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Orale Mukositis kausal therapierbar

04.04.2006
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Palifermin

Orale Mukositis kausal therapierbar

von Christiane Berg, Hamburg

 

Der rekombinante humane Keratinozyten-Wachstumsfaktor Palifermin (Kepivance®) erhielt letzten Oktober die EU-weite Zulassung und steht seitdem dem deutschen Markt zur Verfügung.

 

Palifermin kann die Häufigkeit, Dauer und Schwere einer Chemo- und Strahlentherapie-bedingten oralen Mukositis deutlich reduzieren. Indiziert ist er bei Patienten mit hämatologischen malignen Erkrankungen und myeloablativer Hochdosis-Therapie, die schwere Mukositiden hervorrufen und den Einsatz autologer hämatopoetischer Stammzellen erforderlich machen kann.

 

Statistisch signifikant

 

»Die orale Mukositis als Folge intensiver Chemotherapie oder Bestrahlung wird von den Patienten als eine ungeheure Qual und Belastung empfunden«, sagte Professor Dietger Niederwieser, Leipzig, auf einer Veranstaltung von Amgen. Äußerst schmerzhafte Entzündungen, Geschwüre und Erytheme im Mund, so der Onkologe, können dazu führen, dass der Patient in schweren Fällen keine feste Nahrung, sondern nur noch Flüssigkeit zu sich nehmen kann (Grad 3 gemäß WHO-Skala). Ist eine orale Ernährung nicht mehr möglich (Grad 4), so können neben der intravenösen Ernährung hochdosierte Opioidanalgetika wie Morphin zur Linderung der Schmerzen unerlässlich werden.

 

Es liegen vier klinische Studien an insgesamt 650 Patienten mit hämatologischen Krebsformen vor. Als entscheidend für die Zulassung von Palifermin hob Professor Dr. Monika Engelhardt, Freiburg, eine multizentrische, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie an 212 Patienten mit hämatologischen malignen Erkrankungen wie Leukämien und Lymphomen hervor, die eine Ganzkörperbestrahlung sowie eine hochdosierte myelotoxische Chemotherapie gefolgt von einer Transplantation autologer peripherer Blutstammzellen erhielten. Die Unterschiede hinsichtlich Reduktion der Dauer, Häufigkeit und des Schweregrades der oralen Mukositis WHO-Stufe 3 oder 4 im Vergleich zu Placebo (n = 106) seien statistisch signifikant gewesen und als klinisch relevant erachtet worden. 

 

So habe sich die Häufigkeit der Grad-4-Mukositiden durch intravenöse Gabe von Palifermin (60µg/kg/Tag; n= 106) dramatisch reduzieren lassen (20 Prozent versus 62 Prozent unter Placebo), während der Schweregrad 3 bis 4 um rund ein Drittel vermindert war (63 Prozent versus 98 Prozent in der Placebo-Gruppe). Die Dauer schmerzhafter Episoden des Grades 2 bis 4 nahm um etwa 50 Prozent beziehungsweise annähernd eine Woche ab (acht Tage versus 14 Tage unter Placebo). Die mit Palifermin behandelten Patienten berichteten signifikant seltener über Schmerzen im Mund oder Rachen und eine deutlich verbesserte Fähigkeit, wieder Nahrung aufzunehmen oder zu sprechen. Engelhardt betonte, dass der signifikante Rückgang der geschilderten Beschwerden mit einem deutlich verminderten Verbrauch an Opioidanalgetika (7 Tage versus 11 Tage) korrelierte.

 

Als Nebenwirkungen, die jedoch vorwiegend mild bis moderat und zudem reversibel gewesen seien, traten Hautausschlag, Juckreiz, Hautrötungen, Ödeme, Fieber, Muskelschmerzen sowie Schwellungen des Mund- und Rachenraumes und der Zunge oder Geschmacksirritationen auf. Studien hätten gezeigt, dass der Einsatz des Wachstumsfaktors nicht, wie befürchtet, zur Entwicklung sekundärer Tumoren beiträgt, also keinen Einfluss auf das Gesamtüberleben beziehungsweise das progressionsfreie Überleben des Patienten hat.

 

Zytoprotektion hoch reguliert

 

Palifermin ist ein humaner Keratinozyten-Wachstumsfaktor - KGF, der mit Hilfe rekombinanter DNA-Technologie in Escherichia coli hergestellt wird. Im Unterschied zum endogenen humanen KGF zeichnet sich das aus 140 Aminosäuren bestehende Protein durch Deletion der ersten 23 N-terminalen Aminosäuren und somit durch eine erhöhte Proteinstabilität aus. Durch Bindung an spezifische Oberflächenrezeptoren der Epithelzellen im Mund stimuliert Palifermin die Proliferation, Differenzierung und Hochregulierung zytoprotektiver Mechanismen und forciert somit die Reparatur Chemo- und Strahlentherapie-bedingter Gewebeschäden.

 

Von einer Mukositis mit Erythemen, Schwellungen, Blutungen und schmerzhaften Ulzerationen kann der gesamte gastrointestinale Trakt betroffen sein. Die Schädigung der Mukosa kann nicht nur zu einer oralen Mukositis, sondern auch zu einer Oesophagitis, Enteritis oder Proktitis führen. Die orale Mukositis infolge einer Hochdosis-Chemo- oder Radiotherapie ist die schmerzhafteste und am häufigsten auftretende Form der Mukositis. 70bis 80 Prozent der Patienten, die eine Transplantation mit hämatopoetischen Stammzellen erhalten, leiden an einer oralen Mukositis während der Behandlungszeit. Engelhardt betonte, dass eine unbehandelte Ulzeration in der Mundhöhle das Risiko zusätzlicher Komplikationen erhöht und zu einer lebensbedrohlichen Infektion führen kann. Zusätzliche Risikofaktoren für eine orale Mukositis seien ein schlechter Zahnstatus (Prothesen, Parodontose), ein schlechter Ernährungszustand, Alter und Art der Tumorerkrankung.

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