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Osteoporosetherapie

Studie legt Kosten für Deutschland offen

27.02.2006
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Osteoporosetherapie

Studie legt Kosten für Deutschland offen

von Conny Becker, Berlin

 

Hier zu Lande leben mehr als 7,8 Millionen Menschen mit Osteoporose, aber nur ein Bruchteil von ihnen wird leitliniengemäß therapiert. Dies ergab eine Studie des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (Iges), das neben der Versorgung die Therapie- und Folgekosten bei Osteoporose unter die Lupe nahm.

 

Jeder vierte Deutsche über 50 Jahre leidet unter Osteoporose, wovon jedoch nur jeder Fünfte eine spezifische Therapie gegen die Erkrankung erhält. Das legen jedenfalls die Ergebnisse der BONE-EVA-Studie nahe, die das Berliner Iges-Team um Professor Dr. Bertram Häussler zwischen 2000 und 2003 durchgeführt hat. Ziel der von Hoffmann-La Roche und GlaxoSmithKline unterstützten Untersuchung war es, die Versorgung der Patienten in Deutschland sowie die durch die Krankheit entstehenden Kosten zu ermitteln. Dafür griffen die Gesundheitsforscher auf Routinedaten der GEK, Abrechnungsdaten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung sowie des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen zurück und rechneten dann auf ganz Deutschland hoch, erklärte Häussler auf einer Veranstaltung von Iges und GEK in Berlin. Unter den Versicherten fahndeten sie nach allen Über-50-Jährigen, die entweder die Diagnose Osteoporose, eine Frakturdiagnose im Zusammenhang mit Osteoporose oder eine für die Knochenbrüchigkeit typische Verordnung hatten.

 

»Wir haben aus dem Versorgungsprozess heraus beobachtet und eine der bislang höchsten Zahlen gefunden«, so der Mediziner. Unter den Männern lag der Anteil der Betroffenen im Jahr 2003 bei fast 10 Prozent, unter den Frauen bei nahezu 40 Prozent. 4,3 Prozent der Patienten erlitten in diesem Zeitraum eine Fraktur. »Pro Jahr müssen wir mit mehr als 330.000 Frakturen rechnen, die osteoporose-bedingt sind.«

 

Analgetika bestimmen Medikation

 

Zwar lassen die Daten erkennen, dass die große Mehrheit der Patienten ambulant, vor allem von Orthopäden und Allgemeinmedizinern, diagnostiziert wird. Eine leitliniengerechte Therapie erhalten sie der Studie zufolge jedoch nicht, was den Vorteil der frühen Diagnose zunichte macht. »Nur 22 Prozent bekamen ein Arzneimittel, das die Osteoporose selbst und ihre Folgen vermeiden soll«, sagte Häussler. Dabei wurden Frauen doppelt so häufig gezielt medikamentös versorgt wie Männer, besonders hohe Chancen auf eine Therapie haben 50- bis 64-jährige Frauen. Aufgeschlüsselt erhielten 17 Prozent der Gesamtpopulation Calcium und Vitamin D, 10 Prozent Bisphosphonate, 8 Prozent Hormonpräparate. Fluoride, Calcitonin und SERMs lagen bei 1 bis 2 Prozent. Demgegenüber nahmen 90 Prozent und damit hochgerechnet sieben Millionen Osteoporosepatienten Schmerzmittel ein.

 

Bei den Kosten spielt die medikamentöse Therapie mit einem Anteil von 15 Prozent somit auch eine untergeordnete Rolle. Zudem entfielen hiervon fast zwei Drittel auf Analgetika, also auf die Symptombehandlung. Teuer werden die Patienten für die Krankenkassen erst durch eine Fraktur, das heißt die Folgen der Erkrankung: 56 Prozent der in 2003 angefallenen Kosten flossen in die stationäre Behandlung, weitere 17 auf die oft unausweichlich folgende Pflege. Insgesamt beliefen sich die Ausgaben 2003 auf 5,4 Milliarden Euro, womit die Osteoporose neben Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den teuren Volkskrankheiten zählt.

 

Leitlinien im Alltag implementieren

 

Auch wenn es nicht so scheint, evidenzbasierte Therapieleitlinien gibt es in Deutschland bereits seit einigen Jahren. Aufgestellt wurden sie vom Dachverband Osteologie der deutschsprachigen Wissenschaftlichen Gesellschaften (www.dv-osteologie.org), berichtete Professor Dr. Ludger Pientka von der Universitätsklinik Bochum. Neben der Langfassung stehen auch eine zweiseitige Kurzfassung »für die Kitteltasche« sowie eine Patientenleitlinie zur Verfügung. Doch nicht nur im Allgemeinen, sondern auch nach manifester Fraktur setzten hier zu Lande Mediziner diese nur ungenügend um, resümierte der Mediziner. Ein Interview von 5600 im Frakturregister erfassten Patienten hatte ergeben, dass sieben Monate nach einem Schenkelhalsbruch, der zu 90 bis 95 Prozent auf eine Osteoporose zurückzuführen ist, deutlich weniger als 10 Prozent eine leitliniengerechte Therapie erhielten. Rund 3,5 Prozent der Patienten erlitten in diesem Zeitraum eine erneute Fraktur.

 

Auch Professor Dr. Gerd Glaeske sieht eine Unterversorgung in der Therapie von Osteoporosepatienten und forderte, »mit dem Arzneimittel zu sparen und nicht am Arzneimittel«. Wichtig sei, die Kommunikation zwischen den Sektoren im Gesundheitswesen sowie die »Compliance« der Ärzte, was die Implementierung von Leitlinien angeht, zu verbessern. Verordnungsängste auf Grund von potenziellen Regressforderungen seien unbegründet, so der Bremer GEK-Berater.

 

Patienten intensiver beraten

 

Doch auch die Patienten selbst seien schuld mit an der fehlenden Therapie, da sie sie häufig schon nach der ersten Verschreibung abbrechen ­ vor allem wegen der komplexen Einnahmevorschriften, Nebenwirkungen und dem nicht wahrgenommenen Therapieeffekt. Ärzte und Apotheker müssten daher die Betroffenen über die Therapie und ihre Notwendigkeit stärker aufklären. Die Therapietreue ist zudem auf Grund der täglichen Einnahme niedrig. »Die wöchentliche Einnahme scheint Vorteile bei der Compliance zu bringen«, so Glaeske. Im zweiten Quartal diese Jahres wird zudem die Zulassung der 3-Monats-Spritze mit Ibandronat erwartet, was den individuellen Vorlieben der Patienten entgegenkommen und somit die Compliance steigern könnte.

 

An die Apotheker appellierte Glaeske, Knochendichtemessgeräte aus den Apotheken zu verbannen, um sich nicht den Vorwurf einzuhandeln, eine Osteodesitometrie aus ökonomischen Gründen durchzuführen. Selbst in der Arztpraxis sei ein ungezieltes Screening nicht effektiv und werde daher nicht erstattet. Nun müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, unter denen eine differenzierte und von der GKV-finanzierte Osteodensiometrie stattfinden kann.

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