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Arzneimittel

Helfer bei der Selbstoptimierung

13.03.2018
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Von Annette Mende, Berlin / Aus pharmazeutischer Sicht ist der Fall eindeutig: Medikamente ohne medizinische Indikation anzuwenden, ist Missbrauch und muss verhindert werden. Die Mehrheit der Bevölkerung sieht das allerdings laut einer aktuellen Umfrage nicht so eng. Ein Experte warnt angesichts gestiegener Verordnungszahlen bereits vor einer Opioid-Krise wie in den USA.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung (60 Prozent) hält die Einnahme von Medikamenten ohne medizinische Notwendigkeit zur Steigerung des persönlichen Wohlbefindens in bestimmten Situationen für akzeptabel. Das zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der Bundesapothekerkammer (BAK), deren Ergebnisse vergangene Woche bei einem Symposium der BAK in Berlin vorgestellt wurden. An der Internet-basierten Befragung hatten 5000 Bundesbürger im Alter zwischen 16 und 70 Jahren teilgenommen.

 

Der geistigen Leistungsfähigkeit medikamentös auf die Sprünge zu helfen, ist demnach am breitesten akzeptiert: 45 Prozent der Befragten gaben dies als akzeptablen Grund an. Eine Medikamenteneinnahme ausschließlich zur Reduzierung von Angst, Nervosität oder zur Verbesserung der Stimmung kommt immerhin für 40 Prozent infrage. Ihren Körper zu dopen, also mittels Arzneimitteln die körperliche Leistungsfähigkeit zu erhöhen, halten dagegen nur 27 Prozent für in Ordnung.

 

Rx- und OTC-Mittel

 

Ob die Medikamente verschreibungspflichtig sind oder nicht, scheint dabei nur eine untergeordnete Rolle zu spielen: 17 Prozent der Befragten räumten ein, schon einmal ein Rx-Arzneimittel eingenommen zu haben, obwohl es medizinisch nicht notwendig war; 26 Prozent hatten das zwar selbst noch nicht getan, gaben aber an, dass es für sie infrage komme. Bei frei verkäuflichen Arzneimitteln waren es 30 Prozent, die einen bereits erfolgten Missbrauch zugaben und 25 Prozent, für die ein solcher infrage käme.

 

Diese Zahlen bestätigen eine Tendenz, die laut BAK-Präsident Andreas Kiefer seit einiger Zeit in öffentlichen Apotheken auffällt. An der Einstellung zum Arzneimittel habe sich etwas geändert in der Gesellschaft, denn: »Die kritische Sicht auf die Beeinflussung von Körperfunktionen durch Arzneistoffe ist einer Alles-ist-möglich-Mentalität gewichen.« Immer häufiger sähen sich Offizinapotheker mit Nachfragen nach leistungssteigernden Arzneimitteln und solchen, die die Lebenssituation verbessern, konfrontiert. Da­rauf wolle die BAK mit der Umfrage und dem Symposium aufmerksam machen. Sie hat zudem ihren Leitfaden zum Thema Arzneimittelmissbrauch aktualisiert (siehe Kasten).

 

Die beobachtete Entwicklung sei aus mehreren Gründen sehr bedenklich, so Kiefer. Erstens sei zu hinterfragen, ob es einen Zwang zur Selbstoptimierung überhaupt geben soll – zumal auch die soziale Gerechtigkeit auf der Strecke bleibe, da sich das nicht jeder leisten könne. Zweitens drohe eine Trivialisierung von Arzneimitteln und das sei gefährlich, denn es gebe keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Nicht zuletzt müsse der moderne Mensch akzeptieren, dass sich auch mit Medikamenten die eigene Biologie nicht grundlegend verändern lasse. »Durch Neuroenhancement wird niemand intelligenter«, sagte Kiefer. Gehirndoping erspare nicht, selbst zu lernen und zu denken.

 

Wohin es führen kann, wenn Arzneimittel immer häufiger missbräuchlich angewendet werden, wird momentan in den USA deutlich. Dort hat Präsident Trump aufgrund des massiv gestiegenen Opioid-Missbrauchs mittlerweile den nationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen (lesen Sie dazu auch Opioid-Krise in den USA: Ein Drama mit vielen Akteuren, PZ 50/2017). Professor Christoph Stein, Direktor der Klinik für Anästhesiologie am Benjamin-Franklin-Krankenhaus der Berliner Charité, hält eine Opioid-Krise wie derzeit in den USA auch in Deutschland für möglich. Denn der Pro-Kopf-Verbrauch der starken Schmerzmittel sei hierzulande in den vergangenen Jahren stetig gestiegen und habe mittlerweile ein Niveau erreicht, das nicht mehr weit von den Verhältnissen in den USA entfernt ist. Die Opioide würden dabei hauptsächlich Patienten mit chronischen Nicht-Tumorschmerzen verordnet – bei denen sie jedoch nicht gut wirkten, so der Anästhesist.

