Pharmazeutische Zeitung online
Graduiertenkollegs

Förderinstrument für Doktoranden

25.03.2013
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Von Manfred Schubert-Zsilavecz / Graduiertenkollegs sind Einrichtungen der Universitäten zur Förderung des wissen- schaftlichen Nachwuchses, die insbesondere von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Stiftungen für mehrere Jahre gefördert werden. Im Mittelpunkt steht die Qualifizierung von Doktoranden. Aus der Sicht der wissenschaftlichen Pharmazie ist es erfreulich, dass vier Unis in jüngster Vergangenheit erfolgreich pharmazeutisch-relevante Graduiertenkollegs einwerben konnten. Dazu zählen die Unis in Bonn, Erlangen, Frankfurt und Regensburg.

Das an der Uni Bonn eingeworbene und von der DFG geförderte Graduiertenkolleg (GRK) 1873 »Pharmakologie von 7TM-Rezeptoren und nachgeschalteten Signalwegen« (Sprecher: Professor Dr. Alexander Pfeifer) untersucht pharmakologisch relevante Signalwege mit dem Ziel, Arzneimittelwirkungen und Krankheitsmechanismen auf der Basis innovativer Konzepte aufzuklären. Grundlegende Fragen sollen beispielhaft an sieben transmembranären Domänen (7TM)-Rezeptoren und der mit ihnen vernetzten intrazellulären Signalwege untersucht werden, die eine Vielzahl fundamentaler zellulärer Funktionen regulieren.

Dabei bündelt das interdisziplinäre GRK fakultätsübergreifend die wissenschaftliche Expertise auf dem Gebiet Pharmakologie und Arzneimittelwissenschaften. Es stärkt den Schwerpunkt »Pharmaforschung« an der Universität Bonn. Folgende Bereiche tragen das GRK: Pharmakologie und Toxikologie der Medizinischen und der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät sowie Pharmazeutische Biologie und Medizinische/­Pharmazeutische Chemie, Physiologie und Bioinformatik. Das moderne Qualifizierungspro­gramm ist wissenschaftlich ambitioniert und auf effizienten Wissensaustausch ausgerichtet. Ein Alleinstellungsmerkmal ist das internationale Programm mit einer Vortragsreihe hochkarätiger internationaler Gastreferenten, internationalem Symposium und insbesondere einem Doktoran­den-Austauschprogramm. Als Partner dafür konnten international führende Graduiertenschu­len und Pharmakologie-Departments der Vanderbilt University, der University of California San Diego, der University of Glasgow und der University of Tokyo gewonnen werden. Am GRK sind acht Arbeitsgruppen beteiligt. Es wird im Oktober 2013 starten und voraussichtlich 18 Doktoranden aufnehmen, davon neun mit einer Stelle des GRK.

 

Beispiel Erlangen/ Regensburg

 

Ein weiteres von der DFG finanziertes GRK mit dem Schwerpunkt auf G-Protein-gekoppelten Rezeptoren (GPCR) konnte gemeinsam von den Universitäten Erlangen und Regensburg eingeworben werden. Das GRK 1910 »Medizinische Chemie selektiver GPCR Liganden« (Sprecher: Professor Dr. Peter Gmeiner, Erlangen und Professor Dr. Armin Buschauer, Regensburg) beschäftigt sich mit der Entwicklung selektiver Liganden von G-Protein-gekoppelten Rezeptoren, nicht zuletzt weil etwa 30 Prozent der derzeit zugelassenen Arzneistoffe über ihre Bindung an GPCR wirken. Als biologische Zielmoleküle, die molekular basierte Ansatzpunkte zur Entwicklung innovativer Therapieprinzipien ermöglichen, sind GPCR mit herausragenden Fortschritten auf dem Gebiet der Wirkstoffforschung verbunden. Schwerwiegende Krankheiten sind häufig mit Dysfunktionen von GPCR assoziiert. Die biologische Aktivität von GPCR-Agonisten und -Antagonisten wird durch mehrdimensionale Selektivitätsprofile bestimmt, die sich in erwünschten und unerwünschten Wirkungen von Arzneistoffen niederschlagen. Neben der Subtypselektivität schließt dies funktionelle Selektivität, Selektivität für GPCR-Konformationen, Rezeptordimere, allosterische Bindungsstellen, Orthologe und Mutanten ein. Im geplanten Graduiertenkolleg wird die Ligand-induzierte Kontrolle monoaminerger und peptiderger GPCR auf verschiedenen Selektivitätsebenen untersucht.

