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Pilotprojekt

Der Kiosk, der gesünder macht

14.02.2018
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Von Anna Pannen / In Hamburg haben sich Gesundheitsexperten vernetzt, um Menschen in Problemkiezen gesünder machen. In lokalen Beratungsstellen beantworten Fachleute Fragen, erläutern Arztbriefe und vermitteln Hilfe.

Wie gesund Menschen sind, hängt auch von ihrem Wohnort ab. Diese Tatsache ist nicht neu, wird aber immer wieder durch Studien untermauert. In Hamburg hatte eine Untersuchung der Kassenärztlichen Vereinigung zuletzt 2013 gezeigt, dass die Bewohner bestimmter Bezirke weit häufiger krank werden als die im Rest der Stadt. Besonders die als soziale Brennpunkte bekannten Stadtteile Billstedt und Horn fielen aus dem Rahmen.

Auffällig viele Menschen dort erkranken etwa an Diabetes mellitus. 30 Prozent der Einwohner sind deswegen in ärztlicher Behandlung. Im Gesamtraum Hamburg sind es 24 Prozent, in gutbürgerlichen Stadteilen wie Blankenese nur 14 Prozent. Auch psychische Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Rückenbeschwerden treten in Billstedt und Horn sehr viel häufiger auf als im Rest der Stadt. Nicht zuletzt haben die Einwohner auch eine geringere Lebenserwartung als ihre Nachbarn.

 

Vorreiter in Bayern

 

Dieser Zustand soll sich ändern. Der in Hamburg lebende Apotheker Helmut Hildebrandt hatte schon 2015 Ideen vorgelegt, wie man den Menschen in Billstedt und Horn helfen könnte. Hildebrandt hat Erfahrungen auf diesem Gebiet: 2003 hat er eine Firma gegründet, die Ärzte, Apotheken, Betriebe, Kommunen und Krankenkassen vernetzt, um besser zusammenzuarbeiten und die Bürger bestimmter Regionen gesünder zu machen. In Südbaden hat das schon einmal geklappt. Das Netzwerk »Gesundes Kinzigtal« ist seit Jahren erfolgreich und bekommt viel Lob. Für sein Engagement im Bereich der Integrierten Versorgung erhielt Hildebrandt die Ehrendoktorwürde der Universität Witten/Herdecke. Nun soll sich der Erfolg aus Baden in Hamburg wiederholen.

 

Vor einem Jahr gründete der Apotheker deshalb die Managementgesellschaft »Gesundheit für Billstedt/Horn«, der inzwischen 18 Arztpraxen, mehrere Ärzteverbände und ein Krankenhaus angehören. Pflegeheime und Krankenkassen sind als Kooperationspartner ebenfalls dabei. 16 Mitarbeiter arbeiten direkt für das Projekt, vernetzen die Akteure untereinander und mit den Anwohnern im Kiez. Finanziert wird das Ganze mit Mitteln aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses. Langfristig sollen die Kassen das Projekt finanzieren, schließlich kosten gesündere Menschen sie weniger.

 

Kern des Projekts ist der sogenannte Gesundheitskiosk, der im vergangenen Juli eröffnet hat: An zwei Standorten hat der Verein Räume angemietet, in denen speziell geschulte Mitarbeiter die Anwohner zu medizinischen Themen beraten und ihre Fragen beantworten. Die Idee dazu stammt aus Finnland: Dort finden sich ähnliche Beratungsläden – die sogenannten terveyskioski – traditionell in Einkaufszentren. Deren Mitarbeiter dürfen sogar impfen sowie Blutzucker- und Cholesterinwerte messen. Einen solchen Laden zu betreten scheint vielen Menschen leichter zu fallen, als sich mit ihren Fragen an einen Arzt zu wenden.

