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Autofahren

Grünes Licht für fast alle Diabetiker

04.04.2018
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Von Annette Mende, Berlin / Eine Diabetes-Erkrankung ist für sich genommen kein Grund, auf das Autofahren zu verzichten. Die Fahrtauglichkeit ist nur in wenigen Ausnahmen eingeschränkt. Das geht aus einer neuen Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) hervor.

»Die allermeisten Menschen mit Diabetes können sicher am Straßenverkehr teilnehmen, auch als Taxi-, Bus- oder Lkw-Fahrer«, sagte Professor Dr. Reinhard Holl vom Universitätsklinikum Ulm bei einer Pressekonferenz der DDG in Berlin, bei der die Leitlinie vorgestellt wurde. Auch Patienten, die Insulin spritzen, könnten sicher fahren. Das immer noch verbreitete Vorurteil, dass insulinpflichtige Diabetiker generell nicht Auto fahren dürfen, sei falsch. Auch ein hoher HbA1C-Wert, der einen dauerhaft zu hohen Blutzuckerwert anzeigt, reiche an sich nicht als Begründung für ein Fahrverbot.

 

Erste Leitlinie in Europa

 

Die DDG hat als erste diabetische Fachgesellschaft in Europa eine S2e-Leitlinie zu »Diabetes und Straßenverkehr« vorgelegt. Holl, der als Koordinator und Mitautor an der Erstellung beteiligt war, betonte, dass Diabetiker im Straßenverkehr nur wenig häufiger in Unfälle verwickelt sind als Stoffwechselgesunde. »Die Unfallhäufigkeit ist nur um etwa 10 Prozent erhöht.« Im Vergleich dazu seien etwa das Schlafapnoesyndrom aufgrund der erhöhten Tagesschläfrigkeit (200 Prozent erhöhte Unfallhäufigkeit) oder das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyper­aktivitätssyndrom (400 Prozent erhöhte Unfallhäufigkeit) viel gravierendere Einschränkungen.

 

Nicht alle Diabetiker könnten jedoch unbesehen immer Auto fahren. Einen Hinderungsgrund stellten beispielsweise schwere Hypoglykämien dar: »Wenn der Patient während des vergangenen Jahres zwei oder mehr schwere Unterzuckerungen im Wachzustand hatte, kann er erst einmal nicht Auto fahren«, erläuterte Holl. Auch eine eingeschränkte Sehfähigkeit oder Nervenschäden in den Beinen, die dazu führen, dass der Patient die Pedale im Auto nicht sicher bedienen kann, seien mögliche Gründe für ein Fahr­verbot. Vorübergehend nicht fahrtüchtig seien Patienten in der Einstellungsphase einer Insulinbehandlung sowie bei relevanten Therapieumstellungen und Dosisänderungen (siehe Kasten).

 

Ein einmal ausgesprochenes Fahrverbot müsse jedoch nicht auf ewig ­Bestand haben, sagte Holl. So könnten etwa Patienten, die Hypoglykämien nur schlecht wahrnehmen, die Sensi­bilität für Unterzuckerungen in speziellen Schulungen erlernen. Beispiele seien HyPOS (Hypoglykämie – Positives Selbstmanagement) und BGAT (Blood Glucose Awareness Training). Bei Typ-2-Diabetikern sei meist eine Umstellung auf Medikamente mit geringerem Hypoglykämierisiko möglich, insulinpflichtige Patienten könnten beispielsweise ein kontinuierliches Blutzuckermesssystem mit akustischer Warnfunktion nutzen.

 

Gesetzliche Regelung

 

Welche Voraussetzungen ein Autofahrer erfüllen muss, um sich hinter das Steuer setzen zu dürfen, regeln in Deutschland das Straßenverkehrsgesetz und die Fahrerlaubnisverordnung. Letztere sieht unter anderem vor, dass die Details zur gesundheitlichen Eignung in den sogenannten Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung verbindlich geregelt sind. Diese Leitlinien erstellt die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), ein Forschungsinstitut im Bereich des Bundesverkehrsministeriums, in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Fachgesellschaften.