 

Neben der Aufklärung der molekularen Mechanismen werden Beiträge zur rationalen Entwicklung funktionell selektiver GPCR-Wirkstoffe für eine Therapie chronisch entzündlicher, kardiovaskulärer und ZNS-Erkrankungen oder für diagnostische Zwecke angestrebt. Das Forschungsprogramm ist stark interdisziplinär ausgerichtet. Es umfasst das Computer-gestützte Design selektiver Liganden und »molekularer Werkzeuge« mithilfe von GPCR-Modellen, die Synthese der Zielverbindungen, die Entwicklung und Anwendung neuer Bioisosteriekonzepte, die Untersuchung von Ligand-Rezeptor-Wechselwirkungen sowie den Nachweis funktioneller Selektivität durch Analyse Ligand-spezifischer Signalübertragung einschließlich der Entwicklung dazu geeigneter Assays. Das kollegspezifische interdisziplinäre Ausbildungsprofil beinhaltet vorrangig chemische, radiopharmazeutische, pharmakologische, molekularbiologische, bioanalytische und biochemische Aspekte der Wirkstoffforschung sowie Methoden des modernen Drug Discovery. Kern des Studienprogramms für Doktoranden und Postdoktoranden sind Seminar-, Klausur- und Thementage, in denen zentrale Aspekte der Forschungsidee des Graduiertenkollegs behandelt und weiterentwickelt werden. Weiterhin werden alle Kollegiaten die Möglichkeit erhalten, im Rahmen ihres Projekts drei bis vier Monate im Forschungslabor eines ausländischen Kooperationspartners zu arbeiten, neue Kenntnisse zu erwerben, moderne Methoden und Techniken anzuwenden und schon vor Abschluss der Promotion internationale Erfahrungen zu sammeln. Für das GRK, welches am 1. Oktober 2013 startet, wurden insgesamt 13 Doktoranden- und zwei Postdoktorandenstellen bewilligt. Darüber hinaus werden zehn weitere Doktoranden assoziiert.

 

Beispiel Frankfurt

 

Das an der Uni Frankfurt etablierte Dr. Hans Kröner-Graduiertenkolleg (HKG) »Eikosanoid- und Sphingolipid-Signalwege bei Entzündungen, Krebs und vaskulären Erkrankungen« (Sprecher: Professor Dr. Dieter Steinhilber) wurde als gemeinsame Einrichtung der Universität Frankfurt und des Karolinska-Instituts in Stockholm mit dem Ziel etabliert, qualifizierten Absolventen mit den Interessensgebieten Molekulare Medizin, Pharmazie und Biologie ein multidisziplinäres wissenschaftliches Umfeld mit einem breiten Spektrum an Methoden zu bieten, um exzellente Forschung auf dem aktuellen Gebiet der Eikosanoide und Sphingolipide zu betreiben mit dem Fokus in den Bereichen Entzündung, Tumorbiologie und vaskuläre Biologie. Finanziert wird das nach DFG-Kriterien begutachtete GRK von der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung. Die wissenschaftlichen Ziele des GRK bestehen darin, die molekularen Mechanismen der Wirkung von Eikosanoiden und Sphingolipiden mit komplementären Ansätzen (chemisch, biochemisch, molekular, pharmakologisch, physiologisch und klinisch) zu untersuchen.

Das HKG dient dem Ziel, die langjährige Zusammenarbeit zwischen der Universität Frankfurt und dem Karolinska-Institut fortzuführen und auszubauen. So ermöglicht das Forschungs- und Ausbildungsprogramm die Nutzung der verschiedenen komplementären Expertisen beider Institutionen in der Ausbildung der Graduierten. Die Antragsteller sind davon überzeugt, dass der weitere Ausbau der Zusammenarbeit zwischen Frankfurt und Stockholm durch Einrichtung des HKG nicht nur bei der Doktorandenausbildung einen besonderen Stellenwert aufweisen wird, sondern auch für die wissenschaftlichen Ergebnisse einen signifikanten Beitrag zu den sehr aktuellen und klinisch relevanten Gebieten der Eikosanoide und Sphingolipide leisten wird. Im Rahmen des HKG, welches ab 2015 in seine zweite Förderphase gehen soll, promovieren aktuell acht Doktoranden in Frankfurt und Stockholm.

 

Seit Ende 2013 fördert die Else-Kröner-Stiftung auch das GRK »Translational Research Innovation – Pharma« (TRIP), welches mit mehr als 20 finanzierten Promotionsstellen das größte biomedizinisch-pharmazeutische GRK Deutschlands ist und nach DFG-Kritierien begutachtet und von einer renommierten Stiftung finanziert wird. Das in seiner Charakteristik einzigartige GRK wird vom klinischen Pharmakologen Professor Dr. Gerd Geisslinger geführt. TRIP adressiert als integraler Baustein des Pharmaclusters Frankfurt Rhein/Main die Stärkung der bisher in Deutschland unterrepräsentierten translationalen Forschung, um die unzureichende Translation von Erkenntnissen der Grundlagenforschung in therapeutische und/oder diagnostische Verfahren zu fördern.

