Pharmazeutische Zeitung online
150 Jahre PZ

Schwarzkünstler und Mediengestalter

31.03.2006  15:27 Uhr

150 Jahre Zeitungsherstellung

Schwarzkünstler und Mediengestalter

von Klaus Gilbert, Eschborn

 

Die Londoner »Times« wurde 1814 erstmals auf einer dampfbetriebenen Schnellpresse gedruckt. In Deutschland arbeiteten unter anderen die Buchdruckmaschinenfabrik Heidelberg und die Druckmaschinenfabrik Koenig & Bauer an der Entwicklung neuer Druckmaschinen und an die 80 Schriftgießereien sorgten für gut gefüllte Setzkasten in einer ständig wachsenden Zahl von Druckereien. Papier und Druckfarbe konnten industriell hergestellt werden. Mitte des 19. Jahrhunderts stand das Gewerbe Gutenbergs vor einem großen Aufschwung.

 

Als der Apotheker Hermann Müller im April 1856 erstmals in C. A. Voigt’s Buchdruckerei im schlesischen Bunzlau mit seinen handgeschriebenen Manuskripten erschien, traf er dort auf ein illustres Völkchen aus Setzern und Druckern. Schon in der Entstehungszeit der »Schwarzen Kunst«  waren dies sehr angesehene Berufe, waren die Meister und Gesellen doch nicht nur des Schreibens und Lesens mächtig, sondern auch der Rechtschreibung, was in anderen Handwerksberufen nicht durchgängig der Fall war. Seine erste »Pharmaceutische Zeitung«, vier Seiten Umfang in einer Auflage von 400 Stück, wurde Buchstabe für Buchstabe im Handsatz gesetzt und auf einer Kniehebel- oder Tiegelpresse aus Metall gedruckt. Technische Hilfsmittel für die Arbeit des Redakteurs gab es nicht, und vermutlich verbrachte Müller einen langen Tag in der Druckerei, bis alle Artikel fehlerfrei gesetzt, zu Seiten zusammengestellt und gedruckt waren.

 

Im Jahr 1885 zog die Redaktion in Person von Hermann Müllers Nachfolger und Schwiegersohn Dr. Julius Böttger nach Berlin. Spätestens seit Erscheinen von August Scherls »Berliner Lokalanzeiger« im Jahre 1883, einer ersten am Massengeschmack orientierten Tageszeitung, galt Berlin als die deutsche Pressemetropole.

 

Ermöglichten die neuen Hochdruck-Rotationsdruckmaschinen – die erste war von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (M.A.N.) 1872 hergestellt worden – einen immer schnellern Druck und höhere Auflagen, so stellte die Erfindung der Zeilengießmaschine von Ottmar Mergenthaler eine Revolution in der Zeitungsherstellung dar. Sie kam erstmals 1886 unter dem Namen »Linotype« auf den Markt und war binnen kurzer Zeit in allen Zeitungshäusern und großen Druckereien unentbehrlich. Der Maschinensetzer reihte durch Bedienen einer erweiterten Schreibmaschinentastatur die Buchstaben einer Zeile in Form von wiederverwendbaren Matrizen aneinander. War die Zeile voll, wurde sie mit einer Bleilegierung ausgegossen, anschließend die Matrizen zur erneuten Verwendung in den Matrizenkasten zurücksortiert. Der Zeitaufwand für die Satzherstellung von Zeitungen und Zeitschriften konnte dadurch erheblich reduziert werden.

Obwohl es nach einigen technischen Verbesserungen bald möglich war, mit diesen Maschinen 6000 bis 7000 Zeichen pro Stunde zu setzen (im Vergleich dazu setzte ein guter Handsetzer bis zu 1500 Zeichen pro Stunde in seinem Winkelhaken), hatte dies keine negativen Auswirkungen auf den Berufsstand der Schriftsetzer, im Gegenteil. Viele wurden zu höher qualifizierten Maschinensetzern. Der Handsatz existierte weiter für anspruchsvolle Akzidenzen, als neues Berufsbild kam der auf den Zeitungsumbruch spezialisierte Schriftsetzer, der Metteur, hinzu.

 

Der Redakteur, dem dieser Fortschrift eine spätere Fertigstellung seiner Artikel und damit mehr Aktualität erlaubte, schrieb seine Texte nun auf der Schreibmaschine. Zudem ermöglichte die Verbreitung des Telefons durch die deutsche Reichspost ab dem Jahre 1905 eine rasante Beschleunigung der Nachrichtenübermittlung.

