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Apotheke macht Schule

08.04.2008
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Apotheke macht Schule

Von Brigitte M. Gensthaler

 

Apotheker im Klassenzimmer - ein ungewöhnlicher Anblick. Lehrer und Schüler in Baden-Württemberg können die pharmazeutische Fachkompetenz an Ort und Stelle live erleben. Das Projekt »Apotheke macht Schule« startet jetzt in die zweite Runde. Karin Graf, Vizepräsidentin der LAK Baden-Württemberg, im Gespräch mit der PZ.

 

PZ:Frau Graf, Sie sind Initiatorin und Leiterin des Schulprojekts. Ihr persönlicher Eindruck von der Pilotphase?

Graf: Nach einem etwas schwierigen Start lief das Projekt großartig an. Wir wurden fast überrollt von der Nachfrage.

 

PZ:Wie entstand die Idee zu diesem Projekt der Primärprävention?

Graf: Ausgangspunkt war eine Arbeitsgruppe von Kammer und Verband zur Prävention, an der auch eine Vertreterin des Kultusministeriums teilnahm. Um eine wichtige Zielgruppe, die Jugendlichen, wirklich zu erreichen, entschieden wir uns für ein Schulprojekt. Nach intensiven Vorarbeiten beinhaltet unser Themenpaket jetzt zwei Vorträge zu Akne und zu Doping im Alltag, eine Lehrerfortbildung und zwei Themen für Elternabende. Die Vorträge halten ausschließlich Apothekerinnen und Apotheker.

 

PZ:Das Ganze ist sehr aufwendig. Was wollen Sie damit erreichen?

Graf: Wir wollen den Apotheker als Ansprechpartner für alle Gesundheitsfragen etablieren. Wir müssen weg vom Image des Schubladenziehers. Außerdem wollen wir Lehrern, Eltern und Schülern verdeutlichen, dass das Arzneimittel eine Ware besonderer Art und kein Konsumartikel ist. Arzneimittel sind höchst wichtig, aber viele Probleme kann man einfach nicht mit Pillen lösen.

 

PZ:Steht das pharmazeutische Fachwissen immer im Vordergrund?

Graf: Ja, aber der psychosoziale Ansatz ist uns hier sehr wichtig. Beispielsweise regen unsere Referenten zum Nachdenken und Diskutieren über Lebensgefühle und Normen an. So geht es im Pickel-Referat auch darum, was Schönheit eigentlich ist. Beim Thema Lifestyle-Pillen warnen wir vor der Bagatellisierung des Arzneimittels und ermuntern die Schüler, kritisch mit Werbeaussagen umzugehen. Gesundheitsbewusstes Handeln beginnt im Kopf. Je früher, desto besser.

 

PZ:Und wie haben die Schulen auf die Initiative der LAK reagiert?

Graf: Auf den Hinweis des Kultusministeriums in seinem elektronischen Newsletter kam zunächst kaum Resonanz. Daher haben wir Faltblätter entwickelt und alle Schulen in Baden-Württemberg, von Hauptschule bis Gymnasium, direkt angesprochen. Die Reaktion war sehr positiv; circa 60 Vorträge wurden gebucht. Auf diesen Ansturm waren wir zunächst gar nicht vorbereitet. Mitunter gab es Vorbehalte, dass die Apotheker etwas verkaufen wollen. Aber ich lege größten Wert darauf, dass unser Präventionsprojekt auf strengen ethischen Grundsätzen basiert. Unsere Referenten dürfen weder für Produkte noch für eine Apotheke werben.

 

PZ:Der Untertitel des Projekts heißt ein wenig vollmundig »Prävention im Klassenzimmer«. Kann man Schüler der 6. bis 10. Klasse denn mit Gesundheitsthemen fesseln?

Graf: Ja, man erreicht die Jugendlichen mit Themen, die sie persönlich bewegen. Dazu gehört das Aussehen auf jeden Fall. Akne ist Thema für Jungen und Mädchen. Wir sagen aber deutlich, dass Aussehen nicht alles ist. Auch das Thema Lifestyle-Drogen trifft den Nerv. Wenn die Referenten fragen, wer solche Produkte kennt und woher, sind die Schüler ganz bei der Sache. Ein wesentlicher Teil unseres Erfolgs liegt im didaktischen Konzept: kein Frontalvortrag, sondern viel Interaktion. Dann kommen auch Fragen und Probleme zur Sprache. Außerdem wurden alle Folien speziell für Jugendliche gestaltet.

