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Kommissionierer

Er läuft und läuft und läuft

30.04.2014
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Von Yuki Schubert, Dresden / In vielen Apotheken reicht ein ­Mausklick aus, um ein gewünschtes Medikament aus dem Lager in den ­Verkaufsbereich zu transportieren. Vor beinahe zwanzig Jahren gehörte die Dresdner Saxonia Apotheke mit ihrem von Rowa erstmals produzierten Kommissionierer zu den Pionieren. Wie geht es der in die Jahre gekommenen Nummer eins heute?

In der Prager Straße 8a lebt ein grauer, fleißiger Helfer. Er ist 6,50 cm lang, 1,30 cm breit und 2,45 cm hoch. Über sein Gewicht schweigt er lieber. Um ihn herum herrscht reger Betrieb, zahlreiche Kisten mit Arzneimitteln werden dort ausgepackt. Schon seit 17 Jahren ist er in der Saxonia Apotheke zuhause. Sein Name ist D101. Unter dieser Bezeichnung erkennen ihn zumindest seine Erfinder beim Lagersystemhersteller Rowa, heute Carefusion Rowa, gleich wieder. Er ist der erste von heute weltweit 5000 installierten Kommissionier-Anlagen des Unternehmens.

Angefangen hat alles in den 90er-Jahren, erinnert sich sein Käufer, der Apotheker Christian Flössner. »Am 23. September 1996 habe ich die Saxonia Apotheke in der Dresdner Innenstadt eröffnet«, sagt der 48-Jährige. Aufgrund der Top-Lage musste sich der Apothekenleiter etwas überlegen, um den hohen Mietkosten entgegenzuwirken. Seine Lösung: ein Kommissioniersystem im Keller, um die Verkaufsfläche so klein wie möglich zu halten.

 

Tipp im Gepäck

 

Doch damals gab es kaum Anbieter für solche Geräte, sagt Flössner. Neben Rowa brachte nur KHT, heute Apostore, vergleichbare Anlagen heraus. Um sich Rat zu holen, flog Flössner nach Paris. Dort traf er sich mit einem Experten des französischen Großhandels OCP. Mit dem Tipp im Gepäck, sich einen Rowa zu kaufen, fuhr der Apotheker nach Kelberg. In dem Luftkurort konnte er sich direkt ein Bild von dem Unternehmen machen und lernte dort D101 kennen, den er ohne Umschweife kaufte.

Während Flössner erzählt, sitzt er in einem schmalen Büro im Kellergeschoss. Auf seinem Schreibtisch steht ein älteres Tastentelefon. »Ich hatte da wohl den richtigen Riecher und habe nicht in eine Nische, sondern in den heutigen Marktführer investiert«, sagt der gebürtige Hamburger voller Stolz. Ganze Besuchergruppen seien damals in die Saxonia Apotheke gepilgert, um D101 zu sehen. Bis zu dessen Installation aber musste ein Student die Arzneimittel vom Lager in den Verkaufsraum bringen. Der Apotheker erinnert sich noch an dessen Sportschuhe. Der Einbau von D101 hatte sich um zwei Monate verzögert, sodass die offizielle Installation erst am 24. November 1996 stattfand.

 

Der Automat steht nicht weit entfernt von der Teeküche. Ein herber Duft von frisch gebrühten Kaffee steigt einem in die Nase. Zum Lagersystem gehören neben dem sogenannten Greifer unter anderem ein Computerbildschirm, ein Förderband, ein Schaltschrank und ein Transportsystem. Dieses ermöglicht es D101, die Verpackungen ein Stockwerk höher zu befördern.

 

Sein kleiner Helfer

 

Vom Schaltschrank aus wird das Gerät gesteuert, hier ist quasi das Gehirn von Nummer eins verbaut. Das Förderband fühlt sich an wie das Schleifpapier aus dem Werkunterricht in der Schule. Flössner erklärt, dass beim Einlagern zunächst alle Packungen eingescannt und dann aufs Förderband gelegt werden. Erst wenn dieses voll ist, soll der Greifer die Packungen an ihren Bestimmungsort bringen. Sonst müsste man bei jeder einzelnen Packung warten bis er zurückgefahren kommt. Wenn ein Auftrag vom Verkaufsraum an D101 eingeht, dann habe dieser immer Vorrang, so Flössner. Um die Arbeitsweise seines kleinen Helfers zu demonstrieren, entnimmt der Apotheker eine Arzneimittelpackung aus dem Lagerraum, die er gleich wieder auf das Förderband legt.