 

In der Auswirkung auf die Arbeit eines Zeitungsredakteurs war dies in der Zeit bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nur noch mit der Erfindung des Siemens-Hell-Fernschreibers vergleichbar, der ab 1933 in allen Redaktionsstuben Einzug hielt. Ernst Urban, der die Leitung der »Pharmazeutischen Zeitung« 1933 abgeben musste, kam wohl nicht mehr in den Genuss, beispielsweise Agenturmeldungen »über den Ticker« zu empfangen.

 

Ende 1937 stellte die Pharmazeutische Zeitung ihr Erscheinen ein. Zehn Jahre später war sie wieder da, trotz Mangels an allem, dank Herausgeber und Chefredakteur Ernst Urban, zunächst mit zwei Ausgaben im Monat, ab 1949 wieder wöchentlich.

 

In diesem Jahr trat auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft, welches eine umfassende Pressefreiheit garantierte; die Lizenzpflicht durch die alliierten Besatzungsmächte entfiel. Dies führte zu einem Boom von Zeitungs-  und Verlagsgründungen.

 

Im selben Jahr gründete auch Jo von Fisenne in Hamburg den Govi-Verlag in dem zunächst die »Pharmazeutischen Nachrichten« erschienen. 1951 kam es zur Fusion mit der »Pharmazeutischen Zeitung«. Unter diesem Titel erschien dann auch das Organ der neu gegründeten Standesorganisation ABDA im Govi-Verlag. 1953 erfolgte der Umzug nach Frankfurt am Main, die ABDA übernahm den Verlag und wurde Herausgeber. Schon bald hatte man in der Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH einen zuverlässigen Partner für die Herstellung gefunden, in dem die »Pharmazeutische Zeitung« 23 Jahre lang gesetzt und gedruckt wurde.

 

Mit der Vielzahl von Verlagsneugründungen begann auch für die Druckmaschinenhersteller und die gesamte Zulieferindustrie des grafischen Gewerbes der große Aufschwung. Bis in die 1970er-Jahre wurde die bestehende Technik aus Bleisatz, Buchdruck und Hochdruck-Rotation ständig verbessert. Die Linotype-Setzmaschinen wurden für den Mengensatz weiterentwickelt, bis hin zur Kombination mit dem Teletypesetter-System. Dieses System übernahm die Steuerung der mechanischen Setzmaschine und wurde selbst mit Lochstreifen »gefüttert«. Bei voller Leistung konnten mit dieser Technik bis zu 25.000 Zeichen pro Stunde erzielt werden. Dazu mussten die Manuskripte mittels so genannter Perforatoren auf Lochstreifen übertragen werden, eine Tätigkeit, die schnelles und möglichst fehlerfreies Schreibmaschineschreiben erforderte. Meist wurde diese Tätigkeit von Stenotypistinnen ausgeführt – der schrittweise Niedergang der Maschinensetzer hatte begonnen. Während dieser Zeit blieb der redaktionelle Teil der »Pharmazeutischen Zeitung« schwarz/weiß, nur der Umschlag und nachträglich eingefügte Anzeigenseiten wurden farbig gedruckt.

Eine völlig neue Satztechnik und der Offsetdruck führten ab 1970 in den Druckereien zu tiefgreifenden Veränderungen. Der Fotosatz, auch als Wandel von der »heißen« (Bleisatz) zur »kalten« Satztechnik beschrieben, schickte Mergenthalers Linotype ins Museum – und eliminierte den Berufsstand des Maschinensetzers. Auch ein Teil der Handsetzer und Zeitungsmetteure schaffte nicht den Umstieg auf die neue, »saubere« Technik, die auch neue Fähigkeiten verlangte. Die Abschaffung der mit dem Bleisatz verbundenen Abteilungen Maschinensaal, Klischee-Herstellung, Mettage, Herstellung von Matern und Rundstereos, Monotype-Gießerei ließ in den Zeitungshäusern ganze Stockwerke verwaisen.

 

Das eigentlich Bahnbrechende im Fotosatz war jedoch der mit der Belichtungseinheit gekoppelte Satzrechner mit Massenspeicher, der so genannten Festplatte. Text konnte nun auf externen oder direkt angeschlossenen Satzrechnern mit Bildschirm auf Spaltenbreite erfasst und korrigiert werden, anschließend am Bildschirm gestaltet (umbrochen) werden und erst zur Erstellung der Druckvorlage auf Film oder Papier belichtet werden.

 

Für die »Pharmazeutische Zeitung« brach diese neue Zeit erst später an. Waren der Erscheinungsform der Zeitung bis dahin auch durch die technischen Möglichkeiten des Bleisatzes Grenzen gesetzt, brachte 1979 eine Umgestaltung auf zeitgemäßen Standard auch den Wechsel der Druckerei zum Main-Echo nach Aschaffenburg mit sich. Dort wurde die Zeitung bis 1991 gedruckt. Das Telefax-Gerät half, die räumliche Entfernung zwischen Redaktion und Herstellungsbetrieb zu überwinden.

