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Der Venenkunde in der Apotheke

Ergebnisse mit dem DGP-Fragbogen

24.04.2007
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Der Venenkunde in der Apotheke

Ergebnisse mit dem DGP-Fragbogen

Von Eberhard Rabe und Martin Schulz

 

Ein von der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP) entwickelter Fragebogen sichert die schnelle Orientierung bei Verdacht auf chronische Venenerkrankungen. Er wurde im Rahmen der Aktion »Antistax®-Venenwoche« in Apotheken eingesetzt. Die Daten vermitteln ein repräsentatives Bild von Venenkunden. Bei 41 Prozent der Befragten wiesen sie auf einen abklärungsbedürftigen Befund hin.

 

Eine Reihe epidemiologischer Studien der letzten Jahre charakterisieren Venenerkrankungen als eine Volkskrankheit (1, 2). In einer der jüngsten, großen Gesundheitsstudien der DGP, der Bonner Venenstudie, zeigte sich, dass 90 Prozent der erwachsenen Deutschen bereits Veränderungen am Venensystem aufweisen. Mehr als jeder zweite Proband (56 Prozent) litt vor der Untersuchung an Beinbeschwerden, die auf eine Gefäßerkrankung hinweisen, von Schweregefühl über Spannungsgefühl bis hin zu Schmerzen nach längerem Stehen. Bei jedem sechsten Mann und jeder fünften Frau konnte eine chronische Venenerkrankung festgestellt werden (1). Die ermittelten Daten basieren auf Querschnittsuntersuchungen in der deutschen Bevölkerung.

PZ-Originalia

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Erste Anlaufstelle bei Beschwerden in den Beinen ist häufig die Apotheke. Wie sehen hier Häufigkeit und Ausprägung venöser Beinbeschwerden aus? Antworten geben Daten von 24.438 Apothekenkunden, die im Rahmen der Antistax®-Venenwoche vom 29. Mai bis zum 3. Juni 2006 den Fragebogen der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie zum Vorliegen einer chronischen Venenerkrankung ausfüllten. Die Venenwoche wurde potenziellen Kunden über Aktionen im Internet und in  den teilnehmenden Apotheken angekündigt. Die Apotheken erhielten die Fragebögen der DGP zusammen mit einer Anleitung für das Kundengespräch. Der Fragebogen sollte vor dem Beratungsgespräch vom Kunden selbst oder mittels Abfrage durch Apotheker oder PTA ausgefüllt werden.

 

Der Fragebogen wurde von der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie so konzipiert und standardisiert, dass Apothekenkunden mit venösen Erkrankungen der Beine möglichst sicher selektiert werden können (4). Mit wenigen, jedoch essenziellen Fragen lässt sich so der Verdacht auf eine behandlungsbedürftige Venenerkrankung erhärten. Somit sollten vor dem Beratungsgespräch von Apothekenseite nicht venöse Beinbeschwerden, wie Rückenprobleme, schnell und unkompliziert ausgeschlossen werden. Der DGP-Fragebogen ist der einzige im deutschsprachigen Raum validierte Fragebogen, der sich in einer Vergleichsstudie mit 1800 Teilnehmern als ebenso aussagekräftig erwies wie eine Venenmessung mittels Lichtreflexions-Rheographie (LRR; 2). Anhand der Fragen wurden neben den Patientendaten wie Geschlecht, Alter, Größe und Gewicht folgende wesentliche Daten erhoben, die ebenfalls relevant für das weitere Beratungsgespräch mit dem Kunden sind:

 

Familienanamnese (Krampfadern bei den Eltern)

Anamnese des Kunden (bestehende venöse Vorerkrankungen wie eine oberflächliche Venenentzündung, tiefe Beinvenenthrombose oder ein offenes Bein)

derzeitige Beinbeschwerden (Anschwellen der Beine im Tagesverlauf, schwere Beine bei längerem Sitzen oder Stehen, Hautverfärbung an den Unterschenkeln, sichtbare Krampfadern)

 

Die vorgegebenen Antworten sind standardisiert und ergeben eine Punktzahl zwischen null und zwei Punkten. Am Ende des Fragebogens werden die Punkte zusammengezählt. Ab einer Gesamtpunktzahl von vier liegt der Verdacht auf eine behandlungsbedürftige chronische Venenerkrankung vor und laut DGP wird empfohlen, die Beinbeschwerden ärztlich abzuklären. Die von den Apotheken zurückgesendeten Fragebögen wurden in einer Datenbank erfasst und ausgewertet.

 

Hoher Prozentsatz mit Risiko

 

Insgesamt wurden von 739 Apotheken bundesweit 24.438 Fragebögen zurückgesandt und ausgewertet. Die Mehrzahl der Befragten war weiblich (84 Prozent) und der Altersdurchschnitt betrug 60 Jahre. Laut Erhebungen in Apotheken entspricht dies im Wesentlichen den Daten eines durchschnittlichen Apothekenkunden.

