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Kinderarztbesuch wird Pflicht

08.04.2008
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Kinderarztbesuch wird Pflicht

Von Daniela Biermann

 

In der Vergangenheit häuften sich die Meldungen über mangelernährte und verwahrloste Kinder. Daher sollen die Kindervorsorgeuntersuchungen erweitert und verbindlich werden.

 

In Deutschland hat jedes Kind ein Recht auf kostenlose Vorsorgeuntersuchungen, die sogenannten »Us«. Sie beginnen direkt in den ersten Stunden nach der Geburt und setzen sich fort bis zu Beginn der Pubertät. Der Arzt überprüft die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes. Er fragt nach Verhaltensauffälligkeiten und gibt Tipps, beispielsweise zu Zahnhygiene und Schutzimpfungen.

 

Im Moment bezahlen die Krankenkassen neun Untersuchungen im Kindesalter und eine Jugenduntersuchung. Ärzten reichen diese Untersuchungen nicht. Vor allem zwischen der U7 im Alter von 21 bis 24 Monaten und U8 im Alter von 43 bis 48 Monaten klafft eine zeitliche Lücke. Die U7a für Dreijährige soll sie stopfen. Hintergrund ist die politische Diskussion um vernachlässigte und misshandelte Kinder. »Wir engagieren uns für einen besseren Gesundheitsschutz der Kinder. Deshalb wollen wir die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen ausbauen«, sagte Dr. Carl-Heinz Müller, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). »Wir schlagen außerdem eine U10 für Achtjährige und eine U11 für Zehnjährige vor. Gerade in diesem Alter wirken sich schulische und Sozialisationsprobleme auf die körperliche Gesundheit der Kinder aus«.

 

Auf der Ministerpräsidentenkonferenz im Dezember haben sich Bundesregierung und Länderchefs zumindest auf die Einführung der U7a geeinigt. Die Details klärt momentan der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums soll die neue Kinderrichtlinie zügig beschlossen werden. Die Aufnahme der U7a durch den G-BA, in dem unter anderem auch Vertreter von Krankenkassen und KBV sitzen, hätte rechtlich bindenden Charakter.

 

Dagegen kann der G-BA nicht entscheiden, ob die Untersuchungen verbindlich werden. Auch darauf hatte sich die Ministerpräsidentenkonferenz geeinigt. Ähnlich wie bei der Schulpflicht trifft hier allerdings jedes Bundesland seine eigenen Regelungen.

 

Vorreiter ist das Saarland: Seit vergangenem Frühjahr kontrolliert hier eine zentrale Stelle, ob jedes Kind zur Untersuchung erscheint. Dazu gleicht sie die Meldungen der Kinderärzte mit den Einwohnerdaten ab. Versäumen die Eltern eine Untersuchung, erhalten sie ein Erinnerungsschreiben. Werden sie danach nicht innerhalb von 14 Tagen mit dem Kind beim Arzt vorstellig, schalten sich Gesundheits- oder Jugendämter ein. Sanktionen haben die Eltern im Saarland allerdings nicht zu befürchten. Sie bekommen stattdessen konkrete Hilfsangebote.

 

In Bayern dagegen müssen Eltern einen Nachweis über die Untersuchungen bei der Anmeldung zur Kindertagesstätte und Schule sowie bei Beantragung des Landeskindergelds vorlegen. Dort und auch in Hessen sind die Untersuchungen seit Beginn dieses Jahres Pflicht. Andere Bundesländer wollen nachziehen.

 

Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums nehmen 95 Prozent der Eltern das Angebot bereits freiwillig wahr. Die Pflicht zur Vorsorge soll vor allem überforderte Familien aufspüren. Geldsorgen zählen dabei nicht: Wer nicht krankenversichert ist, kann sein Kind kostenlos vom Amtsarzt untersuchen lassen.

 

Untersuchungen im Überblick

 

Die Vorsorge beginnt schon direkt nach der Geburt: Im Krankenhaus überprüfen Ärzte und Hebammen die wichtigsten Vitalfunktionen wie Atmung, Herzschlag und Muskelspannung (U1). Zwischen dem dritten und zehnten Lebenstag findet die Neugeborenen-Basisuntersuchung (U2) statt. Organe, Skelett und Motorik werden genauer untersucht. Ein Bluttest am fünften Tag gibt Auskunft, ob Stoffwechselerkrankungen vorliegen.

