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Anaphylaxie

Schnelles Handeln rettet Leben

09.04.2013
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Von Brigitte M. Gensthaler, Stuttgart / Eine Anaphylaxie ist eine unberechenbare und lebensbedrohliche allergische Reaktion. Sie kann sich innerhalb von Minuten nach Kontakt mit dem Allergen entwickeln. Die sofortige Injektion von Adrenalin kann Leben retten, kostet aber Überwindung.

Ein Kunde kommt aufgeregt in die Apotheke und sagt, er sei Allergiker und von einer Wespe in die Hand gestochen worden. Plötzlich sei ihm übel geworden und jetzt sei es ihm auch noch schwindelig. Am Hals rötet sich die Haut.

 

Mit diesem drastischen Fallbeispiel eröffneten Dr. Thomas Spindler und Dr. Robert Jaeschke von den Fachkliniken Wangen das Anaphylaxie-Seminar der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg in Stuttgart. »Eine Anaphylaxie ist eine allergische Reaktion vom Soforttyp und entwickelt sich in weniger als 30 Minuten nach Allergenkontakt. Sie ist die gefährlichste Form einer allergischen Reaktion«, informierte der Allergologe und Kinderpneumologe Spindler. Zugrunde liegt eine IgE-vermittelte Freisetzung von Entzündungsmediatoren wie Histamin aus Mastzellen.

Eine anaphylaktische Reaktion äußert sich mit unterschiedlichen Symptomen an verschiedenen Organen. Betroffen sind in der Regel die Haut, die Atemwege, der Magen-Darm-Trakt, das Herz-Kreislauf- und das Nervensystem. Beispielsweise beginnt die Haut zu jucken oder rötet sich, dem Patienten wird übel oder er muss erbrechen. Das Bronchialgewebe schwillt an, sodass der Patient heiser wird, pfeifend atmet oder Atemnot bekommt. Herzrasen und -arrhythmien sowie Blutdruckabfall bis hin zur Bewusstlosigkeit können ebenso auftreten wie Angst und Verwirrtheit.

 

Einmal systemisch, immer systemisch

 

Alle Symptome können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. »Wer einmal systemisch auf ein bestimmtes Allergen reagiert, wird immer systemisch darauf reagieren«, betonte Spindler. Die häufigsten Allergene bei Kindern und Jugendlichen sind laut Anaphylaxieregister (www.anaphylaxie.net) Nahrungsmittel und Insektengifte, vor allem von Biene und Wespe. Insektenstiche sind bei Erwachsenen die häufigsten Auslöser, gefolgt von Medikamenten wie Antibiotika und Analgetika sowie Lebensmitteln und Latex. Auf der Liste der Nahrungsmittelallergene rangieren Erdnüsse und Baumnüsse ganz oben. Auch eine Hyposensibilisierung kann zur anaphylaktischen Reaktion führen.

 

Beim Anaphylaktiker können auch Spuren des Allergens die Immunkaskade anstoßen, warnte Spindler. Man könne nie vorhersagen, wie stark die Reaktion ausfallen wird. Daher warnte er eindringlich vor jeglichen Selbstversuchen zu Hause.

 

Die Diagnose beginnt mit der Anamnese. Mit dem Prick- oder dem Radio-Allergo-Sorbent-Test kann der Arzt spezifische IgE-Antikörper in der Haut beziehungsweise im Blutserum nachweisen. Ein positives Ergebnis beweise eine Sensibilisierung, aber keine Allergie, betonte Spindler. »Ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland ist sensibilisiert gegen ein inhalatives Antigen, aber die Menschen sind nicht krank.« Die Allergie sei erst nachgewiesen, wenn Ana­mnese, Symptome und Testergebnisse zusammenstimmen.

 

Als Königsweg der Diagnostik bezeichnete der Arzt die Provokation, also die kontrollierte Zufuhr des potenziellen Allergens. Diese ist aufwendig und darf nur in Kliniken erfolgen. Sie sei angezeigt bei unklaren Befunden und wenn Grundnahrungsmittel als Allergen verdächtigt werden.

 

Zurück zum Fallbeispiel: Da eine Anaphylaxie potenziell lebensbedrohlich verläuft, muss das Apothekenteam schnell handeln. In der beschriebenen Situation lässt sich die Allergenzufuhr nicht mehr stoppen, da das Insekt bereits gestochen hat. »Da der Patient systemische Beschwerden wie Übelkeit, Schwindel und Hautrötung zeigt und der Allergenkontakt gesichert ist, muss sofort Adrenalin intramuskulär gespritzt werden«, sagte Spindler. Adrenalin wirkt innerhalb von Minuten und stabilisiert den Kreislauf. »Man kann es nicht zu früh geben und nicht zu hoch dosieren – man kann es nur zu spät geben«, trat er Befürchtungen entgegen.

