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Licht und Schatten

06.03.2006  10:12 Uhr

Licht und Schatten

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt ist auf Tour. Am Montag und Dienstag hat sie zwei Termine wahrgenommen, die für die Apothekerschaft wichtig sind. In beiden Fällen ging es um neue Wege, die Arzneimittelversorgung zu verbessern. Am Montag stellte sie in Aachen zusammen mit der Barmer Ersatzkasse, den Apothekern und den Ärzten erste Ergebnisse des Hausärzte-/Hausapothekervertrags vor. Am Dienstag besuchte sie im saarländischen Merzig die Anlage zur industriellen Verblisterung von assist, einem Tochterunternehmen des Arzneimittelimporteurs Kohl-Pharma. Die Kombination macht zwei Dinge deutlich: Die Arzneimittelversorgung in Deutschland ist in Bewegung. Dabei liegen aber Licht und Schatten dicht beieinander.

 

Auf der einen Seite steht mit der Integrierten Versorgung das Konzept einer Krankenkasse, gemeinsam mit Apothekern und Hausärzten die persönliche Betreuung ihrer Patienten zu optimieren. Die in Aachen vorgestellten Ergebnisse aus der Region zeigen, dass die handelnden Personen dabei auf dem richtigen Weg sind: Die Resonanz von Ärzten und Apothekern ist gut, die durchschnittlichen Kosten einer Arzneimittelverordnung scheinen zu sinken und die Patienten sind hochzufrieden.

 

Auf der anderen Seite steht die Initiative eines Arzneimittelimporteurs, der sich ein neues wirtschaftliches Standbein sucht. Sein Konzept, Arzneimittel für chronisch Kranke in Wochenblister zu verpacken, trifft bei Apothekern, Großhandel und großen Teilen der pharmazeutischen Industrie auf wenig Gegenliebe; viele Punkte, etwa die Produkthaftung, sind juristisch nicht geklärt; Voraussetzung für den Betrieb der Verblisterungsanlage ist die Beschränkung der Arzneimittelauswahl auf 400 Medikamente. Völlig unklar ist zudem, wie assist den Vertrieb der Blister organisieren will. Das Unternehmen betont zwar beharrlich, das Angebot stünde allen Apothekern offen. Zum anderen ist das Mutterunternehmen Kohl am Aufbau einer Apothekenkette auf Franchise-Basis beteiligt. Zweifel sind also mehr als angebracht.

 

Die Ministerin sieht dies natürlich nicht so. In Aachen wie in Merzig lobte sie die Verantwortlichen beider Projekte. Der Integrierten Versorgung wie der Verblisterung bescheinigte sie, dass sie die Arzneimittelversorgung preiswerter, individueller und sicherer machen. Schmidt begrüßt den Wettbewerb unter den Leistungserbringern und möchte abwarten, welche Konzepte sich in der Praxis bewähren.

 

Genau darin liegt die große Chance für die Apotheker. Natürlich ist es nicht nachvollziehbar, dass assist Dinge tun darf, die nach der Meinung von Juristen und Arzneimittelexperten rechtlich zweifelhaft sind. Die Apotheker sollten aber nicht zu pessimistisch sein, denn ihr Angebot ist das bessere. Mit dem Integrationsvertrag und zahlreichen weiteren Vereinbarungen mit Krankenkassen und Ärzten haben sie ihre wichtige Rolle in der Arzneimittelversorgung deutlich gemacht und gleichzeitig mehr Innovationskraft gezeigt als die anderen Protagonisten des Gesundheitswesens. Die mediale Resonanz auf Schmidts Besuch in Merzig muss auch nicht unbedingt Angst machen. Nur wenige Journalisten kamen ins Saarland, und die wollten von Schmidt lediglich wissen, ob sie an der Bonus-Malus-Regelung festhalten will. Für dieses Problem haben die Apotheker übrigens auch bessere Lösungen als assist.

 

Daniel Rücker

Stellvertretender Chefredakteur

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