 

Ab Anfang der 1980er-Jahre testeten in Europa die großen Zeitungshäuser die ersten elektronischen Systeme für einen Ganzseiten-Umbruch. Die Verantwortlichen wollten damit dem Redakteur ein Werkzeug geben, das es ihm erlaubte, bis kurz vor Druckbeginn seinen gestalteten Artikel zu sehen und zu bearbeiten. Noch stand man der digitalen Technik skeptisch gegenüber, war sie doch mit enormen Investitionen für die Verleger verbunden. Ganze Gebäude mussten neu verkabelt werden, komplette Redaktionen mit Bildschirmen zur Texterfassung ausgestattet werden. Reihen von Datenspeichern in Waschmaschinengröße und dazugehörende schrankgroße Rechner sollten die Datenflut in klimatisierten Räumen verarbeiten. Am Ende spuckte ein Hochleistungsbelichter binnen Minuten eine fertige Seite auf Film oder Papier aus, die jedoch in der »Montage« noch um Bilder und Anzeigen ergänzt werden musste.

 

Was da genau passierte, zwischen dem Schreiben eines Artikel, jetzt nur noch banal »Erfassung« genannt, und einer fertigen Seite, war mit dem Auge nicht mehr nachzuvollziehen, und die Fachsprache der Elektroniker und Software-Ingenieure schien wenig geeignet, über diese Vorgänge eine allgemeinverständliche Auskunft zu geben.

 

Der von der Industriegewerkschaft Druck und Papier 1984 ausgerufene Streik zeigte allen Beteiligten eindrücklich das Potenzial, das in dieser neuen Technologie steckte. Mit ihrer Hilfe und wenigen Redakteuren und Abteilungsleitern aus den technischen Abteilungen war es erstmals möglich, 12- bis 16-seitige Notausgaben zu produzieren, während die Setzer und Drucker ausgesperrt vor den Toren der Zeitungshäuser standen.

Schon bald nachdem Dr. Hartmut Morck 1988 die Chefredaktion der »Pharmazeutischen Zeitung« übernommen hatte, wurden die Schreibmaschinen der Redakteure durch PCs ersetzt, aber noch immer dominierte das Fax-Gerät die Kommunikation mit Mitgliedsorganisationen und Verbänden und dem neuen Herstellungsbetrieb L. N. Schaffrath in Geldern, einer der modernsten Offsetdruckereien für Zeitschriften in Deutschland.

 

Heute bedient sich auch die »Pharmazeutische Zeitung« eines modernen Datenbanksystems mit digitalem Ganzseitenumbruch, und die in der Redaktion erstellten fertigen Seiten werden dienstags bis 22 Uhr über eine Datenstandleitung an die Druckerei übermittelt, wo sie in einem »Computer-to-Plate« genannten Verfahren direkt auf die Druckplatte gebracht werden.

 

Der Personaleinsatz in einer modernen Druckerei ist mit dem vor wenigen Jahrzehnten nicht mehr zu vergleichen. Nicht nur in den Redaktionen und beim Druck, auch bei der Vorbereitung zum Versand dominiert die Elektronik. Wenige Fachleute im Steuerstand der »Lithoman«-Offset-Rotation, weltweit eine der modernsten Maschinen ihrer Art von M.A.N. Roland, überwachen in Geldern den Druck der Auflage innerhalb weniger Stunden. Modernste buchbinderische Weiterverarbeitung und eine Barcode-gesteuerte Adressierung und Verpackung garantieren donnerstags die pünktliche Lieferung zum Kunden.

 

Die klassischen Aufgaben des Redakteurs sind geblieben, ergänzt um eine Vielzahl von Aufgaben und die Verantwortung für die technische Seitenproduktion. Die zuletzt in den Druckereien unter der Bezeichnung »Druckvorstufe« zusammengefassten Tätigkeiten werden überflüssig, sie haben sich auf den Arbeitsplatz des Redakteurs verlagert.

 

Die Zukunft der jetzigen Printmedien sehen viele Fachleute in den Möglichkeiten des World Wide Web, in dem auch die PZ seit 1996 mit ihrem Internetauftritt vertreten ist. Der Redakteur recherchiert, schreibt und redigiert nicht nur Texte, sondern ist auch Mediengestalter, sowohl für die Druckausgabe als auch die Homepage, wo er seine Artikel mit Video- und Audioelementen ergänzen kann. Die Pharmazeutische Zeitung und ihre Redaktion sind auch für diese Herausforderung gerüstet.

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