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Apotheker im Gartentraum

12.03.2007
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Apotheker im Gartentraum

Von Gerhard Helmstaedter

 

In den Jahren um 1900 sind in der Kinderbuchliteratur das kranke Kind und der helfende Doktor häufig zu finden. Wie steht es mit dem Apotheker und seinen Fähigkeiten? Es gibt ihn, und es ist niemand Geringerer als Hermann Hesse, der darauf hinweist.

 

In seinem 1914 veröffentlichten Roman »Rosshalde«, hat der Maler Veraguth große Ängste um seinen todkranken siebenjährigen Sohn Pierre. Hesse schreibt: »Dann verlangte er nach seinem Lieblingsbilderbuch. Der Vater schob vorsichtig einen der Vorhänge beiseite, das bleiche Licht des Regentags kam herein und Pierre versuchte aufzusitzen und Bilder anzusehen. Dann ermüdete ihn das Sitzen . . . und [er] bat den Papa, ihm ein paar von den Versen vorzulesen, vor allem von dem kriechenden Günsel, der zum Apotheker Gundermann kommt:

 

Apotheker Gundermann,

helft mir doch mit Salben!

Ihr seht, wie schlecht ich gehen kann,

Es reißt mich allenthalben!

 

Veraguth gab sich Mühe, er las so frisch und schelmisch als er irgend konnte und Pierre lächelte dankbar. Doch schienen die Verse nicht mehr ihre alte Kraft zu haben.«

 

Die Verse sind aus dem Kinderbuch »Der Gartentraum« von Ernst Kreidolf, erschienen 1911 im Kölner Verlag Schaffstein. Der Text steht neben der Abbildung eines Wiesen-Apothekers, der mit den nierenförmigen Blättern und violetten Blüten der Pflanze »Gundermann« dargestellt wird. Er steht in der Offizin und berät einen gelenkkranken Patienten, den kriechenden Günsel.

 

Der Schweizer Grafiker und Illustrator Konrad Ernst Theophil Kreidolf (1863-1956) studierte nach seiner Ausbildung als Lithograph seit 1863 an der Kunstgewerbeschule in München. Der Unterricht der jungen Erbprinzessin Marie von Schaumburg-Lippe ermöglichte ihm 1899 die Herausgabe seines ersten Kinderbuchs »Blumenmärchen« mit eigenen Texten und Illustrationen. Der Kölner Verleger Hermann Schaffstein übernahm die Verlagsrechte und brachte bis zum Ersten Weltkrieg weitere Werke mit Kreidolf heraus, zum Beispiel »Schlafende Bäume«, »Wiesenzwerge« »Sommervögel« und »Der Gartentraum«.

 

Diese Bücher gelten in der Jugendbuchliteratur als Durchbruch zu einer modernen Bilderbuchillustration mit anspruchsvollen Texten, die die Interaktion zwischen Eltern und Kindern nötig machten. Kreidolfs Originale wurden in Kunstausstellungen gezeigt und die Bücher in der pädagogischen Diskussion von Vertretern der Literarischen Moderne als Beispiel herangezogen.

 

Hesse hat sich einige Male zu Kreidolfs Bildern geäußert. Beide gehörten zum Freundeskreis um das Ehepaar Welti, deren Haus der Dichter später bezog. In der Neuen Zürcher Zeitung schrieb er im Dezember 1908, dass »Sommervögel« von Ernst Kreidolf sein schönstes und liebstes sei, »an dem ich an Bildern und Text keinen Strich vermissen oder anders wissen möchte«. Von einem ihm geschenkten kleinen Bild »Heimattraum« sagte Hesse: »Obwohl alles stimmt und alles irgendwie auf Erden recht wohl so sein könnte [...]. so sieht man doch auf den ersten Blick: hier ist ein Traum gemalt.« »An diese grüne verzauberte Traumheimat werde ich künftig immer denken müssen, so oft ich etwas von Kreidolf sehe oder mit Freunden über ihn spreche« (Das Werk, 2. Jg. 1915, Heft 11, Seiten 169-172). Kreidolf wies ihn in die Kunst des Aquarellmalens ein, worin Hesse es zu beachtlicher Kunstfertigkeit brachte.

