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Dexlansoprazol verspätet sich

29.04.2014  16:24 Uhr

Von Sven Siebenand / Zu Mitte April hatte die Firma Takeda Pharma den Protonenpumpen-Inhibitor Dexlansoprazol (Dexilant® Hart­kapseln mit veränderter Wirkstofffreisetzung) als neu auf dem Markt gemeldet. Das war etwas voreilig. Wie der Hersteller mitteilt, kommt es zu einer produktionsbedingten Lieferverzögerung, sodass sich die Verfügbarkeit des Präparats unter Umständen um einige Wochen verschiebt.

Dexlansoprazol ist das R-Enantiomer des seit Langem bekannten Wirkstoffs Lansoprazol. Wie die anderen Protonenpumpeninhibitoren (PPI) hemmt auch Dexlansoprazol die terminale Phase der Magensäureproduktion, indem es die Aktivität des Enzyms H+/K+-ATPase im Magen blockiert.

Indiziert ist der neue Wirkstoff bei Erwachsenen zur Behandlung verschiedener säureassoziierter Erkrankungen, zum Beispiel der erosiven Refluxösophagitis (ERD). Patienten sollten in diesem Fall einmal täglich 60 mg über vier Wochen einnehmen. Die Therapie kann bei Bedarf mit der gleichen Dosis für weitere vier Wochen fortgesetzt werden. Dexlansoprazol darf auch zur Erhaltungstherapie bei abgeheilter erosiver Refluxösophagitis und bei Linderung von Sodbrennen zum Einsatz kommen. Die empfohlene Dosis beträgt 30 mg einmal täglich für bis zu sechs Monate. Der PPI kann auch zur kurzzeitigen Behandlung von Sodbrennen und saurem Aufstoßen bei symptomatischer nicht-erosiver gastroösophagealer Refluxkrankheit (NERD) angewendet werden. In diesem Fall sind in der Fachinformation 30 mg einmal täglich für bis zu vier Wochen empfohlen.

Zu allen drei Indikationen wurden Studien mit Dexlansoprazol durchgeführt. Bei der Behandlung der erosiven Refluxösophagitis gab es zwei randomisierte, achtwöchige Doppelblindstudien mit insgesamt mehr als 4000 Patienten. Sie erhielten entweder 60 oder 90 mg Dexlansoprazol einmal täglich oder 30 mg Lansoprazol einmal pro Tag. Eine Nicht-Unterlegenheit von Dexlansoprazol 60 mg, aber auch keine statistische Überlegenheit gegenüber Lansoprazol war das Ergebnis. Dexlanso­prazol 90 mg hatte im Vergleich zur 60-mg-Dosierung keinen zusätzlichen klinischen Nutzen.

 

In einer randomisierten Doppelblindstudie mit 445 Patienten wurde die Aufrechterhaltung der Heilung und Linderung der Symptome der erosiven Refluxösophagitis über einen Zeitraum von sechs Monaten mit Dexlansoprazol 30 oder 60 mg einmal täglich im Vergleich zu Placebo untersucht. In der Verumgruppe blieben statistisch mehr Teilnehmer nach sechs Monaten von ihrer Erkrankung geheilt als unter Placebo (75 versus 83 versus 27 Prozent).

 

Auch in einer randomisierten Doppelblindstudie mit mehr als 900 Patienten mit einer symptomatischen NERD war Dexlansoprazol wirksamer als Placebo. Die Patienten erhielten entweder 30 oder 60 mg des PPI pro Tag oder Placebo. Tagebucheinträge über vier Wochen belegen, dass Patienten unter Dexlansoprazol 30 mg im Vergleich zu Placebo mehr ganze Tage ohne Sodbrennen (55 versus 19 Prozent) und mehr Nächte ohne Sodbrennen (81 versus 52 Prozent) erlebten. Das Ergebnis war statistisch signifikant. Die 60-mg-Dosierung des PPI zeigte gegenüber 30 mg keinen zusätzlichen klinischen Nutzen.

