gilt ebenso als erwiesen.

 

Es ist die Generation der Kriegs­enkel, die sich darangemacht hat, auch die seelischen Trümmer aufzuräumen, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat, in der Gesellschaft und in den Fami­lien. Wie dies gelingen kann, skizziert das kürzlich erschienene Buch »Nebelkinder«, in dem Kriegsenkel die psychologischen, soziologischen und kulturellen Dimensionen des Themas analysieren und – oft über die künstlerische Auseinandersetzung – in eine konstruktive Zukunftsperspektive lenken. Kritisch wird auch hinterfragt, ob diese speziellen Kriegsenkel-Symptome überhaupt existieren, beziehungsweise ob sie zwangsweise auf die Eltern zurückzuführen sind, oder ob dabei nicht viele andere Faktoren eine Rolle spielen können. Bei der Suche nach den eigenen Wurzeln geht es allerdings nicht um eine Abrechnung mit den Eltern, sondern zunächst um das Verstehen. Wenn es gelingt, auf die eigene Wahrnehmung zu vertrauen, können die Kriegsenkel sich ihrer Verantwortung bewusst werden und diese annehmen: das Trauma von Vergessen und Verdrängen nicht länger weiterzuvererben. /

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