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Zur Diskussion gestellt

Kaufleute oder Heilberufler?

15.02.2011
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Von Friedemann Schmidt / Die schwierige wirtschaftliche Situation in unseren Apotheken nach dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) und die Fragen nach einer längerfristigen Perspektive haben in den letzten Woche zum Wiederaufleben einer alten Debatte geführt, die sich mit der Positionierung unseres Berufes zwischen kaufmännischen und professionellen Funktionen beschäftigt. Ich möchte dazu einen Diskussionsbeitrag leisten, der meine persönliche Meinung widerspiegelt.

Ich glaube, schon die Frage ist falsch gestellt. Kein ernstzunehmender Mensch wird bestreiten, dass der Beruf des Apothekers ein Heilberuf ist. Dies muss hier auch nicht weiter ausgeführt werden.

Dass Apotheker in der selbstständigen Form der Berufsausübung in einer Apo­theke auch Kaufmann, in der Mehrheit unserer Berufsträger Kauffrau sein müs­sen, ist rechtlich so geregelt und zumin­dest gegenwärtig auch nicht Gegen­stand einer politischen oder juristischen Debat­te. Schwieriger wird es, wenn der Begriff des Freien Berufes ins Spiel kommt.

 

Höchstpersönliche Leistungen

 

Dass Apothekerinnen und Apotheker zu den klassischen Freien Berufen gehören, ist keineswegs selbstverständlich und wurde in der Vergangenheit durchaus kontrovers diskutiert. Natürlich erbringen wir eine besondere geistige beziehungs­weise intellektuelle Leistung, natürlich bedarf es dazu einer anspruchsvollen und aufwendigen Ausbildung und natürlich – und das ist der ganz zentrale Punkt – dienen wir mit unserer Arbeit dem Gemeinwohl, indem wir die Verantwortung für einen ganz entscheidenden und sensiblen Bereich der Daseinsvorsorge übernehmen.

 

Schwieriger wird es allerdings in der Frage der »höchstpersönlichen Leistungserbringung«, einem äußerst bedeutsamen Merkmal freiberuflicher Tätigkeit. Nur in der höchstpersönlichen Form des Kontaktes mit dem Patienten kann das erfolgen, was den »freiberuflichen Charakter« der apothekerlichen Leistung ausmacht, nämlich die Individualisierung, der genau auf die Person des einzelnen Patienten abgestimmte Zuschnitt unseres Angebotes, das die gesundheitlichen, emotionalen und intellektuellen Verhältnisse des sich Anvertrauenden genauso berücksichtigt wie seine soziale und ökonomische Situation. Diese besondere Qualität der Leistungserbringung ist unverwechselbar, einzigartig, nicht standardisierbar und unersetzlich. Ihr Ergebnis ist im besten Falle ein zufriedener, in seinem Selbstwertgefühl gestärkter, aus intrinsischer Motivation therapietreuer und damit kostenbewusster Patient und ein guter Stammkunde für die Apotheke.

 

So ein Ergebnis ist heute nur noch im Ausnahmefall zu erzielen. Zu groß ist die Bürokratie, zu komplex sind die zu vermittelnden Zusammenhänge und zu stark ist der bereits eingetretene Vertrauensverlust in die Berechenbarkeit des Systems bei Patienten und Berufsträgern.

»Wir sollten alles dafür tun, Freiberufler zu bleiben.«

Aber sprechen diese Fakten gegen das System an sich? Ist es richtig, aufgrund der zugegebenermaßen desolaten Situation heute die Marschrichtung in die Zukunft zu ändern? Sind wir schon an dem Punkt, an dem wir feststellen müssen, dass das freiberufliche Modell sich als nicht tragfähig erwiesen hat und wir unser Heil in einer marktwirtschaftlichen Zukunft mit unternehmerischer Freiheit und Diversifizierung unseres Leistungsangebotes suchen sollten?