Kommentar

Keine Vorteile


Es fällt schwer, in der Ausbietung von Dexlansoprazol gegenüber dem Enantiomerengemisch Lansoprazol einen Fortschritt zu sehen. Selbst im klinischen Vergleich von 60 oder 90 mg Dex­lansoprazol mit 30 mg Lansoprazol konnte kein Vorteil des rechtsdrehenden Enantiomers gegenüber dem Racemat nachgewiesen werden. Auch die spezielle Galenik, die eine schnellere Freisetzung garantiert, konnte keine Pluspunkte in der Wirksamkeit bringen. Insgesamt muss Dexlansoprazol als Analog­produkt gewertet werden.

 

Professor Dr. Hartmut Morck
Universität Marburg

Die in den Studien am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und gastrointestinale Erkrankungen wie Übelkeit, Diarrhö, Bauchschmerzen, abdominale Beschwerden, Flatulenz und Obstipation.

 

Die Formulierung von Dexilant, bei der eine zweifach retardierte Technologie verwendet wird, führt zu einem Konzentrations-Zeit-Profil von Dexlansoprazol mit zwei unterschiedlichen Spitzen: Die erste tritt eine bis zwei Stunden, die zweite vier bis fünf Stunden nach der Einnahme auf. Um diesen Effekt nicht zu gefährden, sollten die Hartkapseln als Ganzes mit Flüssigkeit eingenommen werden. Dabei ist es unerheblich, ob dies mit oder ohne Nahrung erfolgt. Patienten können die Kapseln auch öffnen und das Granulat zur vereinfachten Einnahme mit einem Löffel Apfelmus vermischen. Jedoch sollte das Granulat nicht zerkaut werden.

Aufgrund der reduzierten Elimination des Wirkstoffs bei älteren Patienten kann bei ihnen eine individuelle Dosis­anpassung erforderlich sein. Ärzte sollten den PPI nicht bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung verordnen. Bei mäßig eingeschränkter Leberfunktion sollten sie die Patienten zumindest regelmäßig überwachen und eine maximale Tagesdosis von 30 mg in Betracht ziehen.

 

Bei Patienten, die über einen längeren Zeitraum einen PPI einnahmen, kann unter Umständen eine Hypomagnesiämie auftreten. Deshalb sollte der Arzt bei voraussichtlicher Langzeittherapie mit einem PPI oder gleichzeitiger Einnahme von Arzneimitteln, die niedrige Magnesiumspiegel verursachen können wie Diuretika, vor und regelmäßig während der Behandlung den Magnesiumspiegel im Blut testen. Zudem sollten Ärzte bedenken, dass PPI das Frakturrisiko der Patienten erhöhen und die Symptome und damit auch die Diagnose eines bösartigen Magentumors verzögern können.

 

CYP2C19-Inhibitoren erhöhen die Blutspiegel von Dexlansoprazol. Enzym­induktoren von CYP2C19 und CYP3A4 können sie dagegen senken. In der Fachinformation wird zudem informiert, dass Sucralfat und Antazida die Bioverfügbarkeit (BV) des neuen Wirkstoffes reduzieren und dieser daher frühestens eine Stunde nach der Einnahme entsprechender Präparate eingenommen werden sollte.

 

Dexlansoprazol kann die Resorption von Wirkstoffen beeinträchtigen, bei denen der pH-Wert im Magen entscheidend für die BV ist. Die kombinierte Gabe mit Atazanavir und Nelfinavir ist aus diesem Grund sogar kon­traindiziert. Auch von der kombinierten Gabe mit Ketoconazol, Itraconazol und Erlotinib wird abgeraten. Bei Patienten, die gleichzeitig Digoxin bekommen, kann es unter Dexlansoprazol zum Anstieg der Digoxin-Plasmaspiegel kommen. Der Arzt muss diese Patienten, ebenso wie Patienten unter Warfarin, daher besonders sorgfältig überwachen.

 

Schwangere sollten Dexlansoprazol sicherheitshalber nicht einnehmen. Bei Stillenden muss entschieden werden, ob das Stillen zu unterbrechen ist oder ob auf die Behandlung mit dem PPI verzichtet beziehungsweise diese unterbrochen wird. /

 

vorläufige Bewertung: Analogprodukt

 

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