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Herpes labialis

Lebenslange Lippenbekenntnisse

08.04.2008
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Herpes labialis

Lebenslange Lippenbekenntnisse

Von Elke Wolf

 

Lippenherpes ist lästig, wenig attraktiv und schmerzhaft, aber in der Regel eher ungefährlich - solange man die Finger von den Bläschen und Borken lässt, sehr hygienisch vorgeht und rechtzeitig mit Arzneimitteln gegensteuert.

 

Das winzige Herpesvirus mit einem Durchmesser zwischen 90 und 170 Nanometern hat es weit gebracht: Etwa 90 Prozent der Deutschen sind mit Herpes-simplex-Viren vom Typ 1 (HSV-1) infiziert, rund 20 Prozent tragen HSV-2 in sich. Trotz der hohen Durchseuchungsrate blüht der Herpes nur bei 20 bis 40 Prozent der Virusträger. Normalerweise werden die unschönen Bläschen an den Lippen durch HSV-1 initiiert, und Infektionen im Genitalbereich sind eher dem Typ 2 zuzuschreiben. Doch Oralverkehr kann diese scharfe Abgrenzung verwischen. Virologen haben mittlerweile HSV-2 auch am Lippenherpes-Geschehen ausfindig gemacht und umgekehrt. Eine Infektion mit Typ 1 bewahrt nicht vor einer Infektion mit der 2er-Spezies.

 

Die Primärinfektion erfolgt meist im Kindesalter und verläuft still; ein Küsschen von einem an Herpes Erkrankten reicht schon aus. Die Erreger dringen durch kleinste Haut- und Schleimhautläsionen und siedeln sich um den Mund herum an. Vom Mund wandern sie an Nervenbahnen entlang zu Nervenknoten und persistieren dort teils jahrelang, ohne durch jedwede Beschwerden auf sich aufmerksam zu machen. Bei Herpes labialis ist der Nervenknoten in der Nähe der Schläfe, das Trigeminusganglion, Aufenthaltsort und Depot der viralen DNA. HSV-2 zieht sich ins Ganglion entlang des Rückenmarks zurück, vorwiegend in die Kreuzbein- und Lendenregion. Von hier kann die DNA jederzeit reaktiviert werden. Ist die Initialzündung erst einmal erfolgt, vermehren sich die Viren in rasender Geschwindigkeit.

 

Wecker für Herpesviren

 

Manche Personen erleben alle vier bis sechs Wochen die unschönen Lippenbekenntnisse, andere ein- bis zweimal pro Jahr. Was die Viren auf den Plan ruft, ist bis heute nicht ganz klar. Die auslösenden Faktoren können individuell unterschiedlich sein. Man weiß jedoch, dass fiebrige Infekte, Stress, Reizung des Ganglions durch Entzündungen oder zahnärztliche Eingriffe, UV-Licht, Klimawechsel oder hormonelle Veränderungen bei Menstruation oder Schwangerschaft das Immunsystem schwächen. Ein geschwächtes Abwehrsystem gibt den Viren die Chance, aus den Ganglien über die Nervenbahnen an die Hautoberfläche zu wandern.

 

Wer einmal Lippenherpes hatte, spürt genau, wann es wieder so weit ist. Herpesviren kündigen ihr Kommen mit einem Spannungsgefühl in der Lippe, mit Kribbeln und Juckreiz an. Zu sehen ist zwar noch nichts, manchmal nur eine schwäche Rötung. Doch jetzt beginnen die Viren mit ihrem Werk. Sie vermehren sich explosionsartig. Nach rund zwei Tagen hat der Überfall der Herpesviren seinen Höhepunkt erreicht. Die Hautzellen überleben den Virenansturm in ihrem Inneren nicht und platzen. Auf gerötetem Grund bilden sich in Gruppen die typischen prallen Bläschen, gefüllt mit einer Flüssigkeit, die Millionen von Viren enthält. Irgendwann bersten die Viren aus den Bläschen hervor. Anschließend verschorft der befallene Bereich, und der Herpes heilt narbenlos ab.

 

Virenbremse aus der Tube

 

Die Lokaltherapie verspricht den besten Erfolg, wenn man im Prodromalstadium beginnt. Dafür sind in Deutschland zahlreiche Topika auf dem Markt. So etwa Arzneimittel mit chemisch-synthetischen Virustatika wie Aciclovir (zum Beispiel Zovirax®) und Penciclovir (Fenistil® Pencivir), aber auch solche mit Melissenextrakt (zum Beispiel Lomaherpan®), Zinksulfat (zum Beispiel Virudermin®) oder Zink-Heparin-Kombinationen (zum Beispiel Lipactin®). Relativ neu ist ein fast unsichtbares Herpesbläschen-Pflaster (Herpesbläschen-Patch Compeed®), das direkt auf die betroffene Lippenpartie geklebt wird. Es arbeitet nach dem Prinzip der feuchten Wundheilung und sorgt so für gute Heilungsbedingungen und beugt Schorfbildung vor. Doch der Placeboeffekt ist beim Herpes labialis groß, in Studien beträgt er teils bis zu 40 Prozent. Möglicherweise fördert schon eine Basiscreme allein die Heilung der Läsionen und die Epithelisierung.

