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Köpfe der Gesundheitsbranche

Deutschland muss schneller werden

22.03.2017
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Von Jennifer Evans / Die Politik muss in vielen Bereichen des Gesundheitswesens aufs Gas treten, findet Professor Jürgen Wasem. Deutschland sei ein Nachzügler in ganz Europa. Optimierungsvorschläge für die Branche hat der Gesundheits­ökonom längst parat – digitaler, innovativer und kommunikativer sollte sie werden. Auch privat gibt Wasem gern mal Gas: sein großes Hobby ist das Tanzen.

PZ: Was sollte in der neuen Legislaturperiode zuerst in Angriff ge­nommen werden?

 

Wasem: In der zurückliegenden Wahlperiode sind so viele Gesetze beschlossen worden, die sich noch in der Umsetzung befinden, dass ich uns wünschen würde, erst einmal eine Pause einzulegen und zu beobachten, wie die Dinge wirken. Aber das wird die Politik sicherlich nicht machen. Eines der wichtigsten Themen ist aus meiner Sicht die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Wir müssen Wege finden, in den Gremien schneller zu werden.

Ein anderes zentrales Thema ist die weitere Annäherung der Sektoren. Da müssen wir die Vergütungen besser anpassen. Dies sollte auch über Wettbewerb möglich sein und nicht nur über einheitliche Vorgaben. Und auch der Zugang von Innovationen in den ambulanten Sektor ist ein wichtiges Thema: Bisher dürfen neue Methoden erst angewendet werden, wenn der Gemeinsame Bundesauschuss sie positiv bewertet hat und der Bewertungsausschuss in der Gebührenordnung EBM eine Abrechnungsposition geschaffen hat. Zwar hat der Gesetzgeber schon 2011 mit dem Versorgungsstrukturgesetz mit einer Erprobungsregelung die Möglichkeit einer Öffnung geschaffen. Die läuft aber weitgehend ins Leere.

 

PZ: Gibt es Themen, bei denen die Politik derzeit Berührungsängste hat?

 

Wasem: Angesichts der demografischen Entwicklung müssen wir zwingend auch eine Debatte darüber führen, wo die Grenzen der Zahlungsbereitschaft der Gesellschaft für medizinischen Fortschritt liegen. Das fordert auch die Ärzteschaft seit mehreren Jahren. Aber die Politik scheut sich, diese Debatte zu führen. Natürlich sollten Einzelentscheidungen, etwa ob ein Arzneimittel oder ein neuer diagnostischer Test, von der Gesetzlichen Krankenversicherung finanziert werden sollen, nicht von der Politik entschieden werden. Aber einige politische Leitplanken wären sinnvoll.

 

PZ: Welche Reform war aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren die sinnvollste und warum?

 

Wasem: Aus den neunziger Jahren finde ich die Entscheidung, Kassenwettbewerb und -wahlfreiheit einzuführen, nach wie vor sinnvoll. Wettbewerb ist ein grundsätzlich geeignetes Instrument zur Steuerung der Gesundheitsversorgung. Leider sind wir in der Umsetzung dessen auf halbem Wege stecken geblieben.

 

PZ: Gibt es ein neueres Beispiel?

 

Wasem: Die Einführung der diagnosebezogen Fallgruppen war ein sinnvoller Schritt. Erst diese haben Transparenz in die Krankenhausleistungen gebracht. Zugleich wirken sie als beträchtlicher Effizienzmotor. Aus jüngerer Zeit ragt natürlich das AMNOG heraus. Auch wenn man an vielen Punkten Kritik üben kann, ist es grundsätzlich richtig, neue Arzneimittel systematisch auf ihren Zusatznutzen zu bewerten. Und Preis und Zusatznutzen dann in eine Relation zueinander zu bringen. Da war Deutschland ein Nachzügler in Europa.

 

PZ: Welche Herausforderungen ­sehen Sie im Arzneimittelmarkt auf Deutschland zukommen?

 

Wasem: Als Vorsitzender der Schiedsstelle für Arzneimittelpreise akzeptiere ich das AMNOG so, wie es ist. Gleichwohl halte ich eine Reihe von Weiterentwicklungen für sinnvoll. Ein wichtiges Thema ist die stärkere institutionelle Trennung von Nutzenbewertung und Preisverhandlung.