 

In der vierten bis sechsten Lebenswoche geht es zum ersten Mal zum Kinderarzt (U3). Er erfragt Verhaltensauffälligkeiten des Säuglings (Gab es Krampfanfälle? Klappt das Trinken?). Diese Fragen werden sich bei allen nachfolgenden Untersuchungen dem Alter entsprechend wiederholen. Er überprüft die Körperfunktionen und das Hörvermögen. Zusätzlich macht er ein Hüft-Ultraschall, um eine mögliche Fehlstellung zu erkennen. Dazu gibt es eine Beratung zu Kariesprophylaxe und Schutzimpfungen. Letztere starten bei Vollendung des zweiten Lebensmonats (Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Polio, Hämophilus influenza Typ B, Hepatitis B und Pneumokokken). Diese sieben müssen nach dem vollendeten dritten und vierten Lebensmonat je einmal wiederholt werden.

 

Im selben Zeitraum findet die U4 statt. Mittlerweile sollte das Kind auf Lächeln reagieren, den Kopf zu Schallquellen drehen und die Hände zusammenführen können. Genau wie bei den anderen Untersuchungen überprüft der Arzt Körpermaße, Haut, Brust-, Geschlechts-, Bauch- und Sinnesorgane, Skelettsystem, Motorik und Nervensystem. Zusätzlich wird die körperliche und geistige Entwicklung dem Alter entsprechend beobachtet.

 

Bei der U5 im sechsten oder siebten Lebensmonat sollte das Kind Blickkontakt halten und lachen können. Es reagiert normalerweise auf das Rufen der Eltern und interessiert sich für angebotenes Spielzeug. Es sollte sich vom Rücken auf den Bauch oder die Seite drehen können.

 

Zwischen zehntem und zwölftem Monat geht es zur U6. Der Arzt fragt, wie häufig das Kind bisher krank war. Der Blickkontakt darf nicht fehlen. Das Kind sollte auch auf leise Geräusche reagieren. Normalerweise hat die Sprachentwicklung mittlerweile begonnen und das Kind brabbelt (zum Beispiel doppelte Silben wie »dada«). Stereotypien wie Kopfwackeln sind dagegen verhaltensauffällig. Weiterhin sind die nächsten Impfungen fällig. Die vierte und damit letzte Grundimmunisierung der oben genannten Krankheiten steht zwischen dem vollendeten 11. bis 14. Monat an. Zusätzlich impft der Arzt gegen die typischen Kinderkrankheiten Mumps, Masern, Röteln und Windpocken sowie gegen Meningokokken. Die Auffrischung ist zwischen dem vollendeten 15. bis 23. Lebensmonat angesetzt.

 

Zum selben Zeitpunkt oder etwas später findet die U7 statt (21. bis 24. Monat). Mit knapp zwei Jahren kann ein gesundes Kind Zwei-Wort-Sätze sprechen, genannte Gegenstände identifizieren (zum Beispiel auf einen Ball zeigen) und einfache Anweisungen befolgen. Die ersten Schritte hat es mit spätestens 16 Monaten getan und kann mittlerweile sogar Treppen steigen, wenn es sich am Geländer festhält.

 

Erst anderthalb Jahre später geht es zur U8. Neben den üblichen Untersuchungen und Fragen nach Entwicklung und Auffälligkeiten wird ein Tuberkulintest durchgeführt und das Sprachvermögen überprüft. Die letzte Kindervorsorgeuntersuchung U9 im Alter von fünf Jahren ist gleichzeitig die letzte Untersuchung vor der Einschulung und damit besonders wichtig. Hör- und Sehvermögen, Koordinationsfähigkeit und Sprachverständnis stehen im Blickpunkt. Zusätzlich fahndet der Arzt nach Atemproblemen. Diphtherie-, Tetanus- und Keuchhustenimpfung werden aufgefrischt. Die nächste und letzte Untersuchung in der Kinderrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses ist die J1, die zu Beginn der Pubertät ansteht (zwischen vollendetem 13. und 14. Lebensjahr). Neben der körperlichen Entwicklung geht der Arzt auf Verhalten und Psyche des Jugendlichen ein. Auch Sucht und Sexualität können thematisiert werden.

Kinderrichtlinie

Die Kinderrichtlinie mit Details zu den Untersuchungen kann mit folgendem Link heruntergeladen werden:
www.g-ba.de/downloads/62-492-68/RL_Kinder-2004-12-21.pdf

 

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