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Demenzbetreuung

Ach, wie gut

18.03.2013
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Von Anna Hohle, Berlin / Patienten mit Demenz erinnern sich vor allem an das, was lange vergangen ist und starke Emotionen wachruft. Ein Berliner Projekt baut darauf auf und versucht, Erkrankte mit Märchen glücklicher zu machen.

»Heute back ich, morgen brau ich … « und übermorgen? Wer an dieser Stelle nicht weiterweiß, gehört vermutlich eher der jüngeren Generation an. Denn ältere Menschen kennen das Märchen von Rumpelstilzchen in der Regel sehr genau. In den 20er- und 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts war das Lehrstück der Brüder Grimm Pflichtlektüre in fast jedem deutschen Kinderzimmer.

Die älteren Frauen und Männer, die an diesem kalten Februartag in Berlin noch einmal der Erzählung lauschen, haben schon viel vergessen. Wie die deutsche Bundeskanzlerin heißt oder was es heute Morgen zum Frühstück gab: Die meisten von ihnen wissen es nicht. Sie alle leiden an fortgeschrittener Demenz, was bedeutet, dass ihr Gedächtnis jüngere Informationen nicht mehr lange speichern kann. Die Geschichte vom Rumpelstilzchen kennen die älteren Herrschaften dagegen noch erstaunlich gut. »…übermorgen hole ich der Königin ihr Kind«, sprechen einige von ihnen den Märchentext mit. »Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!«

 

Diane Dierking strahlt. Die 52-Jährige leitet das Projekt »Es war einmal … Märchen und Demenz«, und Reaktionen wie diese sind der schönste Lohn, den sie für ihre Arbeit bekommen kann. »Es war einmal« wurde von »Märchenland – Deutsches Zentrum für Märchenkultur« initiiert und wird als Pilotprojekt zur Betreuung Demenzkranker von der Berliner Senatsverwaltung gefördert. Seit dem vergangenen Herbst besucht eine ausgebildete Schauspielerin im Auftrag von Märchenland einmal wöchentlich Berliner Demenzkranke und trägt ihnen bekannte deutsche Märchen vor. Zwei Senioreneinrichtungen beteiligen sich bislang an dem Projekt.

 

Im Katharinenhof in Berlin-Wilmersdorf erzählt Marlies Ludwig heute nach dem Rumpelstilzchen noch das Märchen vom hässlichen Entlein. Acht Patienten sitzen im Halbkreis um die Schauspielerin herum, einige in Rollstühlen, andere in orangefarbenen Sesseln. Durch hohe Fenster fällt blasse Wintersonne in den Raum. Die Märchenstunde findet im Katharinenhof jede Woche am selben Ort statt, einem freundlich gestalteten Eckzimmer. Auch Ludwig selbst trägt beim Erzählen stets dasselbe auffallende Kleid aus violetter Seide. Diese Kontinuität sei wichtig, erzählt Projektleiterin Dierking. »Die Teilnehmer vergessen zwar viel, aber sie merken sich die Atmosphäre. Wenn sie Frau Ludwig sehen, wissen sie, dass jetzt etwas Schönes, Besonderes passiert.«

 

Ludwig trägt die Märchen frei vor; sie spricht laut und melodisch und geht dabei von Patient zu Patient. Auch fügt sie immer wieder kurze Lieder ein, die zur jeweiligen Märchenszene passen. Würde sie sitzen und die Geschichten nur vorlesen, es brächte rein gar nichts, sagt Dierking. Die meisten Demenzpatienten reagierten nur noch auf direkte Interaktion. So wie der ältere Herr, der an diesem Tag erst lange teilnahmslos in seinem Rollstuhl sitzt. Als Ludwig erzählt, wie das hässliche Entlein sich vor einer Gruppe Jäger verstecken muss, schaut er auf, plötzlich gespannt. Die Schauspielerin beugt sie sich zu ihm, nimmt seine Hand. Er lächelt, nickt und hängt an ihren Lippen. Später erzählen Pflegekräfte, wie sehr sie diese Fröhlichkeit überrascht hat. Der Mann reagiere ansonsten schon lange nicht mehr auf Ansprache.

 

Weniger Angst und Anspannung

 

Um diese kleinen Erfolge gehe es, erklärt Dierking nach der Veranstaltung. Patienten mit fortgeschrittener Demenz reagierten oft ängstlich und angespannt auf Alltagseindrücke. Gesichter, Stimmen, Geräusche: Durch den Gedächtnisverlust erscheine ihnen ihre Umgebung zunehmend unvertraut oder sogar bedrohlich. Gerade bei einer schweren Demenz sei es schwierig, den Kranken überhaupt noch angenehme Momente zu verschaffen. Genau dies sei jedoch Aufgabe der Pflegeeinrichtungen. Die Patienten sollen schließlich nicht nur satt, trocken und schmerzfrei sein, sondern sich auch weitgehend wohlfühlen.

 

Offenbar scheint in den Märchenstunden genau dies zu gelingen. Die Teilnehmer entspannen beim vertrauten Klang aus der Kindheit. Häufig sei bereits äußerlich erkennbar, wie Angst und Anspannung von ihnen abfallen, erzählt Dierking. Etwa wenn die permanent verkrampften Hände eines Zuhörers plötzlich locker in seinem Schoß liegen.

