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Vorsorgeuntersuchungen

Nichts aus den Augen lassen

23.03.2016
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Von Jennifer Evans / Bei einer Augenerkrankung erstatten die Krankenkassen meist die Behandlung. Doch wer rechtzeitig möglichen Augenleiden vorbeugen und Früherkennungs- untersuchungen wahrnehmen will, hat Pech. Check-ups muss der Patient selbst zahlen. Und das, obwohl Fachgesellschaften, Ärzte und sogar einige Krankenkassen eine Vorsorge empfehlen.

Degenerative Augenerkrankungen sind in einer zunehmend alternden Gesellschaft auf dem Vormarsch. Aus Sicht der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) muss die Politik ­dabei dringend mit Vorsorgeangeboten gegensteuern. »Wenn wir jetzt nicht handeln, wird die Zahl der schlecht ­sehenden oder erblindeten Menschen stark zunehmen«, ­sagte DOG-Präsident Horst Helbig der PZ. Bereits jetzt leiden demnach Millionen älterer Menschen an Grünem oder Grauem Star, Makuladegeneration oder trockenem Auge.

Viele Krankheitsbilder lassen sich laut DOG erfolgreich behandeln oder zumindest aufhalten, so etwa das Glaukom (Grüner Star), eine Schädigung des Sehnervs bei Erwachsenen. Zudem seien Check-ups bei Kleinkindern sinnvoll, um die sogenannte Amblyopie, eine Entwicklungsstörung des Sehsystems, zeitig festzustellen (lesen Sie dazu auch Früherkennung bei Kindern: Sehschwäche lässt sich vermeiden). »Die Früh­erkennung etwa von Glaukom oder Amblyopie und eine damit einhergehende Behandlung könnten erhebliche Einschränkungen der Sehkraft und sogar Erblindungen verhindern«, so Helbig. Blieben diese Erkrankungen jedoch unbehandelt, entstünden hohe Kosten für die Sozialsysteme – angefangen bei eingeschränkter Mobilität und Arbeitsfähigkeit der Betroffenen bis hin zur Pflegebedürftigkeit.

 

Vom Glaukom geht die größte Gefahr aus: Nach Angaben des Berufsverbands der Augenärzte (BVA) gehört es zur zweithäufigsten Erblindungs­ursache weltweit. Schätzungen zufolge wird es im Jahr 2020 weltweit etwa 11,2 Millionen Menschen geben, die daran erblinden, und rund 79,6 Millionen, die aufgrund dessen Ausfälle im Gesichtsfeld haben. Weil die Krankheit zunächst ohne Symptome verlaufe, heiße sie in Fachkreisen auch heimlicher Dieb des Sehvermögens, so BVA-Pressesprecher Georg Eckert.

 

In den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hat es das Glaukom-Screening dennoch nicht geschafft. 2005 hatte der Gemeinsame Bundesauschuss (G-BA) festgestellt, dass die wissenschaftliche Datengrundlage nicht ausreicht. Grund ist laut G-BA unter anderem die unzuverlässige Messung: Zum einen könne der Augeninnendruck im Tagesverlauf stark schwanken und zum anderen deute ein auffälliger Wert nicht zwangsläufig auf eine künftige Gefahr hin, da mehrere Faktoren am Entstehen der Krankheit beteiligt seien. Umgekehrt schließen nach Ansicht des G-BA auch unauffällige Messungen eine Erkrankung des Patienten nicht aus.

 

IGeL selbst zahlen

 

Demzufolge bleibt die Glaukom-Früherkennung eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) und kostet zwischen 10 und 22 Euro. Einzige Ausnahme: Bei einem Patienten besteht bereits begründeter Verdacht auf das Augenleiden. In dem Fall ist es laut G-BA dem Arzt möglich, die Untersuchung im Rahmen einer kura­tiven Behandlung bei der Kasse abzurechnen.

 

Dem BVA geht die alleinige Untersuchung des Augeninnendrucks zur Glaukom-Früherkennung ohnehin nicht weit genug: »Tatsache ist, dass das wichtig­ste Kriterium die Einschätzung und Beurteilung des Sehnervs ist. Die Augeninnendruckmessung allein reicht nicht aus«, sagte Eckert auf Anfrage der Pharmazeutischen Zeitung. Die Ärzte halten daher eine umfassende Augen-Vorsorgeuntersuchung für sinnvoll.

 

Das Problem: Daten aus dem Versorgungsalltag, die Aufschluss über mögliche Krankheitsverläufe geben, sind bis jetzt rar. Um die Forschung voranzutreiben, finanzieren der BVA und die DOG derzeit eine Stiftungsprofessur an der Universität Mainz zum Thema augenärztliche Versorgungsforschung. Die Ergebnisse könnten ein Umdenken der Kassen in Hinblick auf eine frühzeitige Diagnostik von Augenleiden nach sich ziehen.