 

Das Doktorandenkolleg TRIP nimmt darüber hinaus durch neue praxisorientierte und translationale Ausbildungsangebote eine nachhaltige Weichenstellung zur Ausbildung des exzellenten wissenschaftlichen Nachwuchses als kritischen Schlüsselfaktor zur Stärkung des Innovationsstandortes Deutschland in der Arzneimittelforschung vor. TRIP beabsichtigt, grundlegend neue Strukturen in der akademischen Ausbildung zu schaffen und eine beispiellose praxisnahe Qualifizierung einer neuen Generation translationaler Wissenschaftler für eine zukünftige Karriere in führender Position in der biomedizinischen Forschung zu ermöglichen. Um dies zu erreichen, werden keine Einzelprojekte gefördert werden, sondern interdisziplinäre Projektteams, die gemeinsam an fachübergreifenden Forschungsthemen arbeiten. Die aus vier bis sechs Doktoranden bestehenden Projektteams werden von sechs Betreuern aus den Fächern Pharmazie und Medizin und der Fraunhofer-Projektgruppe »Anwendungsorientierte Arzneimittelforschung« betreut. Wissenschaftlich setzt das TRIP den Schwerpunkt auf die Erforschung molekularer Signalwege und pathophysiologischer Konsequenzen sowie auf sich daraus ableitbare therapeutische Ansätze. Ein besonderes Interesse liegt auf bisher unzureichend erforschten Target-Klassen und Mechanismen, zum Beispiel Protein-Protein-Interaktionen, dem »Repurposing« von bekannten Wirkstoffen beziehungsweise auf Forschungsthemen, die maßgeblich zur Produktivitätssteigerung in der Pharmaforschung beitragen können. Die ausgewählten Forschungsgebiete repräsentieren Krankheiten, die sich durch einen großen »unmet medical need« auszeichnen. In der Rheumatologie existiert trotz wegweisender Fortschritte in der Therapie durch Biologika weiterhin ein Bedarf an innovativen neuen Wirkstoffen, da mit den bisher zugelassenen Substanzen weiterhin einige Patienten auf die Therapie nicht ansprechen beziehungsweise keine vollständige Remission zeigen. Schmerzen sind ein immenses Problem im Gesundheitswesen und das häufigste medizinische Symptom das eine ärztliche Betreuung nach sich zieht. Trotz einer Vielzahl von zur Verfügung stehenden Analgetika können viele Patienten, insbesondere chronische Schmerzpatienten, nach wie vor noch nicht adäquat und insbesondere nebenwirkungsarm behandelt werden. /

DPHG-Statement

Graduiertenkollegs sind Einrichtungen, die zum Ziel haben, Doktoranden in einem bestimmten Forschungsgebiet eine hervorragende Ausbildung innerhalb eines thematisch fokussierten Bereichs zu vermitteln und ihre frühe wissenschaftliche Selbstständigkeit zu unterstützen. Ein wichtiges Kriterium ist dabei die wissenschaftliche Qualität der Betreuer. Das Förderinstrument Graduiertenkolleg bietet sich für den pharmazeutischen Bereich an. Gerade in der Pharmazie wird die Forschung maßgeblich durch Doktoranden und weniger durch Postdocs betrieben. Ferner zeichnet sich Arzneistoffforschung einerseits durch die Fokussierung auf die Arzneimittelrelevanz und andererseits durch interdiziplinäre Fragestellungen aus. Der Nutzen eines zwischen den Hochschullehrern beziehungsweise PIs abgestimmten Forschungs- und Ausbildungsprogramms gerade für ein derart komplexes Gebiet wie die Arzneimittelforschung ist offensichtlich. Dementsprechend groß ist der Profit, den die Stipendiaten und assoziierten Kollegiaten aus der Teilnahme an einem derartigen Verbundforschungsprojekt mit strukturierter Doktorandenausbildung ziehen. Ein wichtiges Anliegen der DPhG ist, wissenschaftlich engagierte Kollegen zu ermuntern, Konzepte an ihren jeweiligen Standorten für die Einrichtung von strukturierten Promotionsprogrammen zu entwickeln und entsprechende Drittmittel bei der DFG oder anderen Geldgebern einzuwerben. Die Agenda Pharmazie2020 und der damit initiierte Diskussionsprozess bietet die Plattform, in den nächsten Monaten und Jahren Strukturen und Themen zu identifizieren, die für den Ausbau der strukturierten Doktorandenprogramme genutzt werden können.

Professor Dr. Dieter Steinhilber, DPhG-Präsident

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