 

Die Auswertung der Fragebögen ergab, dass 41 Prozent aller Befragten eine Punktzahl über vier aufwiesen und somit ein Verdacht auf eine behandlungsbedürftige Venenerkrankung bestand oder ein Risiko, eine solche zu entwickeln. Bei 64 Prozent kam diese Punktzahl durch eine Kombination der eigenen Beschwerden wie Schwellung beziehungsweise Ödem, schweren Beinen und Krampfadern zustande. Hier sollte dem Kunden ein Arztbesuch empfohlen werden, um die Beinbeschwerden abzuklären.

 

Bei schwerer Ausprägung können Venenerkrankungen zu Unterschenkelgeschwüren, dem sogenannten »offenen Bein« oder Thrombosen führen. Diese schweren Erkrankungsbilder sind jedoch laut Bonner Venenstudie aufgrund einer besseren Versorgung gegenüber älteren epidemiologischen Untersuchungen in den letzten 20 Jahren weniger geworden (1, 2). Auch in der vorliegenden Befragung waren Angaben zu schweren Erkrankungsstadien selten, nur 1 Prozent der befragten Apothekenkunden hatten schon mal ein Unterschenkelgeschwür beziehungsweise 8 Prozent eine tiefe Beinvenenthrombose.

 

Typische Beinbeschwerden, die auf eine bestehende Gefäßerkrankung hinweisen können und die dem Apotheker immer wieder genannt werden, sind schwere und geschwollene Beine. Diese traten auch in der vorliegenden Befragung sehr häufig auf. Bei 60 Prozent schwellen die Beine im Tagesverlauf zunehmend an. Über schwere Beine, insbesondere bei längerem Sitzen und Stehen, klagten 63 Prozent der Befragten. Zudem litten 12 Prozent der Befragten an bräunlichen Verfärbungen an den Unterschenkeln und 48 Prozent an sichtbaren Krampfadern. Nach dem Grad der Beschwerdeausprägung (nein/ja, mäßig/ ja, ausgeprägt) befragt, zeigte sich, dass Frauen im Vergleich zu den befragten Männern ihre Beschwerden häufiger als »ausgeprägt« angaben. Dies bestätigt Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen aufgrund eines anderen Gesundheitskonzeptes, in dem Wohlbefinden und Körpererleben eine zentrale Rolle spielen, eine höhere Symptomaufmerksamkeit zeigen als Männer. Männer beschreiben ihre Gesundheit eher über Aspekte wie Abwesenheit von Krankheit und Leistungsfähigkeit (3).

 

Risikofaktoren, Geschlechtervergleich

 

Zu den eindeutigen Risikofaktoren für die Entwicklung einer chronischen Venenerkrankung gehören Alter, familiäre Disposition und Geschlecht (1). Diese Parameter wurden ebenfalls mit dem DGP-Fragebogen erhoben. Nach der Familienanamnese befragt, gaben 45 Prozent der teilnehmenden Apothekenkunden an, dass beide Elternteile Krampfadern haben beziehungsweise hatten, bei 8 Prozent war ein Elternteil betroffen. Die Existenz familiärer Venenerkrankungen gilt als etablierter Risikofaktor für die Entstehung von Venenerkrankungen - ein wichtiger Hinweis im Beratungsgespräch; der Kunde sollte auf sein erhöhtes Risiko hingewiesen und sensibilisiert werden, auf Veränderungen an den Beinen zu achten. Interessant ist hier der Vergleich der Geschlechter bei den Angaben zur Familienanamnese. Während 90 Prozent der Männer angaben, kein Elternteil habe beziehungsweise hatte Krampfadern, berichteten die Frauen in 55 Prozent der Fälle über Krampfadern beider Elternteile beziehungsweise bei einem Elternteil. Möglicherweise beruhen die deutlich niedrigeren Angaben der Männer auf einem unterschiedlichen Gesundheitsverständnis beziehungsweise einer anderen Gesundheitswahrnehmung von Frauen und Männern (3).

 

Das Risiko, an einer chronisch venösen Insuffizienz (CVI) zu leiden, steigt mit dem Alter (1). So zeigt die Bonner Venenstudie, dass bei den untersuchten 70- bis 79-Jährigen 99 Prozent phlebologische Auffälligkeiten zeigten. Auch die vorliegenden Daten bestätigen ein zunehmendes Risiko für die Entwicklung einer chronischen Venenerkrankung. Es kamen 49 Prozent der über 80-Jährigen auf eine Punktzahl von mindestens vier. Im Vergleich dazu hatten in der Altersgruppe der 18- bis 19-Jährigen nur 11 Prozent vier und mehr Punkte. Übergewicht ist für die Ausbildung von Venenerkrankungen ebenfalls ein Risikofaktor. Im Durchschnitt hatten die Befragten einen BMI von 27. Sie sind demnach leicht übergewichtig, und ihre Wahrscheinlichkeit zu erkranken, ist somit gegenüber Normalgewichtigen erhöht. Dies bestätigt auch die zusätzliche Auswertung von 4593 Kunden mit einem BMI > 30, die als adipös einzustufen sind. In dieser Gruppe klagten 73 Prozent über anschwellende Beine im Tagesverlauf, 69 Prozent über schwere Beine bei längerem Stehen und Sitzen beziehungsweise 58 Prozent an sichtbaren Krampfadern. Der Prozentsatz bestehender Beinbeschwerden liegt damit deutlich höher als in der Gesamtgruppe.