 

PZ:Der Lehrervortrag über chronisch kranke Kinder im Unterricht wurde nur zweimal gebucht. Ist das Thema nicht relevant?

Graf: Doch, die anwesenden Lehrer waren sehr interessiert und aufgeschlossen. Aber vielleicht lassen sich Lehrer nicht gerne belehren. Hier brauchen wir noch mehr Mundpropaganda. Steter Tropfen höhlt den Stein.

 

PZ:Nach der Evaluation der Pilotphase setzt die LAK das Projekt fort. Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Graf: Einige Vorträge wurden inhaltlich modifiziert und noch exakter auf die Zielgruppe abgestimmt. Das interaktive Konzept hat sich bewährt und unsere Referenten bekamen super Bewertungen. Wir suchen jetzt noch mehr Apotheker, die in die Schulen gehen wollen. Da der Umgang mit Schülern nicht immer einfach ist, bietet die Kammer im April dazu eine Fortbildung an.

 

PZ:Und die Themen? Was interessiert die Schüler besonders?

Graf: Harte Drogen. Der Aufklärungsbedarf ist riesig. Hinzu kommen Ess-Störungen und Ernährung allgemein, Sexualität und Verhütung. Diese Präferenzen haben wir auch mit dem Kultusministerium besprochen.

 

PZ:Wie geht es weiter?

Graf: Das neue Faltblatt wurde vor 14 Tagen an die Schulen versandt. Zunächst können wir 25 Vorträge realisieren. Die Resonanz ist so groß, dass jetzt schon Schulen auf der Warteliste stehen.

 

PZ:Nicht nur die Apotheke, auch das Projekt macht Schule. So will die Bayerische Landesapothekerkammer (BLAK) das Konzept übernehmen. Gibt es weitere Signale der Zusammenarbeit?

Graf: Die BLAK lässt jetzt einen Vortrag über Bulimie und Anorexie ausarbeiten. Wir tauschen uns dann inhaltlich aus. Andere Kammern haben noch nicht nachgefragt. Wir freuen uns natürlich über jeden, der das Projekt aufgreifen möchte. Interessenten können gerne mit mir oder der Kammergeschäftsstelle in Stuttgart Kontakt aufnehmen.

 

PZ:Drei Wünsche für Ihr Projekt?

Graf: Zunächst mehr finanzielle Mittel. Dann viele engagierte Kollegen. Und das Wichtigste: Wir wollen den Apotheker als Gesundheitsfachmann, der das Arzneimittel als Ware besonderer Art schon bei Jugendlichen fest verankert. Wenn dies gelingt, wäre es der schönste Erfolg.

Gute Noten für die Apotheker

Der Startschuss zum Projekt »Apotheke macht Schule, Prävention im Klassenzimmer« fiel im Herbst 2006. Mit Briefen und Flyern informierte die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg die Schulen im Land über ihr Vortragsangebot. Unterstützt wird das Primärpräventionsprojekt, das in Kooperation mit dem LAV entstanden ist, vom Ministe-rium für Kultus, Jugend und Sport. Projektleiterin ist LAK-Vizepräsidentin Karin Graf. Die Schulen können Apothekerinnen und Apotheker als Referenten zu fünf Gesundheitsthemen buchen. Der Vortrag über chronisch kranke Kinder im Unterricht richtet sich gezielt an Lehrkräfte; die Themen »Helfen mit Hausmitteln« und »Auf Leistung getrimmt?« sprechen Eltern von Grundschulkindern an.

 

An die Schüler selbst wenden sich die Referenten mit den Themen »Pickel, (k)ein Problem« und »Doping für den Alltag«. Im Schuljahr 2006/07 hielten 14 Apothekerinnen und Apotheker 60 Vorträge an 35 Schulen. Am meisten gefragt war das Doping-Thema, gefolgt vom Pickel-Problem. Dass das Konzept ankommt, zeigten die Bewertungen auf den Fragebögen. Die Lehrkräfte bescheinigten den Apothekern nahezu durchwegs sehr gute fachliche Kompetenz und überwiegend sehr gute bis gute didaktische und rhetorische Fähigkeiten. Traumnoten gab es von Schülern und Eltern: Etwa 95 Prozent fanden das gebotene Thema interessant, konnten gut zuhören, fühlten sich gut informiert und lobten die Referenten als Fachleute. Was hat sie gestört? Häufigste Antwort: »Eigentlich nichts«.

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