BAK-Leitfaden

»Das pharmazeutische Personal hat einem erkennbaren Arzneimittelmissbrauch in geeigneter Weise entgegenzutreten. Bei begründetem Verdacht auf Missbrauch ist die Abgabe zu verweigern.« So steht es in § 17 Absatz 8 der Apothekenbetriebsordnung. Doch wie erkennt man eigen­tlich Missbrauch in der Apotheke? Und was muss der Apotheker dann tun? Diese und weitere Fragen beantwortet ein Leitfaden der BAK, der jetzt in aktualisierter Fassung vorliegt. Er kann auf der ABDA-Website heruntergeladen werden unter: https://tinyurl.com/y9fyaqh9. /

Kritischer Opiod-Einsatz

 

Stein zitierte eine Metaanalyse, die er selbst zusammen mit Kollegen der Universität Darmstadt 2014 im »British Journal of Pharmacology« veröffentlicht hat, wonach sogar starke Opioide bei chronischen Nicht-Tumorschmerzen auf einer 100-Punkte-Skala zur Schmerzintensität lediglich eine Reduktion um 12 Punkte bewirken (DOI: 10.1111/bph.12634). »Das gilt allgemein als nicht klinisch signifikanter Effekt«, sagte Stein. Ein solcher sei erst ab einer Schmerzreduktion um circa 30 Punkte gegeben.

 

Die breite Anwendung der offensichtlich nicht gut wirksamen Medikamente in dieser Patientengruppe sei sehr kritisch zu sehen, weil es auch bei Schmerzpatienten häufig zu Opioid-Missbrauch und -Sucht komme. »Viele Jahre wurde das Märchen erzählt, dass Schmerzpatienten nicht süchtig werden. Das ist aber völlig falsch.« Eine Metaanalyse im Fachjournal »Pain« aus dem Jahr 2015 habe gezeigt, dass mindest­ens 17 Prozent der Patienten die Medikamente missbräuchlich anwende­n und mindestens 20 Prozent süchtig werden (DOI: 10.1097/ 01.j.pain.0000460357.01998.f1).

Aus diesem Grund sehe die Leitlinie »Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen« (LONTS) die Anwendung der Schmerzmittel ausschließlich in Kombination mit nicht medikamentösen Maßnahmen vor (lesen Sie dazu Schmerztherapie: Opioid-Langzeitgabe nur selten empfohlen, PZ 50/2017). Hier seien vor allem Physiotherapie und psychologische Verfahren zu nennen. Die Anwendung von Opioiden sei auf maximal drei Monate beschränkt, da es keine randomisierten, kontrollierten Studien gebe, in denen Patienten über einen längeren Zeitraum beobachtet wurden. Die Leitlinie sei aufgrund ihrer sehr zurückhaltenden Empfehlungen massiv kritisiert worden – und zwar hauptsächlich von Gruppen, hinter denen kommerzielle Interessen von Pharmafirmen stehen, so Stein.

 

In den USA wurde die drastische Zunahme der Opioid-Verordnungen nach Meinung vieler Experten auch dadurch begünstigt, dass Hersteller an Patienten gerichtete Werbung für ihre Produkte machen dürfen. Das ist in Deutschland anders: Hier ist Werbung für Rx-Arzneimittel außerhalb von Fachkreisen verboten. Und so soll es auch bleiben, betonte Kiefer. Der BAK-Präsident kann sich sogar vorstellen, über eine Ausweitung des Werbeverbots auf OTC-Arzneimittel mit Missbrauchspotenzial zu reden. Außerdem brachte er Preisuntergrenzen für OTC-Arzneimittel ins Gespräch, »um das Besondere am Arzneimittel deutlich zu machen«. Arzneimittel seien keine Verbrauchs- sondern Vertrauensgüter, über deren richtige Anwendung Patienten fachmännisch beraten werden müssten.

 

Keine Gesundheitskompetenz

 

Allerdings ist nicht immer gesagt, dass die Inhalte der Beratung auch tatsächlich beim Empfänger ankommen. Da­rauf wies Professor Marie-Luise Dierks, Leiterin des Forschungsschwerpunkts Patientenorientierung und Gesundheitsbildung an der Medizinischen Hochschule Hannover, hin. Die Gesundheitskompetenz, also die Fähigkeit, sinnvolle Entscheidungen in Bezug auf die eigene Gesundheit zu treffen, lasse häufig gerade bei sozial benachteiligten Menschen zu wünschen übrig. Die Betroffenen seien sich dessen häufig nicht bewusst – sie fühlen sich kompetent, obwohl sie es eigentlich gar nicht sind. Die Folge einer solchen Fehleinschätzung könne auch ein Arzneimittelmissbrauch sein. Dieser geschehe dann nicht willentlich, sondern versehentlich und sei daher nur durch unaufgeforderte Beratung zu verhindern. /

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