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Bolzplatz in Kapseln

11.04.2006  15:18 Uhr

Bolzplatz in Kapseln

von Kerstin A. Gräfe, Frankfurt am Main

 

Die Firma Neosino, deren Produkte so genannte Nano-Mineralien enthalten sollen, steht derzeit unter starkem Beschuss. Laut eines Gutachtens des Max-Planck-Institutes enthält keines der untersuchten Produkte Partikel in Größen von 3 bis 10 Nanometer. Die Pillen haben laut Professor Dr. Antonietti die gleiche Wirkung wie Staub, wie ein »Bolzplatz in Kapseln«.

 

Die Präparate der Firma Neosino Nanotechnologies sollen wahre Wunder bewirken. Ihr wichtigster Bestandteil sind laut Hersteller so genannte Nano-Mineralien, winzig klein gemahlene Partikel mit einer Größe von 3 bis 10 Nanometer. Diese sollen auf Grund eines speziellen Zerkleinerungsverfahrens zur Heilung von Sportverletzungen beitragen, aber auch gegen Schuppenflechte, Osteoporose, Rheuma, offene Wunden, Verbrennungen und Neurodermitis eingesetzt werden können. Sogar der FC Bayern München und Mannschaftsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hatten sich als Werbepartner einspannen lassen.

 

Abgesehen davon, dass bislang noch niemand die sagenumwobene Kolloidmühle zu Gesicht bekommen hat, gibt es nun erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit dieser Produkte: Denn ein Gutachten von Professor Dr. Markus Antonietti vom Max-Planck-Institut in Potsdam, der dies im Auftrag des ARD-Magazins »Panorama« und des NDR erstellte, ergab etwas völlig anderes. Danach enthält keines der fünf untersuchten Produkte Partikel in Größen von 3 bis 10 Nanometer, wie auf der Packung angegeben, erklärte der Wissenschaftler gegenüber dem NDR. Die Pillen haben laut Antonietti die gleiche Wirkung wie Staub. »Die Fußballer von Bayern München schlucken sozusagen Bolzplatz in Kapseln«, erklärte Antonietti.

 

Nun hat Neosino im Rahmen einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main eigene Gutachten vorgelegt und bleibt bei der Behauptung, dass die Produkte Mineralien in der Größe von 3 bis 10 Nanometern enthielten. »Wir können leider nur spekulieren, welche Interessen hinter dieser gut inszenierten Kampagne stehen«, sagte Vorstandschef Edmund Krix. Neosino habe im Vorfeld der Berichterstattung von der »Panorama«-Redaktion keinerlei Informationen erhalten. Nur mittels eigener Recherche sei man überhaupt auf Antonietti gekommen. Dieser habe dann auf Krix’ Vorschlag hin der »Panorama«-Redaktion angeboten, Vergleichsuntersuchungen durchzuführen. Dies wurde laut Krix seitens der Redakteure mit der Begründung abgelehnt, dass dies die weiteren Recherchen stören würde. Bis heute sei Neosino das besagte Gutachten nicht zugänglich gemacht worden.

 

Gutachten als Eigentor

 

Für die Vergleichsuntersuchungen hatte das Unternehmen zwei Gutachter beauftragt. Vertreten waren das Gefahrstofflabor Physik der Uni Gießen mit Professor Dr. Klaus Rödelsperger, Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin im Klinikum der Justus-Liebig-Universität, Gießen, sowie das Zentrum für Werkstoffanalytik Lauf mit zwei öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen, Dr. Jürgen Göske und Diplom-Ingenieur Werner Kachler. Beide waren bereits früher für die Neosino tätig gewesen.

 

Mit der Intention, die Vorwürfe von Panorama zu entkräften, hatte Neosino fünf Produkte untersuchen lassen. Darunter war auch eine Probe von Nanosiliceokapseln. Irritierenderweise scheint laut Gutachten ausgerechnet in diesen kein Silicium zu sein. So steht im Untersuchungsbericht auf Seite 5 in der Beschreibung einer Abbildung: »Ultrafeine Aggregate aus Partikeln < 100 nm, die kein SI erkennen lassen.« Auffällig ist auch, dass Nanopartikel, die deutlich kleiner als 10 nm sind, offenbar nicht zu identifizieren sind. Das dies der eigentliche Maßstab gewesen wäre, wurde auf der Pressekonferenz allerdings übergangen.

 

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Professor Dr. Horst Weller vom Zentrum für angewandte Nanotechnologie. Er  habe in keinem dieser Gutachten Belege für 3 bis 10 Nanometer große Partikel gesehen. Stattdessen seien auf den Aufnahmen entweder Verklumpungen dieser Teilchen, die insgesamt viel größer sind, oder lediglich oberflächliche Ausbuchtungen auf großen Körnern, die diese Größen aufweisen, zu sehen. Das finde man aber auf jedem Sandkorn, so Weller gegenüber »Panorama«.

 

Rätselraten gibt es unterdessen auch um den Sitz der Herstellerfirma. Auf den Packungen der Neosino wird als Hersteller die Firma Sanalife LTD auf Malta genannt. Eine solche Firma ist zwar auch im örtlichen Handelsregister eingetragen, war bei einem Besuch der »Panorama«-Redakteure allerdings nicht auffindbar. In dem Gebäude residiert lediglich eine Elektrofirma. Gegenüber »Panorama« gab Neosino dazu keine Stellungnahme ab.

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