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Notfallkontrazeptiva

Kritik am Leitfaden ist haltlos

11.03.2015
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Mehrere Organisationen der Frauenärzte haben die Handlungs- und Beratungsempfehlungen der Bundesapothekerkammer (BAK) zur rezeptfreien Abgabe der Pille danach als unzureichend kritisiert. Wichtige Beratungsinhalte würden fehlen. Ausreichende wissenschaftliche Gründe für diese Kritik gibt es nicht.

Am vergangenen Donnerstag begann in Düsseldorf der Fortbildungskongress des Bundesverbands der Frauenärzte (BVF) in Düsseldorf. Die Pressekonferenz zum Auftakt nutzten der Verband und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), ihre Kritik am Beratungsleifaden der BAK zu wiederholen. 

 

Die Sicherheit für Anwenderinnen sei nicht gewährleistet, grundlegende Beratungsinhalte würden fehlen. Ähnlich hatten sich die beiden Fachgesellschaften bereits in einem Brief an Bundes­gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und in einem Medienstatement vom 4. März geäußert. »Die derzeit festgelegten Inhalte für die Beratung in den Apotheken geben Anlass zu der Befürchtung, dass die Abbruchraten als Folge einer lückenhaften Aufklärung künftig ansteigen könnten«, heißt es dort.

 

Hauptkritikpunkt ist, dass die Handlungsempfehlungen keinen Hinweis auf einen möglichen Wirkungsverlust der beiden Wirkstoffe Levonorgestrel (Pidana®, Postinor®, Unofem®) und Ulipristalacetat (Ellaone®) bei einem erhöhten Körpergewicht der Anwenderin enthalten. Laut Angaben der Frauen­ärzte-Organisationen lasse die Wirkung von Levonorgestrel ab einem Körpergewicht von 75 kg und von Ulipristalacetat ab 90 kg nach. Im Beratungsleitfaden der BAK steht, dass beide Wirkstoffe »unabhängig vom Körpergewicht oder dem Body-Mass-Index eingenommen werden« können.

 

Wirksamkeit unabhängig vom Körpergewicht

 

Letzteres entspricht der aktuellen Einschätzung der europäischen Arzneimittelbehörde EMA vom Juli 2014: Die Datenlage zu dieser Fragestellung sei schwach und nicht ausreichend, um einen Wirkverlust bei erhöhtem Körpergewicht mit Sicherheit zu belegen, heißt es in der entsprechenden EMA-Mitteilung. Ein entsprechender Warnhinweis musste daraufhin aus den Fachinformationen zu den Levonorgestrel-Präparaten wieder herausgenommen werden (lesen Sie dazu auch Pille danach: Fragliche Wirkung bei Übergewichtigen).

 

Die aktuelle Version der Fachinformationen zu Pidana enthalte keinen entsprechenden Hinweis mehr, bestätigte Klaus Czort, Geschäftsführer der HRA Pharma Deutschland, Hersteller von Pidana und Ellaone, der Pharmazeutischen Zeitung. In die Fachinformationen zu Ellaone sei ein solcher Hinweis niemals aufgenommen worden.

 

Ein weiterer Kritikpunkt der Frauenärzte-Verbände an der Handlungsempfehlung der BAK ist, dass das Einlegen einer Kupferspirale als Alternative für Frauen, die mehr als 90 kg wiegen oder deren ungeschützter Geschlechtsverkehr mehr als fünf Tage zurückliegt, nicht genannt wird. Ein solcher Hinweis ist jedoch unnötig, da ein erhöhtes Körpergewicht nicht gegen die Einnahme der Notfallkontrazeptiva spricht und im Fall eines länger zurückliegenden ungeschützten Geschlechtsverkehrs die Patientin per se an einen Arzt verwiesen werden soll. Dieser kann dann über mögliche Optionen beraten.

 

Kein Anstieg der Abbruchrate zu erwarten

 

Des Weiteren führten die Vertreter der DGGG und des BVF auf der Pressekonferenz aus, dass Deutschland eine der niedrigsten Teenager-Schwangerschaftsraten weltweit habe – aufgrund der guten frauenärztlichen Betreuung. Dies werde durch die Freigabe infrage gestellt. Da aber die Freigabe der Notfallkontrazeptiva die Beratung zu regulären Verhütungsmethoden nicht tangiert, ist nicht davon auszugehen, dass sich die Situation in Deutschland deutlich verändern könnte. Dies belegen auch Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern, in denen Levonorgestrel-Präparate schon seit Jahren ohne Rezept erhältlich sind. In Studien konnte weder eine Veränderung des Sexualverhaltens, noch ein Anstieg der Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nach Freigabe der Notfallkontrazeptiva fest­gestellt werden (lesen Sie dazu auch Pille danach: Was sind die Fakten?). /

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