 

Die chemischen Virustatika sind sicherlich die potentesten; die Bläschen heilen signifikant schneller ab und die Schmerzen lassen zügiger nach als unter Placebo. Aciclovir und Penciclovir hemmen die Virus-DNA-Synthese in den virusinfizierten Zellen, indem sie als Kettenabbrecher fungieren. Das erklärt, warum es so wichtig ist, das Präparat bereits beim allerersten Kribbeln und danach am besten alle zwei Stunden (wie in klinischen Studien getestet) aufzutragen: Zu diesem Zeitpunkt ist die Zahl der Viren, die der Arzneistoff bekämpfen muss, noch gering - und die Wahrscheinlichkeit, den Lippenherpes ganz zu verhindern, am größten.

 

Ab zum Arzt

 

Es gibt Zeiten, in denen man sichergehen möchte, keinen Herpes auf den Lippen zu tragen, so zum Beispiel an einer Hochzeit. Auch im Urlaub sind die Bläschen überaus lästig. Doch das kann man gezielt vermeiden. Experten wie Professor Dr. Peter Wutzler, Direktor des Instituts für Antivirale Chemotherapie in Jena, raten dann zu einer systemischen Aciclovir-Therapie im Vorfeld. Dazu werden drei bis vier Tage vor dem wichtigen Ereignis oder dem Urlaub bis zum Urlaubsende durchgehend zweimal täglich 400 Milligramm eingenommen. So könnten die Herpesviren mit nahezu 100-prozentiger Sicherheit in ihrem Versteck gehalten werden.

 

Auch wenn der Herpes häufiger als sechs Mal pro Jahr auftritt, kann eventuell eine systemische antivirale Prophylaxe mit Aciclovir über drei bis sechs Monate Besserung bringen. Die Selbstmedikation hat ihre Schuldigkeit getan, wenn der Patient starke Schmerzen und Fieber hat. Auch wenn die Lippenpartie großflächig beteiligt ist, bei immunsupprimierten Menschen und Atopikern ist der Arztbesuch dringend anzuraten. Ab zum Arzt heißt es zudem, wenn die Augen mitbeteiligt sind (herpetische Keratokonjunktivitis). Wie das? Wer mit infizierten Fingern seine Augen reibt, Kontaktlinsen einsetzt oder diese etwa mit dem Speichel reinigt, der kann sich leicht eine Binde- und Hornhautinfektion mit bleibenden Schäden am Auge einfangen. Ein Fremdkörper- und ein unbestimmtes Spannungsgefühl gehören zu den ersten Symptomen.

 

Zudem gilt: Bei einer akuten Lippenherpes-Erkrankung am besten den Partner nicht küssen. Und: Vorsicht beim Sex! Besonders bei schwangeren Frauen bergen die Herpesviren Gefahr. Wenn Viren aus den Lippenbläschen auf die Genitalien übertragen werden und sich dort bei der werdenden Mutter zu einem Genitalherpes auswachsen, ist größte Vorsicht angebracht. Denn ein akuter Herpes genitalis zum Zeitpunkt der Geburt kann beim Baby schwerste Nervenschäden verursachen, die schlimmstenfalls lebenslange Behinderungen zur Folge haben. Das Immunsystem des Neugebornen ist noch nicht auf den viralen Ansturm vorbereitet. Der Arzt muss rund drei Tage vor der Geburt systemisch Aciclovir verabreichen. Ansonsten kann ein Kaiserschnitt das Kind vor den Herpesviren bewahren.

 

Auch nach der Geburt sind einige Vorsichtsmaßnahmen zu beachten, wenn die Eltern gerade von einem Lippenherpes gezeichnet sind. Da Herpes simplex mit dem Speichel übertragen wird, sollten die frisch gebackenen Eltern ihr Kind auf keinen Fall küssen. Auch sollten sie zum Beispiel nicht den Schnuller ablecken oder den Sauger des Fläschchens in den Mund nehmen, um die Temperatur zu prüfen. Die meisten Menschen stecken sich zwar ohnehin vor dem sechsten Lebensjahr mit Herpes an; dies sollte jedoch möglichst nicht im Säuglingsalter geschehen.

Zehn Tipps für Herpes-Geplagte

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auf erste Anzeichen achten

Herpespräparat immer griffbereit in der Handtasche haben

das Präparat ruhig dick auftragen und regelmäßig alle zwei Stunden anwenden, um den Viren keine Chance zur Vermehrung zu geben

Hygiene ist das A und O: Um nicht mit den Fingern die Keime weiterzuverbreiten, Creme immer mit einem Wattestäbchen auftupfen

wunde, schmerzhafte Stellen nicht mit den Fingern berühren, nicht kratzen oder Krusten entfernen

nichts, was mit den Lippen in Kontakt kommt, mit anderen teilen, wie Tassen, Gläser oder Handtücher

eine neue Zahnbürste ist empfehlenswert

während der akuten Phase nicht küssen, auch Mütter ihre Babys nicht

auf keinen Fall Bläschenflüssigkeit mit den Fingern ins Auge bringen und Kontaktlinsen nur mit sauberen Fingern einsetzen

in den Bergen oder am Meer die Lippen immer mit einem Fettstift inklusive UV-Schutz eincremen

 

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