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Flibanserin

»Pink Viagra« hat geringe Wirkung

02.03.2016
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Von Kerstin A. Gräfe / Der in Publikumsmedien als »Pink Viagra« bezeichnete Serotonin-Modulator Flibanserin soll Frauen mit hypoaktiver Sexualfunktionsstörung zu mehr Lust verhelfen. Die Wirkung ist mäßiger als erwartet, das Risiko für Nebenwirkungen womöglich unterschätzt. Das ist das Ergebnis einer Metaanalyse niederländischer Forscher ein halbes Jahr nach der US-Markt­zulassung.

Das Team um Dr. Loes Jaspers von der Erasmus Universität in Rotterdam analysierte für seine Untersuchungen zur Wirksamkeit und Sicherheit von Flibanserin acht klinische Studien mit insgesamt mehr als 5900 Frauen, die an einer hypoaktiven Sexualfunktionsstörung (Hypoactive Sexual Desire Disorder, HSDD) litten. Die Ergebnisse sind im Fachjournal »JAMA Internal Medicine« veröffentlicht (DOI:10.1001/jamainternmed.2015.8565).

 

Den Forschern zufolge kam es mit Flibanserin im Vergleich zu Placebo zu einem halben Mal mehr befriedigendem Geschlechtsverkehr pro Monat. Dem gegenüber steht ein signifikant erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen. So litten die Frauen verglichen mit Placebo etwa viermal häufiger unter Schwindel und Schläfrigkeit. Das Risiko für Übelkeit verdoppelte sich. Hinzu kommt das Risiko für Blutdruckabfälle und Ohnmachtsanfälle. Aufgrund der blutdrucksenkenden Wirkung sollte Flibanserin nur abends eingenommen werden.

 

Zudem bewerteten die niederländischen Wissenschaftler die Evidenz der betrachteten Studien als gering. Bevor Flibanserin in Leitlinien empfohlen werden könne, seien weitere Studien mit einer breiter aufgestellten Studienpopulation wie Frauen mit Komorbiditäten und entsprechender Medikation not­wendig.

 

Kritik an Zulassung

 

Wirklich überraschend sind die Ergebnisse nicht. Im Grunde genommen decken sie sich mit denen der Zulassungsstudie, fallen aber noch bescheidener aus. Dort kam es unter 100 mg Flibanserin täglich zu einem halben bis einem Mal mehr Geschlechtsverkehr pro Monat. »Die Flibanserin-Saga ist unbefriedigend« schreiben demzufolge auch die Professoren Dr. Steven Woloshin und Dr. Lisa M. Schwartz vom US- amerikanischen Dartmouth Institut in New Hampshire in einem begleitenden Kommentar (DOI:10.1001/jamainternmed.2016.0073). Sie kritisieren, dass die US-Arzneimittelbehörde FDA ein Medikament zugelassen habe, das marginal wirksam ist und dessen Sicherheit nicht abschließend bewertet sei.

 

Der Serotonin-Modulator Flibanserin (Addyi™, Sprout Pharmaceuticals) wurde im August vergangenen Jahres in den USA zugelassen. Laut US-Fachinformation ist der neue Wirkstoff indiziert zur Behandlung von prämenopausalen Frauen mit HSDD. In Deutschland ist er bislang nicht im Handel. Flibanserin wirkt über die Psyche: an postsynaptischen 5-HT1A-Rezeptoren wirkt der Arzneistoff agonistisch, an 5-HT2A- Rezeptoren antagonistisch. Wie das Präparat dadurch die weibliche Lust steigert, ist laut FDA nicht bekannt. /

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