 

Beratung in acht Sprachen

 

Impfen dürfen die Mitarbeiter im Hamburger Gesundheitskiosk natürlich nicht, auch stellen sie keine Diagnosen und verschreiben keine Medikamente. Diese Aufgaben überlassen sie weiterhin den Fachleuten. Allerdings helfen sie eben dort, wo medizinische Themen im Alltag Probleme machen: Sie erklären Arztbriefe und Packungsbeilagen in einfachen Worten, und zwar nicht nur auf Deutsch, sondern auch in sieben weiteren Sprachen. Sie vermitteln Fachärzte, Pflege- und Sozialdienste, gerade auch an Menschen, die dazu selbst kaum in der Lage sind. Sie beraten zu gesunder Lebensführung etwa bei Diabetes oder Herzerkrankungen und schicken die Anwohner in Sport-, Rücken- oder Rauchentwöhnungskurse. Das Berater-Team besteht aus gelernten Arzthelfern, Krankenpflegern, Gesundheitswissenschaftlern und Präventionsexperten, auch eine gelernte Hebamme ist dabei.

 

Das Angebot kommt gut an. Seit Juli kamen bereits mehr als 1000 Ratsuchende in den Kiosk. Viele Ärzte schicken ihre Patienten inzwischen direkt dorthin und auch unter den Anwohnern hat sich herumgesprochen, dass einem dort geholfen wird. »Besonders häufig haben die Patienten Fragen zur besseren Orientierung im Gesundheitssystem«, erzählt Projektleiter Alexander Fischer. Viele wüssten etwa nicht, ob ihnen Pflegeleistungen zustehen und wo sie das erfahren. Besonders chronisch Kranke kämen in den Gesundheitskiosk, um Rat und Unterstützung einzuholen.

 

Und auch das Thema gesunde Lebensführung sprächen die Mitarbeiter immer wieder an. »Denn viele der gesundheitlichen Probleme hier stehen im Zusammenhang mit Rauchen, Bewegungsmangel oder Übergewicht.« Das Kiosk-Team will deshalb in seinen Räumen demnächst Herzsportkurse und Vorträge anbieten.

 

Das Thema Arzneimittel steht ebenfalls oft im Fokus der Beratungen. Gerade chronisch kranke Besucher nehmen manchmal eine ganze Reihe von Präparaten ein. Die Kiosk-Mitarbeiter helfen ihnen dann auch mal, eine Liste all dieser Medikamente zu erstellen. »Das Medikationsmanagement liegt aber weiterhin beim Arzt«, betont Fischer. Gelegentlich organisiere man für die Netzwerk-Ärzte außerdem CME-zertifizierte FORTA-Arzneimittelkonsile mit Fallbesprechungen aus den beteiligten Praxen. Die Leitung hat der Direktor der Abteilung Klinische Pharmakologie an der Uniklinik Mannheim, Professor Martin Wehling.

 

Apotheker ins Boot holen

 

Das Projekt-Team würde sich über eine Zusammenarbeit mit Apothekern im Stadtteil sehr freuen. Mitinitiator Hildebrandt ist schließlich selbst Apotheker. An seinem ersten Projekt in Südbaden sind ebenfalls Apotheken beteiligt. »Mit unserem Projektpartner Connected Health können wir Apothekern in Billstedt oder Horn zum Beispiel eine Software zur Verfügung stellen, mit der sie Patienten neben OTC-Medikamenten auch digitale Medikationspläne über die LifeTime-App direkt aufs Smartphone senden können. Der Patient kann diese Übersicht dann wiederum über eine Hardware in der Praxis dem Arzt übermitteln«, sagt Hildebrandt. Auch ansonsten sei man an Kooperationen sehr interessiert.

 

Für 2018 wünscht sich Hildebrandt, dass noch viele weitere Krankenkassen bei »Gesundheit für Billstedt/Horn« mitmachen, damit auch deren Patienten nach Ablauf der Förderung durch den Innovationsfonds alle Kiosk-Leistungen kostenlos bekommen können. Der beim Projekt engagierte Orthopäde Gerd Fass hofft auf noch mehr teilnehmende Praxen im Ärztenetzwerk. Auch Projektleiter Fischer hat einen Wunsch für dieses Jahr: »Ich wünsche mir, dass wir weiter quer durch alle Berufsgruppen auf Augenhöhe zusammenarbeiten, um die Versorgung der Patienten in Billstedt und Horn zu verbessern.« /

 

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