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Schwangere sorgfältig beraten

21.02.2006
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Pharmacon Davos 2006

Schwangere sorgfältig beraten

 

Medikamente scheinen zur Schwangerschaft dazuzugehören: »80 bis 90 Prozent aller schwangeren Frauen nehmen Medikamente ein«, sagte Dr. Katja Renner, Apothekerin aus Wassenberg.

 

Nur zu einem kleinen Teil seien dies Arzneimittel, die die Frauen wegen einer Grunderkrankung wie Asthma oder Diabetes unbedingt benötigen. Die Medikamente sollen vor allem helfen, Schwangerschaftsbeschwerden wie Übelkeit und Sodbrennen in den Griff zu bekommen.

 

Bei der Wahl des Arzneimittels suchen werdende Mütter meist den Rat des Apothekers. Auf Grund der wenig aussagekräftigen Angaben in der Packungsbeilage und Fachinformation »zur Anwendung in der Schwangerschaft und Stillzeit« ist eine Aussage für oder gegen ein Medikament allerdings oft nicht einfach zu treffen. In diesen Fällen unterstützen zuverlässige Datenquellen, zum Beispiel der FDA, oder Beratungsstellen (siehe Kasten) den Apotheker bei der Risikoabschätzung.

Informations- und Beratungsstellen

Beratungsstelle für Embryonaltoxikologie, mail(at)embryotox.de, www.embryotox.de

Institut für Reproduktionstoxikologie, Medikamentenberatung in Schwangerschaft und Stillzeit, paulus(at)reprotox.de, www.reprotox.de

Institut für Klinische Pharmakologie Hannover, www.gyn.de

 

Generell sollten Schwangere nur Arzneimittel einnehmen, die gut erprobt sind und als nicht fruchtschädigend gelten. Bei innovativen Arzneistoffen liegen dagegen keine ausreichenden Erfahrungen zu deren embryotoxischem Potenzial vor. Das Risiko von Kombinationspräparaten kann wegen der Interaktionsgefahr nur schwer eingeschätzt werden. Daher sind Monopräparate zu bevorzugen. Da zwischen dem 15. und 60. Tag der Schwangerschaft die Organdifferenzierung stattfindet, ist das Risiko für Fehlbildungen am Embryo deutlich erhöht, wenn die werdende Mutter in dieser Zeit schädigende Substanzen aufnimmt. »In diesem sensiblen Zeitraum sollten Arzneimittel nur nach strenger Indikationsstellung eingenommen werden«, riet Renner.

 

Wenn Magen und Darm rebellieren

 

Etwa 40 Prozent der Frauen stößt die Schwangerschaft vor allem im ersten Trimenon übel auf. Eine Arzneitherapie ist in vielen Fällen aber nicht erforderlich: Oft hilft es schon, vor dem Aufstehen etwas zu essen, mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag zu verteilen und reichlich zu trinken. Erst bei starker Übelkeit sollten Antiemetika unter ärztlicher Kontrolle zum Einsatz kommen. Antihistaminika wie Dimenhydrinat oder Diphenhydramin mit der Indikation Schwangerschaftserbrechen unterliegen der Verschreibungspflicht und können nicht in der Selbstmedikation abgegeben werden.

 

Vor allem gegen Ende der Schwangerschaft reagiert häufig auch die Speiseröhre sauer auf den Nachwuchs: Etwa jede zweite werdende Mutter bekommt Sodbrennen. Erleichterung bringen dann vor allem Antacida wie Magaldrat und Hydrotalcit. Als Mittel der zweiten Wahl gilt der H2Rezeptorantagonist Ranitidin.

 

Die relaxierende Wirkung von Progesteron bremst in der Schwangerschaft die Magen-Darm-Peristaltik. Hinzu kommt, dass der wachsende Uterus die Verdauungsorgane zur Seite drängt. In der Folge leiden viele Frauen an Obstipation. »Quellmittel wie Flohsamen oder Osmolaxantien wie Lactulose gelten als unproblematisch«, sagte Renner. Vorsicht sei bei Klistieren geboten. Diese könnten gerade gegen Ende der Schwangerschaft zur Geburtseinleitung führen.

 

Was tun bei Erkältung?

 

Bei leichteren Erkältungsbeschwerden sollten Apotheker zunächst zu nicht medikamentösen Maßnahmen wie Bettruhe und ausreichender Flüssigkeitszufuhr raten. Werden die Symptome zu belastend für Mutter und Kind, so kann man bei Schnupfen eine Nasendusche oder ein Meerwasserspray empfehlen. Wenn überhaupt, sollten abschwellende Nasensprays niedrig dosiert und kurzfristig angewendet werden. Husten kann im zweiten und dritten Abschnitt der Schwangerschaft mit Ambroxol, Bromhexin und Acetylcystein gelöst werden; im ersten Trimenon nur bei strenger Indikationsstellung.

 

Auch Phytopharmaka sind mit Bedacht auszuwählen. Beispielsweise ist Huflattich in der Schwangerschaft kontraindiziert. Zum Hustenstillen eignet sich Renner zufolge Dextrometorphan am ehesten. Der Einsatz sollte wegen der Gefahr der Atemdepression beim Kind aber nur nach ärztlicher Rücksprache erfolgen.

 

Mittel der Wahl bei Schmerzen ist Paracetamol. Bis zum dritten Trimenon kann auch Ibuprofen in Einzeldosen eingesetzt werden. ASS sollte dagegen vor allem im dritten Trimenon wegen der Gefahr des vorzeitigen Verschlusses des Ductus arteriosus Botalli und der damit verbundenen Versorgungskomplikationen beim Kind gemieden werden. Vorsicht: Klagt die Schwangere über häufige Kopfschmerzen und hat zudem einen erhöhten Blutdruck (systolisch über 160 mm Hg, diastolisch über 110 mm Hg), könnte dies auf eine Präeklampsie hindeuten. Die Schwangere muss unbedingt sofort ärztlich versorgt werden.

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