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Kardiovaskuläre Erkrankungen

Der Berg ruft – auch Herzpatienten

28.02.2018
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Von Annette Mende / Ein Höhenaufenthalt muss auch für ­Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen kein Tabu sein. Je nach Art und Schwere der Krankheit gelten aber bestimmte Auflagen, an die sich Betroffene halten sollten.

Wandern ist pure Kadioprotektion: Die leichte bis moderate Ausdauerbelastung an der frischen Luft ist genau das, was Ärzte zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfehlen. Doch gilt das auch für bereits erkrankte Patienten? Welche Einschränkungen müssen sie beachten, insbesondere beim Wandern in den Bergen? Konkrete Empfehlungen hierzu macht jetzt ein Team um den Kardiologen Professor Dr. Gianfranco Parati von der Universität Biocca in Mailand im »European Heart Journal« nach Auswertung der verfügbaren Evidenz (DOI: 10.1093/eurheartj/ehx720).

 

Vorsicht mit Diuretika

 

Bei Aufenthalten in der Höhe laufen verschiedene Anpassungsvorgänge im Körper ab (siehe Kasten). Einer davon ist eine verstärkte Diurese. Hypertonie­patienten, die auf ein Diuretikum eingestellt sind, sollten daher penibel darauf achten, genügend zu trinken, raten Parati und Kollegen. Unter dieser Voraussetzung sei von den Diuretika der Carboanhydrasehemmer Acetazolamid am ehesten zu empfehlen, da er auch bei Höhenkrankheit einen positiven Effekt haben kann. Generell sollten Patienten ihren Blutdruck vor und während des Aufenthalts im Gebirge regelmäßig überprüfen. Bei guter medikamentöser Einstellung können sich Hypertoniker dem Artikel zufolge auch in hohen ­Höhen, also über 4000 m, aufhalten. Bei unkontrolliertem, schwerem Bluthochdruck sollten Höhenaufenthalte dagegen unterlassen werden, um Organschäden zu vermeiden.

 

Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK) fällt die Anpassung an die sauerstoffarme Umgebung schwerer als Gesunden, da die Durchblutung des Herzmuskels durch die Steife der Herzkranzgefäße eingeschränkt ist. Bei niedrigem Risiko und guter medikamentöser Einstellung können aber auch sie Höhen bis 4200 m erreichen und sich dort leicht bis moderat körperlich anstrengen. Mit einer mittelschweren KHK sollte laut den Autoren bei 2500 m Schluss sein und alles vermieden werden, was über eine leichte Anstrengung hinausgeht. Patienten mit schwerer KHK ist ein Aufenthalt in den Bergen nicht zu empfehlen.

Dünne Luft

Ab 2500 Höhenmeter wird es anstrengend: Ab dieser Höhe führt der geringe Sauerstoffgehalt der Atemluft zu einer Belastung für das Herz-Kreislauf-System. Der Sauerstoffmangel löst zunächst eine Weitstellung der Gefäße aus, sodass es unmittelbar nach der Ankunft in der Höhe zu einem geringfügigen Absinken des Blutdrucks kommt. Die resultierende Sympathikusaktivierung sorgt jedoch bereits nach wenigen Stunden für einen signifikanten und anhaltenden Blutdruckanstieg, der während der Nacht stärker ausgeprägt ist als am Tag. Mindestens in den ersten sieben Tagen nach Erreichen der Höhenlage fällt dadurch der Blutdruckabfall während des Nachtschlafs geringer aus als auf Meereshöhe. Auch Puls, Atemfrequenz und Diurese sind als Reak­tion auf den Sauerstoffmangel in der Höhe erhöht.

 

Patienten mit Herzinsuffizienz (HI) haben häufig Begleiterkrankungen, die in der Höhe kritisch sein können, etwa Lungenhochdruck, Anämie oder Schlafapnoe. Diese müssen berücksichtigt werden, wenn es darum geht, ob ein Patient gefahrlos in die Berge kann oder nicht. Auch die Medikation ist zu prüfen, und zwar neben den Diuretika insbesondere ACE-Hemmer und Betablocker, da sie die Anpassungsvorgänge des Körpers an die Höhe behindern können. HI-Patienten sollten sich eine Faustregel besonders zu Herzen nehmen, die auch für Gesunde gilt: Ab 2500 m sollte ein weiterer Anstieg mit maximal 300 bis 500 gewonnenen m am Tag nur langsam erfolgen. Patienten mit NYHA-Klasse I bis II empfehlen die Autoren eine Höhengrenze von 3500 m bei maximal moderater körperlicher Aktivität, bei NYHA III liegt die Grenze bei 3000 m und leichter Belastung. Patienten mit instabiler HI beziehungsweise NYHA IV sollten der Höhe fernbleiben.

 

Generell gibt es zum Thema Höhenverträglichkeit bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen nur wenige gute Studien mit üblicherweise geringen Probandenzahlen, schränken Parati und Kollegen ihre Empfehlungen ein. Sie wollen sie als praktische Hinweise für Ärzte und ­Patienten verstanden wissen, die es hoffentlich dennoch vielen erlauben, sich trotz ihrer Erkrankung sicher in der Höhe aufzuhalten. /

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