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Osteoarthrose

Moderates Joggen, preiswerte Schuhe

14.02.2012  17:39 Uhr

Eine gute und eine schlechte Nachricht für Freizeitsportler. Die Gute: Normales Joggen belastet die Gelenke nicht übermäßig und verursacht keine Osteoarthrose. Die schlechte: Die meisten Menschen geben unnötig viel Geld für ihre Laufschuhe aus.

Auch für andere Sportarten kann Professor Dr. Gert-Peter Brüggemann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Sporthochschule Köln weitgehende Entwarnung geben. Beim Skilanglauf und beim Schwimmen entstehen zumindest bei gesunden Menschen keine Probleme an den Gelenken. In Untersuchungen lasse sich allerdings nachweisen, dass der Knorpel belastet wird, sagte Brüggemann. So steigt der Marker Cartilage Oligomeric Matrix Protein (COMP) bei körperlicher Belastung signifikant an. Das ist nicht verwunderlich, werden doch bereits bei moderatem Joggen (8 km/h) Knie- und Sprunggelenk mit dem vierfachen des normalen Körpergewichts belastet. Am Kniegelenk entsteht dadurch ein Druck, der je nach Körpergewicht des Läufers bis zu 6000 Newton betragen kann. Das Sprunggelenk muss immerhin noch 3000 Newton Druck abfedern. In zahlreichen Untersuchungen mit Läufern zeigte sich jedoch keine Evidenz dafür, dass diese häufiger an Osteoarthrose leiden als Nichtsportler. Im Gegenteil: Einige Studien lassen sogar vermuten, dass moderates Laufen einen positiven Effekt auf das Knorpelvolumen hat.

Für Menschen, die intensiv Sport betreiben, also 100 Kilometer und mehr pro Woche laufen, fällt Brügge­manns Bilanz nicht so gut aus. Hier zeigen sich, vor allem bei Extremläufern, häufiger osteoarthritische Entwicklungen an den Gelenken. Brüggemann: »Die Studienlage deutet darauf hin, dass die Belastung der Gelenke steigt, je weiter und je schneller ein Sportler läuft.« Diese Form der Bewegung führe auch zu einem dramatischen Anstieg des Markers COMP. Ab einem bestimmten Grad der Belastung seien dann arthrotische Entwicklungen nicht mehr zu verhindern.

 

Wie Brüggemann ausführte, werden Sprung- und Kniegelenke entgegen der landläufigen Meinung nicht beim Auftreten besonders stark belastet, sondern in der anschließenden Stützphase, also wenn die Sohle komplett auf dem Belag aufliegt. Für die meisten dürfte dies überraschend sein, Hersteller von Turnschuhen sollte es zu denken geben. Brüggemann: »Die Dämpfung von Laufschuhen hat wahrscheinlich gar keinen positiven Effekt auf die Gelenke.« Die Belastung beim Auftreten sei überschaubar, vor allem im Sprunggelenk. Auch beim Auftreten entsteht der höchste Druck wiederum im Knie. Dieser werde auch nicht kleiner, wenn die Laufschuhe zur Stabilisierung des Fußes seitlich verstärkt werden. Nach biomechanischen Messungen steige die Belastung im Knie sogar an.

 

Die wirklichen Risiken für die Ausbildung einer Osteoarthritis liegen also nicht im Laufen oder im Sport generell. Tatsächliche Risikofaktoren seien vielmehr eine abnormale Mechanik, das Alter, eine genetische Disposition, eine starke Belastung im Alltag und bei der Arbeit, sowie das Geschlecht (Frauen sind stärker gefährdet) und Adipositas.

 

Warum Adipositas die Gelenke schädigt, ist laut Brüggemann nicht abschließend aufgeklärt. Die naheliegende Vermutung, ein hohes Körper­gewicht belaste die Gelenke eben stärker, reiche als Erklärung nicht aus. Osteoarthrotische Veränderungen treten bei dicken Menschen auch an den Fingergelenken häufiger auf als bei Normalgewichtigen.

 

Wenn auch die Datenlage für Jogger recht erfreulich ist, wollte Brüggemann doch keine Absolution erteilen. Sein Fazit: Ob der Jogger von heute zum Gelenkpatienten von morgen wird, hängt zum einen von der aktuellen und individuell sehr unterschied­lichen mechanischen Belastung beim Laufen und zum anderen von den mechanischen Gewebeeigenschaften und den diese maßgeblich bedingenden langfristigen Vorbelastungen ab.

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