 

Vergleicht man die Häufigkeit der abgefragten Beinbeschwerden bei den Geschlechtern, zeigt sich folgendes Bild: Beschwerden wie das Anschwellen der Beine im Tagesverlauf (Männer 45 Prozent, Frauen 63 Prozent) und die Angaben zu schweren Beinen (Männer 49 Prozent, Frauen 64 Prozent) wurden von den Frauen häufiger genannt. Schaut man sich aber die Häufigkeit der sichtbaren Veränderungen, wie Krampfadern, offenes Bein, oberflächliche Venenentzündung oder bräunliche Verfärbung der Unterschenkel an beziehungsweise das Auftreten von tiefen Beinvenenthrombosen, zeigen sich keine relevanten Unterschiede der Häufigkeit zwischen Männern und Frauen. So haben 52 Prozent der Männer und 55 Prozent der Frauen sichtbare Krampfadern und 11 beziehungsweise 15 Prozent geben an, dass die Haut an ihrem Unterschenkel bräunlich verfärbt ist. Beide Geschlechter scheinen gleichermaßen von Venenerkrankungen betroffen. Dies ist im Beratungsgespräch zu berücksichtigen, auch Männer, die ein anderes Gesundheitsverhalten aufweisen, gilt es, für das Krankheitsbild zu sensibilisieren.

 

Zusammenfassung

 

Die Auswertung von mehr als 24.000 Kundendaten vermittelt ein repräsentatives Bild des Venenkunden in der Apotheke. Der hohe Anteil von Kunden mit Verdacht auf eine behandlungsbedürftige Venenerkrankung oder Risiko für die Entwicklung einer chronischen Venenerkrankung, die aufgrund ihrer Beschwerden die Apotheke aufsuchten, verdeutlicht, wie wichtig das Beratungsgespräch ist, um dem Kunden geeignete präventive Maßnahmen gegen ein Fortschreiten der Venenerkrankung zu empfehlen beziehungsweise gegebenenfalls zu einer ärztlichen Abklärung seiner Beschwerden zu raten. Zumal den wenigsten Kunden bekannt ist, dass sich hinter ihren Beinbeschwerden ernst zu nehmende Erkrankungen verbergen können, deren Fortschreiten mit rechtzeitig und richtig angewandter Prävention verhindert werden kann.

 

Eine unkompliziertes und valides Hilfsmittel für das Erkennen von venösen Beinbeschwerden und damit ein fundierter Einstieg in die Beratung ist der standardisierte Fragebogen der DGP (4, 5). Aufgrund der hohen Rücklaufzahlen im Rahmen der Befragung kann von einer sehr guten Akzeptanz des Fragebogens bei Apotheken und Kunden ausgegangen werden.

 

Kostenlose Exemplare des DGP-Fragebogens können angefordert werden über die Initiative Pro Vene der Firma Boehringer Ingelheim, Binger Straße 173, 55216 Ingelheim (Telefon 0 61 32-77 59 54, E-Mail: sascha.link(at)ing.boehringer-ingelheim.com). Die Empfehlungen für das Vorgehen in der Apotheke bei venöser Insuffizienz wurden gerade aktualisiert (5).

Literatur

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Rabe, E., et al., Bonner Venenstudie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie. Epidemiologische Untersuchung zur Frage der Häufigkeit und Ausprägung von chronischen Venenkrankheiten in der städtischen und ländlichen Wohnbevölkerung. Phlebologie 32, 1 (2003) 1-14.

Stücker, M., et al., Fragebogen und Messung der venösen Auffüllzeit. Vergleich zweier Instrumente zum Screening von Venenerkrankungen. Vasomed 4 (2004) 130-131.

Schulze, C., et al., Geschlechts- und altersspezifisches Gesundheitsverständnis. In: Flick U. (Hrsg): Wann fühlen wir uns gesund? Subjektive Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit, Weinheim: Juventa 1998: 88-104.

Rabe, E., Schulz, M., Stöcker, M., Venenberatung. Venenfunktion per Fragebogen testen. Pharm. Ztg. 151, 18 (2006) 1677-1678.

Braun, R., Schulz, M., Venöse Insuffizienz/Venentherapeutika V-10. In: Braun, R., Schulz, M., Selbstbehandlung. Beratung in der Apotheke. Govi-Verlag, Eschborn 1994; inkl. 8. Erg.-Lfg. 2007.

 

Anschriften der Verfasser:

Professor Dr. Eberhard Rabe

Klinik und Poliklinik für Dermatologie

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität

Sigmund-Freud-Straße 25

53105 Bonn

eberhard.rabe(at)ukb.uni-bonn.de

 

Professor Dr. Martin Schulz

ZAPP der ABDA

Jägerstraße 49/50

10117 Berlin

zapp(at)abda.aponet.de

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