 

Mit dem Buch »Der Gartentraum« war Kreidolf zu Motiven seines zwölf Jahre zuvor geschaffenen Erstlingswerkes, zu den Pflanzen, zurückgekehrt. »Im Gartentraum hat es der Künstler meisterhaft verstanden, den Charakter der Blumen zu personifizieren und Bilder von zartester Märchenstimmung und wunderbarer Farbenpracht zu schaffen«, so der Verlagsprospekt.

 

Der Malerpoet neigte zu Schwermut, liebte die Natur und ließ sich in ländlicher Umgebung zu seinen »traumhaften« Kompositionen inspirieren. Kreidolf nahm die Pflanze-Mensch-Metamorphose auf, das Sehnsuchtsmotiv, das die Aufbruchstimmung und die Hinwendung zu naturverbundenen Gefühlen ausdrückt. Er hatte ausgezeichnete botanische Kenntnisse, speziell der Feld- und Wiesenblumen. In seinen Büchern ließ er keineswegs die gängigen Gartenblumen, sondern eher unscheinbare Pflanzen auftreten. Im Gartentraum finden sich Pelargonium, Schafgarbe, Hirtentäschel, Jungfer im Grünen, Wasser- und Alpenblumen, Brennnessel, Salomonsiegel, Clematis, Passiflora. Mit Ausnahme des Apothekerthemas werden keine arzneilichen Bezüge hergestellt und der Leichtigkeit der Sujets nichts Belehrendes und Moralisierendes aufgebürdet.

 

Der Wiesenapotheker gibt, wie der weitere Text zeigt, eingehende Hinweise auf in der häuslichen Medikation verwendete Heilkräuter. Diese sind im Einzelnen auch aus den Schubladen quellend erkennbar. Dabei beschränkt er sich auf naheliegende Kräuter und schöpft nicht aus der Klostermedizin, eher sind Empfehlungen evident, wie sie Pfarrer Sebastian Kneipp in seinem Pflanzenatlas (Kempten 1892) aufführt. Die Bäderkultur erscheint auch in einer Quelle, die aus einer Nische des Drogenschrankes fließt. Ein Trinkbecher lädt zur Trinkkur ein.

 

Von den 13 Arzneidrogen waren nur fünf offizinell, Flores Chamomillae, Flores Sambuci, Folia Trifolii fibrini, Herba Centaurii in Pharm Germanica 2 von 1883, und im Erg B 1897 die Gundelrebe, Herba Hederae terrestris, in späteren Ergänzungsbüchern noch Herba Asperulae, Herba Equiseti und Folia Plantaginis lanceolatae. Der Günsel Ajuga reptans muss sich, wie auch das Labkraut Galium verum, mit der Aufnahme in hom. Arzneibücher begnügen. Heute gelten als traditionell angewendet Matricariae flos, Sambuci flos, Centaurii herba, Equiseti herba, Piceae aetherolum, Plantaginis lanceolatae herba.

Der Gundermann und der kriechende Günsel

Bei Apotheker Gundermann

Erscheint der kriechende Günsel.

Er kommt auf allen vieren an

Mit Heulen und Gewinsel.

 

»O Apotheker Gundermann!

O helft mir doch mit Salben!

Ihr seht, wie schlecht ich

gehen kann,

Es reisst mich allenthalben!«

 

Der Apotheker räuspert sich:

»Wohl kann ich das beschwören:

Der Mittel hab‘ so viele ich,

An Kräutern, Wurzeln, Beeren.

 

Zum Beispiel: Gundelrebentee,

Waldmeister und Kamillen.

Labkraut, Holunder, Fieberklee,

Den heissen Durst zu stillen.

 

Spitzwegrich heilt die wunde Haut,

Das Zinnkraut stillt das Blut.

Der Tee vom Tausendguldenkraut

Ist für den Magen gut.

 

Der Augentrost macht‘s Auge klar,

Heublumen sind für Gicht;

Und Fichtennadelbäder gar,

das ist, was Euch gebricht.«

 

Der Günsel trinkt fünf Tassen Tee

Und schwitzt darauf, o jemine!