 

Dann muss der Patient sicher gelagert werden: bei Atemnot hinsetzen, bei Kreislaufbeschwerden hinlegen und bei Bewusstlosigkeit in stabile Seitenlage bringen. Anschließend den Notarzt rufen. Ein inhalatives β-Mimetikum gegen die Atemnot wirkt innerhalb weniger Minuten. Bei Antihistaminika-Tropfen gegen die Hautreaktion dauert es etwa eine halbe Stunde bis zum Wirkeintritt. Systemische Corticosteroide wirken abschwellend und entzündungshemmend, aber die Wirkung tritt erst nach 50 bis 60 Minuten ein. Sie sollen Spätreaktionen vorbeugen.

 

Wenn der Patient leichte Symptome zeigt, die Allergenaufnahme aber fraglich ist, sollte der Helfer ebenfalls sofort den Notarzt rufen. Dann kommen Antihistaminika und Corticoide zum Einsatz. Den Adreanlin-Autoinjektor sollte man bereithalten und den Patienten genau beobachten.

 

Ein Patient mit einer anaphylaktischen Reaktion muss immer zur Nachbeobachtung ins Krankenhaus. Denn nach zwölf bis 24 Stunden kann eine Spätreaktion einsetzen, die »mindestens so heftig« wie die Erstreaktion sein kann, warnte Spindler.

 

Notfallset und Anaphylaxiepass

 

Jeder, der einmal eine Anaphylaxie erlitten hat, muss ein Notfallset und einen Notfallplan sowie einen Ana­phylaxiepass bekommen. Das Notfallset enthält einen Adrenalin-Autoinjektor, ein orales Antihistaminikum und ein systemisches Corticosteroid. Patienten, die an Asthma leiden oder bereits einmal mit Atemnot reagiert haben, erhalten zusätzlich ein inhalatives β-Sympathomimetikum. Apotheker sollten die Patienten ermutigen, das Notfallset ständig bei sich zu tragen.

Patienten und Angehörige brauchen eine intensive Schulung, damit sie sich trauen, die Medikamente im Notfall auch einzusetzen. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Probanden sich 15 bis 25 Mal mit einem Placebo-Pen spritzen müssen, bevor ihr Erregungslevel sinkt und Routine einkehrt, informierte der Schulungspädagoge und Sportwissenschaftler Jaeschke. »Alle müssen das üben: Eltern, Geschwister, Betreuer, Betroffene.« Apotheken könnten Placebo-Pens bei den Herstellerfirmen anfordern und mit den Patienten üben.

 

Mit beiden handelsüblichen Adrenalin-Autoinjektoren (Fastjekt®, Jext®) kann man durch Kleidung hindurch injizieren. Dazu umfasst man den Schaft des Injektors mit allen fünf Fingern, zieht die Schutzkappe ab und setzt die Plastikspitze senkrecht kräftig auf die Außenseite des Oberschenkels auf. Damit wird die Injektion automatisch und hörbar ausgelöst. Den Pen zehn Sekunden aufgedrückt halten, nicht bewegen und dann gerade herausziehen. Anschließend die Einstichstelle circa zehn Sekunden lang massieren.

 

Einzig möglicher, aber dramatischer Fehler: Man hält den Pen falsch herum und drückt mit den Daumen – wie bei einem Insulin-Pen – vermeintlich auf den Auslöser. Dann wird Adrenalin in den Daumen gespritzt, was zu einer maximalen Arterienverengung führt. Daher lautet die strikte Regel: Pen in die Faust nehmen und Daumen weg vom Injektorende.

 

Ist eine Allergie nachgewiesen, ist die Karenz die effektivste Maßnahme. Einen gewissen Schutz gegen Insektenstiche bieten einfache Verhaltensregeln, zum Beispiel Saftbecher mit Deckel verwenden, Obstbäume und Blumen meiden, nicht barfuß laufen und nicht nahe an Abfallkörbe und Fallobst herangehen. Bei einer Insektengift-Allergie sei die spezifische Immuntherapie (SIT, Hyposensibilisierung) unabhängig vom Alter des Patienten »ein Muss«, sagte Jaeschke. Nahezu 90 Prozent der Patienten reagieren nach der Therapie nicht mehr auf einen Stich.

 

Allergenkarenz ist nicht so einfach

 

Sind Nahrungsbestandteile der Auslöser, kann es schwierig werden. Es gibt eine Reihe von deklarationspflichtigen Inhaltsstoffen, zum Beispiel Eier, Fische, Erdnüsse, Sojabohnen und Milch, die als Zutaten von verpackten Lebensmitteln EU-weit deklariert werden müssen. Trotzdem bleibe viel Unsicherheit, da Spuren solcher Stoffe oft nicht deklariert sind und lose Ware gar nicht gekennzeichnet ist, sagte Jaeschke.

 

Andererseits sichern sich viele Hersteller ab mit dem Hinweis »Kann Spuren enthalten von …«. Das bedeutet, dass das Allergen enthalten sein kann oder nicht und sagt nichts über die Menge aus. Der Spurenhinweis ist nicht gesetzlich verpflichtend. Patienten beziehungsweise ihre Eltern und Betreuer müssten lernen, die Lebensmittelkennzeichnung zu verstehen und diese selbst bei bekannten Produkten immer wieder überprüfen. /

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