Fehler im Hippocampus

 

Wie aber können simple Märchenerzählungen einen solchen Effekt hervorrufen? Die Antwort liegt im Wesen der Krankheit selbst. Der Begriff »Demenz« bezeichnet eine Gruppe chronischer, fortschreitender Erkrankungen des Gehirns, die mit dem zunehmenden Verlust von erworbenen kognitiven Fähigkeiten einhergehen. Insbesondere bei ihrer häufigsten Form, dem Morbus Alzheimer, ist zuerst der Hippocampus von Zellschädigungen betroffen. In dieser Hirnregion werden unter anderem Erinnerungen aus dem Kurz- ins Langzeitgedächtnis überführt.

 

Das sorgt dafür, dass bei den Patienten vor allem die Leistung des Kurzzeitgedächtnisses schnell und rapide abnimmt. Sie erinnern sich dann etwa nicht mehr, dass sie gestern mit der Nachbarin gesprochen haben. Schnell schwindet auch das Lern- und Sprachvermögen, später vergessen viele Kranke selbst die Gesichter ihrer Angehörigen oder spät erworbene Fähigkeiten. Relativ lange erhalten bleiben hingegen sehr frühe Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis, und zwar insbesondere dann, wenn sie mit starken Emotionen verknüpft sind. Grund ist, dass die dafür zuständigen Hirnareale meist erst spät von der Krankheit erfasst werden.

 

So erinnern sich Demenzpatienten oft sehr klar an Bilder und Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend. Auf Fotos, Musikstücke oder spezielle Gerüche, die solche Erinnerungen auslösen, reagieren viele Erkrankte erfreut. Seit Jahren arbeiten Pflegeeinrichtungen deshalb etwa mit Musik aus den 20er- und 30er-Jahren. Bei Märchen kommt noch ein starker emotionaler Effekt hinzu: Im besten Fall rufen die Geschichten Erinnerungen wach, die tief im Langzeitgedächtnis schlummern. Spannung oder Erleichterung, die in Kindheitstagen beim Märchenhören empfunden wurden, sind dann plötzlich wieder da.

 

Für diesen Effekt mussten die Mitarbeiter von Märchenland jedoch zunächst herausfinden, welche Versionen der Grimmschen Märchen in der Jugend der heute Über-Siebzigjährigen zeitgemäß waren. Wie sonst sollten die alten Leute den Wortlaut wiedererkennen? Dass in früheren Zeiten überhaupt in so vielen Haushalten Märchen gelesen wurden, sei geradezu ein Glücksfall für die Demenzbetreuung, erzählt Dierking. Schließlich brächten die Patienten ansonsten ganz unterschiedliche Lebensgeschichten mit. Die Märchen seien oft »der einzige gemeinsame Nenner« in ihrer Jugend.

 

Im Gegesatz zu anderen Methoden der Demenzbetreuung haben die Märchenstunden zudem einen entscheidenden Vorteil: Sie beschäftigen gleich mehrere Patienten auf einmal. Für die künftige Gestaltung von Pflegeangeboten ist das von großer Bedeutung. Schließlich prognostizieren uns Demografieforscher eine immer ältere Gesellschaft und somit auch mehr Demenzerkrankungen. Ideen wie die, jeden Patienten individuell zu beschäftigen und etwa alte Fotos mit ihm anzusehen, seien zwar schön, sagt Dierking. In der Praxis fehlten dafür jedoch schon jetzt Zeit und Personal. Bei den Märchen ist das anders. »Hier entspannen die Betreuer gleich mit«, sagt Dierking und lacht.

 

Sie hofft deshalb, dass aus »Es war einmal« ein dauerhaftes Angebot in Pflegeeinrichtungen werden könnte. Das Pilotprojekt ist in Kürze abgeschlossen. Dann folgt die Auswertung, an der auch der Fachbereich Pflegemanagement der Evangelischen Hochschule (EHB) in Berlin beteiligt ist. Drei Studentinnen haben dafür sämtliche Märchensitzungen begleitet und die Reaktionen jedes einzelnen Patienten genau dokumentiert.

 

Dierking und die Mitarbeiter des Katharinenhofs sind vom Erfolg des Projekts schon jetzt überzeugt: »Sämtliche Reaktionen waren viel besser, als wir uns je erhofft haben«, sagen alle, die man hier fragt. Auch Barbara Weigl, die die Evaluation des Projekts an der EHB betreut, war von den Ergebnissen positiv überrascht. Dass selbst schwer erkrankte Patienten nach einigen Sitzungen die Märchenstunden mit einer angenehmen Atmosphäre verbinden, sei etwas »sehr, sehr Seltenes«, sagt die Dozentin. Offenbar scheine die Mischung aus verbalen, szenischen und musikalischen Elementen »besonders gut zu haften«.

 

Märchen als Schlüssel

 

Weigl würde es deshalb begrüßen, wenn Angebote wie »Es war einmal« irgendwann standardmäßig in Pflegeeinrichtungen stattfänden und die Kosten von den Pflegekassen übernommen würden. Bei dem Übermaß an Furcht und Fremdheit, das Demenzpatienten empfinden, könne man letztlich nur versuchen, irgendwie an emotionale Restbestände anzuknüpfen. Märchen könnten hier einer von wenigen Schlüsseln sein, »um die Gefühls­­welt der Patienten wieder aufzuschließen«. /

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