Ein warmes und ein kaltes Bad

Macht seine Glieder wieder grad.

 

Er ist, wer glaubt‘s von dieser Stund‘

Geheilt und wieder ganz gesund.

 

Der Günsel rühmt, so viel er kann -

Dann fragt er: »Nun, Herr Gundermann,

Was kostet diese schwere Kur?«

»Sie kostet sieben Gulden nur!«

 

»Habt Dank! Ganz wie es Euch

gefällt;

Zwar hab‘ ich keinen Kreuzer Geld,

Doch da es mir so gut bekommen,

So werd‘ ich sicher wiederkommen.«

Die genannten Anwendungsempfehlungen sind einsichtig und entsprechen der häufig nur adjuvanten Hausmedizin, wo man bei Fieber und Gelenkerkrankungen viel Tee mit Holunderblüten und Fieberklee gab sowie Heublumen und Fichtelnadelbäder anwendete. Im Hager finden sich der Gebrauch von Spitzwegerich Folia Plantaginis lanceolatae, als Expectorans und Wundheilmittel, von Schachtelhalmkraut Herba Equiseti, bei Lungenleiden, Gicht und als Hämostypticum, Tausendgüldenkraut, Herba Centaurii, als Amarum und Augentrost, Herba Euphrasiae für Augenwässer.

 

Interessant ist, dass der Autor den Apotheker auch seine eigene, anthropomorph dargestellte Pflanze, die Gundelrebe, erwähnen lässt. Viele Volksnamen wie Donnerrebe, Engelskraut, Heckenmädchen zeigen die Bekanntheit dieser Pflanze. Das Kraut mit ätherischem Öl wirkt als Antidiarrhoicum und ist in der Volksmedizin als Tee bei Katarrhen und Blasenleiden geläufig. Der kriechende Günsel tritt mit seinen Ausläufern und dem violetten Blütenschmuck in quirliger Scheinähre auf. Ajuga reptans hat zwar interessante sekundäre Pflanzenstoffe, die für Insekten toxisch sind. Anwendungen bei Gallenleiden oder äußerlich zur Wundbehandlung gelten als nicht belegt.

 

Die Kreidolf-Bücher hatten bei allen ehrenden Empfehlungen einen schleppenden Umsatz. Der Verlag konzentrierte sich nach dem Ersten Weltkrieg auf die Herausgabe von Volksbüchern. Die späteren Vertriebsrechte an Kreidolfs Werken erhielt ein Schweizer Verleger.

 

Der in die Schweiz zurückgekehrte Illustrator machte nach 1922 noch verschiedene Bilderbücher. »Der Gartentraum« erlebte als »Traumgarten« zuerst 1955 jüngere Wiederauflagen. Im selben Jahr erhielt Kreidolf spät den Jugendbuchpreis.

 

Für die Einsicht in Bücher und Unterlagen bin ich der Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien, Universität Köln, verbunden.

Literatur

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Ernst Kreidolf, Der Gartentraum. Neue Blumenmärchen, Schaffstein Verlag für Neudeutsche Kinderkunst, Cöln a./Rh., o. J. [1911]. Mit 16 chromolith. Tafeln. Die 16 Gedichte in Jugendstil-Antiqua [insgesamt 50 S.] Brauner Halbleinenbd. mit farb. Deckelillustr.

R. Freedmann, Herman Hesse, eine Biographie, Suhrkamp Frankfurt am Main 1982

Ausstellungskatalog, Der Schaffstein Verlag, Museum Burg Wissem 2006. Kataloge zu Kreidolf-Ausstellungen, Schloss Bad Pyrmont 1998; Kunstmuseum Bern, Das Leben ein Traum 1997 und Ernst Kreidolf und seine Malerfreunde 2006/7, diese anschließend Konstanz 27. Januar bis 8. April 2007.

Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis, 4. Auflage, Berlin, Heidelberg, New York 1967 ff. und ältere Auflagen, Digitale Bibliothek, UB Braunschweig.

Siehe auch: J. Benedum, B. Eberwein, D. .Loew, H. Schilcher, B. Steinhoff, Arzneipflanzen in der traditionellen Medizin, 4. Aufl., Bonn 2004

 

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