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Pharmagesponserte Studien

Raus aus den Fachjournals?

11.02.2014
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Sollen hochrangige medizinische Fachzeitschriften aufhören, pharmagesponserte Studien zu ver­öffentlichen? Diese Frage diskutieren Mitglieder der Redaktion im »British Medical Journal« (BMJ), in einem Pro- und Kontra-Artikel.

Einen Bann für Studien aus der Tabakindustrie gibt es im BMJ bereits, jetzt könnte die Pharmaforschung folgen. Die Zeitschrift publiziert seit Oktober 2013 keine Studien mehr, die von der Tabakindustrie teilweise oder ganz finanziert wurden. Hierfür führen Richard Smith, ehemaliger Herausgeber des BMJ, und Peter C. Gøtzsche, Leiter des Nordic Cochrane Center in Kopenhagen, zwei Gründe an: Zum einen sei die Forschung korrupt und zum anderen publizierten die Unternehmen ihre Studien, um ihre Produkte zu promoten, ungeachtet deren schädlicher Wirkung. Diese Argumente träfen auch auf pharmagesponserte Forschung zu – sogar in besonderem Maße. Denn verschriebene Medikamente seien die dritthäufigste Todesursache nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Zum Teil gehe dies auch auf fehlerhafte Ergebnisse in Veröffentlichungen zurück.

 

So sei zum Beispiel lange bekannt, dass pharmagesponserte Studien deutlich häufiger zu günstigen Ergebnissen für Firmen kommen als aus öffentlichen Mitteln finanzierte Studien. Vorteilhafte Ergebnisse würden veröffentlicht, negative fielen unter den Tisch. So werde die Hälfte aller Studien niemals publiziert. Zudem gebe es verschiedene Wege, die Daten zu manipulieren, damit die Ergebnisse günstig ausfallen, schreiben die beiden Autoren. Sie plädieren daher dafür, keine pharmagesponserten Studien im BMJ mehr zu veröffentlichen – was ein immenser Schritt wäre angesichts der Tatsache, dass zwei Drittel aller Publikationen in großen medizinischen Fachzeitschriften in diese Kategorie fallen.

 

Für das BMJ wäre das zudem mit erheblichen finanziellen Einbußen verbunden. Smith und Gøtzsche weisen darauf hin, dass Pharmafirmen Millionen US-Dollar für Sonderdrucke ihrer Studien ausgeben. Die Journals machten damit erheblichen Profit, und die Firmen verwendeten den Namen der Zeitschrift für die Bewerbung ihrer Präparate. Von diesem Interessenkonflikt sollten sich die Fachzeitungen befreien.

 

Transparenz statt Verbot

 

Für die Gegenseite führt die Stellvertretende Chefredakteurin des BMJ, Trish Groves, an, dass zwischen Tabak- und Pharmaindustrie erhebliche Unterschiede bestehen. Beide wollten unbestritten Geld verdienen, doch während die Tabakindustrie gesundheitsschädigende Produkte verkaufe, zielten die Produkte der Pharmaindustrie auf eine Gesundheitsförderung ab. Groves teilt zwar die von ihren Kollegen vorgebrachten Bedenken gegen pharmafinanzierte Forschung, doch sieht sie die Lösung nicht in einem Veröffentlichungsverbot, sondern in mehr Transparenz. Alle Studien müssten vor Beginn registriert werden. Zudem müsse sichergestellt sein, dass alle Ergebnisse publiziert und alle Daten auf Patientenebene auf Nachfrage verfügbar seien.

 

Beim BMJ seien bislang unveröffentlichte Studien ebenso willkommen wie »negative« Studien, die keinen Benefit einer Therapie nachweisen konnten. Von besonderem Interesse seien auch vergleichende Wirksamkeitsstudien, aus denen mehr für den klinischen Alltag zu lernen sei als aus placebokontrollierten Studien. Das BMJ hat zur Verbesserung der Transparenz eine Reihe von Richtlinien für Publikationen aufgestellt und berücksichtigt eine Studie nur, wenn die Autoren einer Herausgabe der anonymisierten Patientendaten zustimmen, schreibt Groves.

 

Die finanziellen Einbußen, die ein Veröffentlichungsverbot von pharmagesponserten Studien für das BMJ mit sich brächten, sieht Groves nicht als ausschlaggebendes Argument für ihre Kontra-Position. Dieses Risiko würde das BMJ eingehen. Auch Fiona Godlee, Chefredakteurin des Journals, hatte sich zu dieser Problematik kürzlich eindeutig positioniert. Wenn die unternommenen Anstrengungen nicht bald zu den nötigen Veränderungen bei industriegesponserten Studien führten, könnte das BMJ beschließen, diese nicht mehr zu veröffentlichen, so Godlee. Sie würde es darauf ankommen lassen, ob eine Redaktion einen solchen Beschluss überleben würde. /

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