 

Ich glaube das nicht. Die Protagonisten eines Umdenkens werden mir jetzt ohnehin bereits widersprechen wollen und da­rauf hinweisen, dass es so nicht gemeint sei und man lediglich über eine weiter gefasste Ergänzung des Kernangebotes nachdenken müsse. Aber genau da liegt das Problem. Nicht ohne Grund sind die Leistungsfelder in allen klassischen Freien Berufen eng begrenzt und deutlich beschrieben. Ärzte dürfen keine Arzneimittel dispensieren, Anwälte keine Rechtsschutzversicherungen verkaufen. Ziel dieser Regelungen ist es nicht, Monopole zu konservieren oder dem Verbraucher sinnvolle Leistungsergänzungen vorzuenthalten. Ziel ist es, die Berufsträger freizustellen von Interessenkonflikten und ihnen die Konzentration auf die Kernaufgaben zu ermöglichen. Ziel ist letztlich der Vertrauensschutz der Patienten, Mandanten und Klienten. Und das Vertrauen der Patienten ist der Wert, von dem wir leben.

Selbstverständlich funktioniert das freiberufliche Modell nur, wenn der Staat seiner Verpflichtung gerecht wird, den Freiberuflern, deren Vergütung er aus Gemeinwohlgründen durch Gebührenordnungen reguliert, auch eine angemessene Lebensgrundlage zu gewährleisten. Auf unseren Beruf bezogen hieße das, dass eine Apothekerin oder ein Apotheker in eigener Niederlassung, der oder die über ausreichend Patienten verfügt und den Betrieb wirtschaftlich vernünftig organisiert hat, von der Versorgung der Patienten mit apothekenpflichtigen Arzneimitteln angemessen leben können muss.

 

Politik muss für Vergütung sorgen

 

An diesem apothekenpflichtigen Sortiment, dessen wirtschaftlicher Kern die verschreibungspflichtigen Arzneimittel sein müssen, hängt die gesamte Regulierung unseres Berufes. Der Umgang mit diesen Substanzen und nichts anderes rechtfertigt unsere Ausbildung, unsere Approbation, unsere Gebührenordnung, unsere Selbstverwaltungsrechte, unseren Sonderstatus bei der Rentenversicherung et cetera. Das ist nicht das Fundament, das ist das Gebäude!

 

Aus diesem Grund ist die Politik in der Pflicht, für eine angemessene und ausreichende Vergütung dieser Leistungen Sorge zu tragen. Das tut sie heute zweifellos nicht mehr. Aber daraus zu schließen, dass dies immer so sein wird und sich schon mal vorsorglich nach anderen substanziellen Einkommensquellen umzuschauen, entließe die Politik aus genau der Verantwortung, in die wir sie immer wieder nehmen müssen.

 

Ich möchte nicht missverstanden werden. Jeder ist – um im Bild des Gebäudes zu bleiben – frei, in seinem Garten das eine oder andere exotische Blümchen anzubauen. Wenn diese Blümchen das Haus zu überwuchern drohen, wird man sie zurückschneiden müssen. Eine Ausweitung des Sortimentes und Leistungsangebotes in arzneimittelfremde Bereiche gefährdet das Vertrauen unserer Patienten in unsere Kernkompetenz, bindet Ressourcen und entfernt die Berufsträger von ihrer Hauptaufgabe. Wir verzetteln uns schon heute in unzähligen Kleinkriegen mit Kostenträgern oder anderen Systembeteiligten auf genau diesem Gebiet, und das wäre nur der Anfang. Wenn wir unser Geschäftsfeld immer weiter auffächerten, würde sich schon eine Qualitätssicherung auf dem untersten zu tolerierenden Niveau zu einem permanenten Albtraum entwickeln.

 

Ich will nicht ausschließen, dass die Gesellschaft sich eines Tages dafür entscheidet, das Konzept der Freiberuflichkeit aufzugeben und die Berufsträger in den freien Markt zu entlassen. Momentan spricht dank der gerade überwundenen Finanzkrise allerdings mehr dagegen als dafür. Und solange das so ist, sollten wir alles dafür tun, Freiberufler zu bleiben. Gewerblichen Einzelhandel können andere besser und in diesen Topf möchte ich, bei allem Respekt vor den dort Tätigen, eigentlich auch nicht geworfen werden. Und nicht vergessen: Den Traum vom großen Gesundheitszentrum mit Apotheke träumen auch andere.

 

Auf Kommentare und Widerspruch freue ich mich. / 

Friedemann Schmidt ist Vizepräsident der ABDA und Inhaber der Apotheke Friedemann Schmidt in Leipzig.

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