Überlegenswert finde ich den Vorschlag, einen vom Gemeinsamen Bundesauschuss unabhängigen pharmatherapeutischen Bewertungsausschuss zu schaffen. Unbefriedigend finde ich auch, dass der Hersteller keine Möglichkeit hat, mit dem Preis oberhalb des Erstattungsbetrags zu bleiben. Das ist ärgerlich, weil es für Patien­ten Zusatznutzenkomponenten gibt, die für die Gesetzliche Krankenversicherung irrelevant sind. Deshalb werden diese bei der Preisverhandlung zwischen pharmazeutischem Unternehmen und Kassen nicht berücksichtigt. Das kann etwa ein verbesserter Komfort bei der Anwendung sein. Herstellern müsste es möglich sein, sich diesen Patientennutzen auch vom Patienten vergüten zu lassen, wenn die Kassen dafür nicht zahlen wollen. In einigen Fällen könnten dadurch Marktrücknahmen, von denen keiner etwas hat, verhindert werden.

 

PZ: Was ist am deutschen Gesundheitswesen besonders gut?

 

Wasem: Im internationalen Vergleich ist die Zugänglichkeit der Einrichtungen der Gesundheitsversorgung für die breite Bevölkerung ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Dasselbe gilt für den Leistungsumfang, für den die Krankenkassen zahlen. Insgesamt finde ich auch die weitgehende Wahlfreiheit der Patienten zwischen den Gesundheitseinrichtungen gut.

 

PZ: Die Kosten im Gesundheits­wesen steigen weiter. Wo gibt es ­Einsparpotenzial, ohne dass dabei die Versorgungsqualität leidet?

 

Wasem: Wir haben schon über ein verbessertes Schnittstellenmanagement zwischen den Sektoren gesprochen. Dabei gingen Kosteneinsparungen mit einer Verbesserung der Versorgungsqualität einher. Ein weiterer Bereich ist die Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung.

 

PZ: Wie schätzen Sie die Bedeutung neuer medizinischer Lösungen von Start-up-Unternehmen für die künftige Versorgung ein?

 

Wasem: Grundsätzlich können Start-ups eine ganz wichtige Rolle für neue medizinische Lösungen spielen. Dafür gibt es schon viele gute Beispiele. Soweit es ihnen gelingt, sich im Markt jenseits der Krankenkassen zu platzieren, können sie relativ rasch einen return on investment erzielen. Was mir Sorgen macht, ist der beschwerliche Zugang zur Gesetzlichen Krankenversicherung. Die bisherigen Abläufe sind so langsam, dass vielen Start-ups die Luft ausgehen dürfte. Außerdem entwickeln sich die Lösungen schneller weiter, als wir sie im System verdauen können.

 

PZ: Welche Vorteile bringt das ­E-Health-Gesetz für Apotheker?

 

Wasem: Leider sind wir erst ganz am Anfang, mögliche Vorteile der Digitalisierung für Patienten und Gesundheitseinrichtungen zu realisieren. Da sind die Apotheker keine Ausnahme. Auf mittlere Sicht ist klar, dass eine bessere digitale Vernetzung für Beratungs- und Kommunikationsmöglichkeiten von Apothekern wichtig wird.

 

PZ: Welche Aufgaben kommen auf den Apotheker der Zukunft zu?

 

Wasem: Ich erwarte mit Spannung die Ergebnisse von Modellvorhaben wie ARMIN in Sachsen und Thüringen. Da­raus ergeben sich wichtige Hinweise für die Verteilung der Aufgaben der diversen Gesundheitsberufe.

 

PZ: Haben Sie schon einmal bei ­einer Online-Apotheke bestellt?

 

Wasem: Interessanterweise noch nicht, während ich sonst viel über das Internet mache. Allerdings übernimmt die Kommunikation mit Apotheken weitgehend meine Frau.

 

PZ: Was tun Sie selbst für Ihre ­Gesundheit?

 

Wasem: Ich versuche, einmal in der Woche zwei Stunden auf der Tanz­fläche abzurocken. Außerdem stehe ich regelmäßig auf dem Kardiotrainer und spiele mit einem meiner Söhne Badminton.

 

PZ: Für welches Thema brennen Sie neben der Gesundheitsbranche?

 

Wasem: Die Zeit für andere Dinge ist begrenzt – sowohl mein Hauptamt als Lehrstuhlinhaber und Institutsdirektor als auch die Aufgaben im Gesundheitswesen fordern ein hohes zeitliches Engagement. Ich gehe aber gerne in Konzerte – ein breites Spektrum von Klassik über neue Musik bis zu Rock und Jazz begeistert mich.

 

PZ: Wenn Sie auswandern müssten, welches Land stünde an erster Stelle und warum?

 

Wasem: Ich bin Kanada-Fan. Wenn es mir möglich wäre, in der dortigen ­Gesundheitsökonomie Fuß zu fassen, wäre Kanada das Land meiner Wahl. /

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