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Pflegereport

In Heimen zu viele Psychopharmaka

12.04.2017
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Von Stephanie Schersch, Berlin / In deutschen Pflegeheimen kommen zu häufig Psychopharmaka zum Einsatz. Zu diesem Ergebnis kommt die Pharmakologin Professor Petra Thürmann in einer Studie, die im aktuellen Pflegereport der AOK veröffentlicht wurde. Besonders betroffen sind demnach Pflegebedürftige mit Demenz.

Laut Studie erhalten insgesamt gut 30 Prozent der rund 800 000 Heimbewohner in Deutschland ein Antidepressivum. Einen Unterschied zwischen Pflegebedürftigen mit und ohne Demenz gibt es dabei kaum. Anders sieht es hingegen beim Einsatz von Neuroleptika aus. Während nur knapp 20 Prozent der Heimbewohner ohne Demenz ein entsprechendes Präparat erhalten, sind es bei den dementen Pflegebedürftigen ganze 43 Prozent.

 

Verstoß gegen Leitlinien

»Der breite und dauerhafte Neuroleptika-Einsatz bei Pflegeheimbewohnern mit Demenz verstößt gegen die Leitlinien«, sagte Thürmann vergangene Woche in Berlin. Neuroleptika werden in der Behandlung von Psychosen eingesetzt. Unter den atypischen Neuroleptika seien jedoch nur zwei Wirkstoffe (Risperidon und Aripiprazol) für die Therapie von Wahnvorstellungen bei Demenz zugelassen und auch dann nur für eine Behandlungsdauer von maximal sechs Wochen, so Thürmann. Der Nutzen einer Neuroleptika-Therapie sei bei Demenzpatienten zudem nicht besonders groß. Eine deutliche Besserung der Symptome tritt demnach bei maximal 20 Prozent der Betroffenen ein.

 

Thürmann verwies auch auf das Ausland. Lediglich in Spanien (54 Prozent) und Estland (48 Prozent) liegt der Anteil dementer Heimbewohner mit Neuroleptika-Verordnung demnach ähnlich hoch wie in Deutschland (47 Prozent). In Frankreich erhält hingegen nur jeder vierte Demenzpatient (27 Prozent) im Pflegeheim ein entsprechendes Präparat, in Schweden sind es sogar nur 12 Prozent. »Es scheint also Spielraum und Alternativen zu geben«, so Thürmann.

 

Dass Psychopharmaka in deutschen Pflegeheimen sehr häufig zum Einsatz kommen, bestätigt auch eine Umfrage des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) unter rund 2500 Pflegekräften. Demnach erhalten mehr als die Hälfte der Heimbewohner (56 Prozent) ein entsprechendes Medikament, knapp zwei Drittel (64 Prozent) länger als ein Jahr. Die große Mehrheit der Befragten (82 Prozent) hält dieses Verordnungsvolumen für angemessen.

 

»Das Problembewusstsein der Pflegekräfte muss hier offensichtlich geschärft werden«, sagte WIdO-Expertin Antje Schwinger. Zudem müssten nicht medikamentöse Alternativen im Umgang mit Demenzpatienten deutlich stärker im Arbeitsalltag verankert werden. Dazu zählen etwa bestimmte Beschäftigungsangebote oder Bewegungsförderung. Obwohl die Befragten entsprechende Verfahren sehr positiv bewerten, gab mehr als die Hälfte (56 Prozent) an, dass Zeitdruck den Einsatz dieser Alternativen verhindert.

 

Mehr Geld ist keine Lösung

 

AOK-Chef Martin Litsch sieht vor diesem Hintergrund die Heimbetreiber in der Pflicht. »Nicht medikamentöse Alternativen brauchen mehr Raum im Pflegealltag«, sagte er. Allein mehr Geld für Personal sei allerdings keine Lösung. Die Mittel müssten auch in die richtigen Strukturen fließen. Zudem müssten Ärzte ihre Verantwortung stärker wahrnehmen und Psychopharmaka nur dann einsetzen, »wenn es nicht anders geht und auch nur so kurz wie möglich«, so Litsch.

 

Insgesamt bezeichnete der AOK-Chef den kritischen Umgang mit Psychopharmaka als Teamaufgabe von Ärzten, Pflegeeinrichtungen und heimversorgenden Apotheken. Auch Thürmann sieht die Apotheker in einer entscheidenden Position. Sie könnten die Pflegekräfte schulen, damit diese etwa mögliche Nebenwirkungen einer Therapie rechtzeitig erkennen. »Das ist extrem wichtig.« /

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