 

Derzeit stehe aber nach Ansicht der AOK für bereits bestehende Erkrankungen eine flächendeckende augenärztliche Versorgung mit einem breiten Leistungsspektrum zur Verfügung, so Sprecher Michael Bernatek.

 

Spielraum möglich

 

In der Praxis scheint es trotz aller Einschränkungen auch Spielraum bei Augenkontrollen zu geben: Ob beispielsweis­e eine Untersuchungsbeschreibung, die das Wort Prüfung enthält, als eine Art Vorsorgeuntersuchung gesehen werden kann, ist Interpretationssache. Laut Bernatek befürwortet die AOK zudem regelmäßige Augen-Checks bei Kindern und Diabetikern. »Erkennt und behandelt man beispielsweise eine diabetische Retinopathie früh, können viele Menschen vor einer Erblindung bewahrt werden«, so Bernatek.

Die Barmer GEK hingegen erhofft sich von den jeweiligen Pharmaherstellern, dass diese anhand ihrer IGeL-Daten selbst die Wirksamkeit der Früherkennungsuntersuchungen dokumentieren. Das sei im Sinne der Patienten sicher der richtige Weg, die Kassen künftig dazu zu bewegen, mehr Leistungen zu erstatten, so Pressesprecher Axel Wunsch zur PZ.

 

Für Kinder zwischen dem 5. und 27. Lebensmonat biete die Barmer GEK ein Amblyopie-Screening an, um Entwicklungsschäden zeitig aufzudecken. Für 4- bis 12-Jährige existiere zudem eine Smartphone-Anwendung, die sogenannte App auf Rezept. Mit dieser webbasierten Therapie wird laut Wunsch das schwache Auge auf eine spielerische Art intensiv geschult, wenn eine Okklusionsbehandlung keinen Erfolg zeigt.

 

Zurückhaltender positioniert sich die Techniker Krankenkasse (TK). »Die Prävention und Regelversorgung bei Augenerkrankungen ist unserer Ansicht nach umfangreich und ausreichend«, sagte TK-Sprecher Michael Ihly der PZ. Die Glaukom-Früherkennung würde auch nicht im Rahmen des Bonusprogramms berücksichtigt. Die einzige Möglichkeit für Versicherte, eine solche Untersuchung indirekt finanziert zu bekommen, laufe über Boni. Statt sich diese auszahlen zu lasse­n, könnten Patienten sie in die entsprechende Gesundheitsleistung investie­ren.

 

Andere Krankenversicherungen wie die DKV gehen einen Schritt weiter, empfehlen ihren Versicherten sogar eine Glaukomvorsorge ab dem 40. Lebensjahr. Die Ergo erstattet diese in einigen Tarifen. Und die BKK Dia­konie übernimmt die Kosten für eine Glaukom-Früherkennung bei vorliegenden Risikofaktoren bereits ab dem 18.  Lebensjahr.

 

Die Chancen stehen gut, dass sich der Leistungskatalog der GKV bald zumindest in Hinblick auf einige Augenuntersuchungen erweitert: Derzeit prüft der G-BA aufgrund eines Antrags des GKV-Spitzenverbands vom März 2015 die sogenannte optische Kohärenz­tomografie. Mit diesem Verfahren werden Netzhautstruktur und -dicke sowie Flüssigkeitsansammlungen im Auge beurteilt. Konkret geht es laut G-BA dabei um den Nutzen bei der neovaskulären altersbedingten Makuladegeneration, die in 90 Prozent der Fälle zu einer schweren Sehbeeinträchtigung führe, sowie beim Makulaödem, einer Schwellung der Netzhaut, im Rahmen der diabetischen Retino­pathie.

 

Aufgrund des Makulaödems sind nach Angaben des G-BA in Deutschland bereits 30 000 Diabetiker erblindet (lesen Sie dazu auch Seite 30). »Angesichts der Schwere und Häufigkeit der mit dieser Methode feststellbaren Augenerkrankungen ist das Prüfergebnis für die betroffenen Patienten von großer Bedeu­tung«, erläuterte G-BA-Mitglied Harald Deisler in einer Mitteilung des Gremiums.

 

G-BA berät

 

Parallel berät der G-BA darüber, eine Erpro­bungsstudie der sogenannten transkornealen Elektrostimulation (TES) bei Retinopathia pigmentosa zu starten. Bei dieser Erbkrankheit gehen Sinneszellen im Auge schleichend zugrunde. Die Schädigung ist irreversibel und führt meist zur Erblindung. Experten erwarten, dass mit der TES-Methode über elektrische Impulse ein zell­erhaltender Effekt entsteht und damit die Krankheit aufgehalten oder zumindest verlangsamt wird. /

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