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Depression

Neue Theorie zur Entstehung

26.03.2013  17:56 Uhr

Von Christina Hohmann-Jeddi / Eine gestörte Signalübertragung an exzitatorischen Synapsen im Gehirn könnte eine Ursache von Depressionen sein. Darauf weisen Ergebnisse aus Tierversuchen hin, wie US-amerikanische Forscher im Fachjournal »Nature Neuroscience« berichten.

Die Ursachen von Depressionen sind bis heute nicht verstanden. Die bislang gängigste Theorie ist die sogenannte Monoamin-Hypothese. Ihr zufolge ist eine Störung im Neurotransmitter-Haushalt verantwortlich. Diese Annahme entstand durch die Beobachtung, dass eine medikamentöse Erhöhung der Konzentrationen von Monoaminen wie Serotonin im synaptischen Spalt die Symptomatik verbessert.

Um die Rolle von Serotonin in der Pathologie von Depressionen zu untersuchen, verwendeten jetzt Forscher um Scott Thompson von der University of Maryland Tiermodelle. Sie setzten Mäuse und Ratten wiederholt leichtem Stress aus, bis diese depressives Verhalten zeigten. Als solches definierten die Forscher den Verlust der Vorliebe für Dinge, die die Tiere normalerweise genießen. So bevorzugen gesunde Versuchstiere zuckerhaltiges Wasser gegenüber normalem Trinkwasser. Chronisch gestresste Tiere verloren irgendwann diese Vorliebe, was die Forscher als Anhedonie, ein Kennzeichen der Depression, deuteten.

 

Signal verstärkt

 

Die Wissenschaftler stellten fest, dass Serotonin bei allen Tieren zu einer Verstärkung der synaptischen Übertragung führte. Neurologen bezeichnen dies als Potenzierung. Bezüglich der Serotoninkonzentration zeigten die Gehirne der gestressten und der nicht gestressten Versuchstiere keinen Unterschied. Verändert war stattdessen das Ansprechen der exzitatorischen Synapsen auf Serotonin in Gehirnarealen, die für Gefühlsverarbeitung und kognitive Funktionen verantwortlich sind. Die Potenzierung bei chronisch gestressten Tieren war erhöht. Dieser Zustand blieb über einen längeren Zeitraum bestehen – er wurde irreversibel, berichten die Forscher in »Nature Neuroscience« (doi: 10.1038/nn.3355). Wurden die Tiere mit Antidepressiva behandelt, sank die Potenzierung, und sie zeigten wieder eine Vorliebe für gesüßtes Wasser.

 

Wie genau diese Veränderungen an den Synapsen zustande kommen und wie sie sich auswirken, ist den Forschern noch unklar. Die Erhöhung der Seroto­ninantwort bei den gestressten Tieren könne eine kompensatorische Reaktion auf die durch Stress geschwächte exzitatorische Übertragung sein, erklärte Thompson gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Es gäbe aktuelle Stu­dien, die darauf hinwiesen, dass die exzitatorischen Synapsen durch Stress geschwächt würden. Dies würde die Wirkweise der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer erklären: Die Erhöhung der Serotoninkonzentration im synaptischen Spalt verstärkt das Signal.

 

Ob die Ergebnisse von Tieren auf den Menschen zu übertragen sind, ist laut Thompson schwierig zu überprüfen, da vergleichbare Untersuchungen bei Menschen unmöglich sind. Die Forscher hoffen, die Veränderungen an den Synapsen auf molekularer Ebene so weit zu verstehen, dass sich eine Art chemischer Fingerabdruck der Depression identifizieren lässt. Dieser könnte dann in Gewebeproben aus den Gehirnen von gestorbenen Patienten nachgewiesen werden.

 

Neues Modell

 

Das von ihnen postulierte Exzitatorische-Synapsen-Modell weise auf neue therapeutische Ansätze hin, die mit bereits existierenden Ansätzen übereinstimmen, so Thompson gegenüber der PZ. So sei zum Beispiel für den NMDA-Antagonisten Ketamin, der eine rasche Wirkung bei Depressiven zeigt, aus Tierversuchen bekannt, dass er die Übertragung an den exzitatorischen Synapsen verstärkt. Dies gelte auch für die Elektrokonvulsionstherapie (EKT), die bei schweren therapieresistenten Depressionen angewendet wird, so Thompson. Sie verbessert in Tierversuchen ebenfalls die Übertragung an den exzitatorischen Synapsen. Entsprechendes könnte auch für menschliche Gehirne gelten. Forscher um Dr. Oliver Pogarell von der Ludwig-Maximilians-Universität München konnten nachweisen, dass sich bei Patienten nach einer EKT die in der Depression überaktiven Hirnbereiche wieder beruhigten. Das berichtete Pogarell auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung in Leipzig. /

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