 

»Unsere Leitlinien sind zwar rechtlich verbindlich, aber nicht sehr detailliert«, sagte Dr. Martina Albrecht, die als Referatsleiterin bei der BASt unter anderem für Fragen der Fahreignung zuständig ist. Insofern stelle die Leitlinie der DDG eine sinnvolle und begrüßenswerte Ergänzung dar. Sie gebe sehr viel konkretere und detailliertere Handlungsempfehlungen für Gutachter und Ärzte als die der BASt. So heiße es etwa in der entsprechenden Begutachtungsleitlinie, dass »eine stabile Stoffwechsellage« gegeben sein muss, damit ein Diabetiker Auto fahren darf. Was das ist, war jedoch bislang Ermessenssache von Gutachtern. Jetzt macht die DDG-Leitlinie klare Vorgaben.

 

Albrecht betonte, dass alle Beteiligten Pflichten hätten, wenn es um die Beurteilung der Fahrtüchtigkeit geht: Ärzte, Patienten, Gutachter und Behörden. Die Ärzte müssten ihre Patienten über eine mögliche Einschränkung der Fahrtüchtigkeit aufklären und das auch dokumentieren. Die Patienten seien verpflichtet, den ärztlichen Rat zu ­befolgen, denn wer Auto fahre, obwohl er dazu gesundheitlich nicht in der Lage ist, mache sich strafbar. Gutachter schließlich müssten stets den aktuellen Stand des Wissens für ihre Beurteilungen heranziehen, was wiederum die Behörde auch überprüfen müsse.

 

In Deutschland besitzen laut DDG fast 6 Millionen Diabetiker einen Führerschein; damit ist etwa jeder zehnte Führerscheininhaber von Diabetes betroffen. Erkrankt jemand erst dann an Diabetes, wenn er den Führerschein schon hat, ist er nicht dazu verpflichtet, die BASt darüber zu informieren. »Dennoch tun dies immer wieder Patienten, sei es, weil sie nicht wissen, dass sie das nicht müssen, sei es aus Pflichtgefühl«, berichtete Albrecht. Erhält die Behörde Kenntnis von einer bestehenden Diabetes-Erkrankung, muss der Betroffene ein Gutachten vorlegen, das seine Fahrtauglichkeit bestätigt. Die Erstellung muss der Patient selbst bezahlen. Auch für diese Gutachten sind die jetzt in der DDG-Leitlinie festgeschriebenen Empfehlungen wichtige Kriterien. /

Empfehlungen der Leitlinie

In einem Anhang zur neuen Leitlinie hat die DDG Empfehlungen für Diabetiker, die aufgrund einer Therapie mit einem Sulfonylharnstoff und/oder Insulin ein erhöhtes Hypoglykämierisiko haben, zusammengefasst. Sie lauten verkürzt:

 

  • Tagesverteilung der Mahlzeiten und der Insulininjektionen beibehalten.
  • Vor Fahrtantritt Blutzucker messen.
  • Immer schnell verfügbare Kohlen­hydrate, etwa Traubenzucker, im Handschuhfach haben.
  • Beifahrer über die Diabetes-Erkrankung informieren.
  • Bei Verdacht auf Hypoglykämie ­sofort anhalten, den Zündschlüssel abziehen und schnell wirksame Kohlen­hydrate aufnehmen.
  • Alkohol – auch Restalkohol – erhöht das Hypoglykämierisiko. Niemals Alkohol trinken und dann Autofahren.
  • Auch bei deutlich zu hohen Blut­zuckerwerten nicht fahren.
  • Bei ausgeprägten Sehstörungen und starken Schwankungen des Blutzuckers nicht fahren.
  • Stets Blutzuckertestgerät und -streifen, Insulin plus -spritzen sowie Diabetikerausweis mitführen.

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