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Trickreiche Therapieoptimierung

16.02.2010
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Galenische Maßnahmen der Retardierung können sowohl bei Monopräparaten als auch bei Kombinationsmitteln einen Beitrag zur Therapieverbesserung leisten. Beispiele aus der Praxis nannte Professor Dr. Werner Weitschies von der Universität Greifswald.

Es gibt eine Reihe von Gründen, weshalb eine retardierte Arzneistofffreisetzung sinnvoll ist. Weitschies führte einige wichtige davon zu Beginn seines Vortrages auf: die Vermeidung von schnellem Anfluten und Plasmaspiegelfluktuationen des Wirkstoffes, die Verlängerung der Wirkdauer, die Erhöhung der Wirksamkeit, chronopharmakologische Erwägungen und letztlich die Verbesserung der Compliance.

Am Beispiel der Calciumantagonisten aus der Gruppe der Dihydropyridine machte der Professor für Biopharmazie deutlich, warum zum Beispiel das schnelle Anfluten von Nifedipin nicht erwünscht ist. »Der daraus resultierende schnelle Blutdruckabfall kann eine reflektorische Tachykardie bedingen«, erklärte Weitschies. Daher gebe es so viele retardierte Nifedipin-Präparate. Im Falle eines anderen Vertreters der Dihydropyridine, Felodipin, gebe es sogar nur Retardarzneiformen auf dem Markt.

 

Weitschies warnte vor den sogenannten Food-Effekten dieser retardierten Formen. Demnach kann die Retention der Retardform durch Nahrung eine Akkumulation von freigesetztem Wirkstoff im Magen bewirken und den Effekt der Retardierung aufheben. »Vorsicht bei der Einnahme retardierter Präparate mit den Mahlzeiten.« Einige Stunden danach komme es nämlich zu deutlich überschießenden Effekten, die fast einem sogenannten Dose Dumping (plötzliche Freisetzung der gesamten Wirkstoffmenge) gleichkommen. Weitschies riet deshalb, retardierte Nifedipin-Felodipin-Präparate immer 30 Minuten vor dem Frühstück einzunehmen.

 

Von einem dritten Dihydropyridin, Amlodipin, gibt es im Gegensatz zu Nifedipin und Felodipin überhaupt keine Retardpräparate. »Amlodipin retardiert sich selbst«, begründete der Apotheker. Der Wirkstoff flute extrem langsam an, maximale Plasmaspiegel würden erst nach sieben bis neun Stunden erreicht.

 

Die Vermeidung von Plasmaspiegelfluktuationen spielt zum Beispiel bei Antiepileptika eine Rolle. »ZNS-relevante Nebenwirkungen von Valproinsäure können durch die Umstellung auf retardierte Präparate reduziert werden«, nannte Weitschies ein Beispiel. In diesem Zusammenhang ging der Apotheker auch auf die Aut-idem-Fähigkeit retardierter Antiepileptika ein. Seiner Meinung nach ist diese nicht gegeben und es kommt – teilweise mit einiger Verzögerung – zu neuen Anfällen. Die Diskussion »Originalprodukt versus Generikum« hält er für unsinnig. Das Problem sei die wahllose Substitution (zum Beispiel im Rahmen der Rabattverträge) bei Patienten, die bereits auf ein Mittel, egal ob Original oder Generikum, gut eingestellt sind.

»Vorsicht bei der Einnahme retardierter Präparate mit den Mahlzeiten.«

Unverständlich ist ihm auch, warum Epileptiker bei stationärer Behandlung auf die im Krankenhaus gelisteten Präparate umgestellt werden. Weitschies verwies in diesem Zusammenhang auf die Leitlinie der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) »Gute Substitutionspraxis«. Auch darin wird der Ersteinsatz von Generika als wenig problematisch angesehen. Als kritisch hingegen wird der Austausch bei bereits laufender Dauermedikation betrachtet.

 

»Bei einer Reihe von Arzneistoffen fehlen bislang funktionierende Retardformen«, konstatierte Weitschies. Einen Nutzen solcher Präparate sieht er zum Beispiel bei L-Dopa, α-Liponsäure und Schleifendiuretika wie Furosemid.

 

Im Rahmen seines Vortrages ging Weitschies ferner auf die Therapieziele von Kombinationspräparaten ein. Ein Grund sei zum Beispiel die Erhöhung der Effektivität durch Nutzen von Synergismen zur Behandlung einer Erkrankung. So bildet die Kombination aus Amlodipin und Valsartan ebenso einen wichtigen Synergismus wie die Verabreichung von Clavulansäure mit Penicillinen.

 

Auch bei Kombinationspräparaten ist es möglich, dass die Wirkstofffreigabe beider oder auch nur einer Komponente verzögert erfolgt. Das zeigte Weitschies am Beispiel des in den USA zugelassenen Präparates Augmentin XR. Dieses enthält neben einer Amoxicillin und Clavulansäure enthaltenden, schnell freisetzenden Schicht zusätzlich eine Retardschicht mit Amoxicillin. So kann länger eine hohe Amoxicillin-Konzentration aufrechterhalten werden. Wird das Mittel nüchtern eingenommen, so liegt die im Organismus verfügbare Menge an Amoxicillin deutlich unter derjenigen, die bei Einnahme nach oder zum Essen erreicht wird. Eine Einnahme nach dem Essen führt jedoch zu einer geringen Verfügbarkeit von Clavulansäure. Daher wird in der Patienteninformation von Augmentin XR empfohlen, das Mittel zu Beginn einer Mahlzeit einzunehmen.

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