 

Der Greifer ist an einer senkrechten Schiene befestigt, die es ihm ermöglicht, sowohl einmal quer und längs durch den Lagerraum zu fahren als auch nach oben oder unten, um auf den verschiedenen Regalebenen die Packungen zu entnehmen oder abzuliefern. Unmittelbar nachdem Flössner im Computer den Auftrag zum erneuten Einlagern gegeben hat, flitzt der Greifer heran. Er packt das Medikament, zwei Backen halten es fest und so wird es zum Lagerplatz befördert. Mithilfe des Greifarms wird die Packung in das Regal hineingeschoben. Die nächste von Flössner nun angeforderte Packung liegt genau auf der gegenüberliegenden Seite. Da macht D101 eine 180-Grad-Drehung. »Ich schaue ihm immer wieder gerne zu«, sagt Flössner mit nostalgischem Unterton. Tatsächlich bewegt sich das Gerät beinahe anmutig, es sieht aus wie die Pirouette eines Eiskunst­läufers.

Der besondere Clou am Automaten ist das Transportsystem. An der Decke verläuft ein weiteres Förderband, das allerdings durch eine Ummantelung nicht zu sehen ist. Sobald eine Bestellung vom Verkaufsbereich eingeht, lagert D101 die Ware aus und platziert sie auf das obere Förderband. Ein mechanisches Knarren erklingt, wie das Fahrgeräusch einer Modelleisenbahn. Nach einem kurzen Moment fällt die Packung in einen Schacht. Im sogenannten Lift sorgt ein weiteres Förderband nun dafür, dass das Medikament ein Stockwerk höher fährt. Dort angekommen purzelt das Arzneimittel über eine kleine Metallrutsche auf das unterste Regalbrett hinter die Kasse. Es ist abhol­bereit.

 

3000 Geschwister

 

D101 entstammt der Rowa Select Reihe. Diese Anlagen wurden laut Carefusion Rowa bis 2010 verkauft. Weltweit hat D101 somit um die 3000 Geschwister. Zum damaligen Zeitpunkt kostete ein Rowa Select im Durchschnitt circa 110 000 Euro. Nach Unternehmensangaben kann etwa ein Rowa Smart System heute schon für weniger als 60 000 Euro angeboten werden, da es mittlerweile Standardprodukte gibt und nicht jeder Automat einzeln geplant werden muss.

 

Flössners Rowa kann bis zu 8000 Packungen aufnehmen. Gerade sind es 6141, wie der Apotheker vom Bildschirm abliest. D101 braucht drei Sekunden, um eine Packung einzulagern. Die Auslagerungszeit beträgt acht bis zwölf Sekunden pro Packung. In dieser Zeit schafft es ein neuer Rowa Vmax oder ein Rowa Smart, bis zu acht Arzneimittel gleichzeitig auszulagern.

 

Trotz dieses Schnelligkeitsvorteils hält Flössner weiter an D101 fest. Er sei ein äußerst zuverlässiger Kollege. Kleinere Fehlermeldungen, wenn zum Beispiel der Greifer eine Packung nicht zu fassen bekommt, gebe es nur einmal in zwei Wochen, sagt der Apothekenleiter. »Aber wann hat die Anlage das letzte Mal komplett still gestanden«, fragt er sich selbst. Er läuft aus dem Büro und hakt bei seinen Angestellten nach – die wissen es auch nicht so recht – erst ein Blick in seinen Ordner bringt ihm Gewissheit. Im Mai 2012 und zwei Jahre davor gab es ebenfalls einen kompletten Ausfall, liest Flössner vor. D101 sei jedoch schnell wieder auf den Beinen gewesen. Neben seiner Ausdauer lobt der Apotheker die Soft- und Hardware von D101. Alles werde immer auf dem neusten Stand gehalten.

 

Tatsächlich sind Apotheke und Kommissionierer mittlerweile ein eingespieltes Team. Unhandliche Verpackungen oder zu schwere Flaschen für D101 werden separat in Ziehschränken eingelagert. Der graue Helfer revanchiert sich dafür, indem er hinter einer eingebauten Schallschutzwand nur noch leise von Punkt A nach Punkt B fährt und so seine menschlichen Kollegen nicht stört. Einzig und allein sein äußeres Erscheinungsbild lässt Flössner zufolge zu wünschen übrig. Schließlich würden die neuen Automaten schon mit einer schwarzen schicken Oberfläche geliefert.

 

Aussehen ist nicht alles

 

Aber Aussehen ist halt doch nicht alles. Denn D101 hat seine Loyalität auch schon im Extremfall bewiesen. Im Jahr 2002 wurde die Saxonia Apotheke durch die Jahrhundertflut stark beschädigt. Drei Tage lang stand sie unter Wasser. Ein Schild neben der Treppe zum Kellergeschoss erinnert noch an den hohen Wasserstand. Selbst D101 ist durch braune Schlammreste an seiner oberen Verlaufsschiene gezeichnet. Doch nach einer Grunderneuerung – alle elektronischen und beweglichen Teile wurden in Kelberg ausgetauscht – machte sich der Kleine wieder ans Werk. Seitdem »läuft der Automat und läuft und läuft«, sagt Flössner.

 

Nummer eins wird auch in Zukunft seine Fahrten durch das Lager vollziehen, da ist sich Flössner sicher. Denn wie der Apotheker stolz hinzufügt, »steckt hinter der Nummer eins ein gewisser Mythos, der darf nicht untergehen«. /

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