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Krebstherapie

Bestrahlung von innen

16.02.2010
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Von Gudrun Heyn, Berlin / Die Selektive Interne Radiotherapie (SIRT) ist eine innovative Strahlenbehandlung. Im Gegensatz zur herkömmlichen Radiotherapie wird der Tumor nicht von außen, durch gesundes Gewebe hindurch, sondern von innen bestrahlt.

Für Patienten mit Lebertumoren und -metastasen gibt es mit der Selektiven Internen Radiotherapie auch dann noch eine Therapieoption, wenn alle herkömmlichen Behandlungsmethoden nicht mehr greifen. Für diese Bestrahlung von innen nutzen Mediziner kleine radioaktive Kügelchen aus Kunststoffharz (SIR-Spheres®), die sie bei einem minimal-invasiven Eingriff über die Leberarterie bis in das maligne Gewebe bringen. Da die Mikrosphären dabei feinste Kapillaren verschließen, wird in Fachkreisen auch von einer Radioembolisation (künstlicher Verschluss von Blutgefäßen) gesprochen.

Für Patienten, die nicht mehr operabel sind, nicht mehr auf eine Chemotherapie ansprechen oder diese nicht mehr vertrage, ist SIRT oft die letzte Hoffnung. Obwohl die Therapie mehr Lebenszeit für die Betroffenen bringen kann, ist sie in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Um dies zu ändern, hat die Charité zu einer ungewöhnlichen Maßnahme gegriffen und das Verfahren nun in einer Life-Operation Journalisten in Berlin vorgestellt.

 

Während des Eingriffs ist der Patient nur lokal betäubt. So kann er etwa auf Atemkommandos wie »Luft anhalten« des Ärzteteams reagieren. Zunächst führen die Mediziner einen Mikrokatheter in die Leberarterie ein. Anschließend bringen sie mehrere 100 000 Mikrosphären, die in 0,5 bis 1 ml Flüssigkeit angeliefert werden, mithilfe einer isotonischen Kochsalzlösung in Suspension, um sie dann über den Katheter in die Leber infundieren zu können.

 

Damit dabei so wenig gesundes Gewebe wie möglich geschädigt wird, ist vor dem eigentlichen Eingriff eine Test-Embolisation erforderlich. Sie findet 14 Tage vor dem Einbringen der radioaktiven Kügelchen statt. Über die Leberarterie wird dabei eine Substanz eingeleitet, die dem Strahler sehr ähnlich ist. »Wir beobachten, ob sie sich wirklich in den Tumoren anreichert und berechnen danach die notwendige Dosierung für den Patienten«, sagte Dr. Bernhard Gebauer von der Charité. Außerdem werden Gefäße, die zu anderen Organen ziehen, mit Metallspiralen verschlossen. So ist sichergestellt, dass die Sphären nicht etwa in den Magen oder den Zwölffingerdarm gelangen können und dort gesundes Gewebe schädigen.

Auf einem eigenen Monitor kann der Patient stets verfolgen, was in seinem Körper geschieht und etwa beobachten, wie der Mikrokatheter in seiner Arterie bis in die Lebergefäße vorgeschoben wird. Die aktuelle Lage des Katheters kontrolliert das Medizinerteam immer wieder durch die Gabe eines Röntgenkontrast­mittels. Neben größeren Blutgefäßen, Arteriolen und Kapillaren sind in der Röntgen-Darstellung auch die einzelnen Tumore in der Leber deutlich sichtbar. Für die Therapie selber ist es jedoch nicht notwendig, ihre genaue Anzahl und Lage zu kennen, denn über den Blutstrom erreichen die Mikrosphären die Tumore, egal wo sie sich in der Leber befinden. Mit einem Durchmesser von nur etwa 32 Mikron verfangen sich die Sphären in dem feinen Kapillarbett des malignen Gewebes und führen dort zu einer lokalen Bestrahlung.

 

Strahlende Kügelchen

 

Als Strahlenquelle dient der Beta-Strahler Yttrium-90, der in den Kunstharzkügelchen eingeschlossen ist. Im Gewebe hat er eine Reichweite von bis zu 4 Millimetern. Durch die Anreicherung zahlreicher Mikrosphären lassen sich hohe Dosen erreichen. So haben Studien gezeigt, dass bis zu 1000 Gray im Zentrum eines Tumorgewebes entstehen können. Die Therapiedauer beträgt etwa 14 Tage, danach ist bei einer Halbwertszeit von 64 Stunden nur noch etwa 3 Prozent der Strahlung erhalten. Doch etwa zwei Tage nach dem Eingriff können die Patienten bereits die Klinik verlassen. Eine erste Nachkontrolle wird sechs Wochen später durchgeführt.

 

Die Patienten profitieren vor allem durch die Verkleinerung der Tumore. So können etwa Leberkapsel-Schmerzen verhindert werden, die entstehen, wenn das Tumorvolumen zu groß wird. In Studien verlängerte sich auch das Überleben. »In unserer Phase-III-Studie unter australischer Führung konnten wir bei einzelnen Betroffenen sogar eine Lebenszeitverlängerung von bis zu zwei Jahren beobachten«, sagte Dr. Thomas Kroencke von der Charité. Eine Prognose sei jedoch immer schwierig, da Menschen mit primären oder sekundären Lebertumoren eine sehr unterschiedliche Vorgeschichte haben können.

 

Meist wird die Behandlung gut vertragen. Nach dem Eingriff sind Schmerzen im Oberbauch sowie Übelkeit und Erbrechen möglich. Prophylaktisch werden an der Charité daher Analgetika und Antiemetika eingesetzt. Auch Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Fieber können in der ersten Zeit auftreten. Pflegende Angehörige sollten dann besonders darauf achten, dass der Patient ausreichend Flüssigkeit und Nahrung zu sich nimmt.

 

Obwohl die Sphären und auch die Metallspiralen im Körper der Patienten verbleiben, kommt es durch SIRT zu keiner Verschlechterung der Blutversorgung des Organs. Grund ist eine Besonderheit der Leber, die sie einmalig unter den Organen und die SIR-Therapie erst möglich macht. Mehr als 80 Prozent ihres Blutes stammt aus der Pfortader, die aus dem Darm nährstoffreiches Blut herantransportiert und nur etwa 20 Prozent aus der Leberarterie. Dagegen versorgen sich die gefäßreichen Tumore fast ausschließlich mit arteriellem Blut. Wird nun das maligne Gewebe über die Leberarterie bekämpft, bleibt der Versorgungsweg über die Pfortader unangetastet. So wird das normale Gewebe kaum belastet.

 

Weit über 8000 Patienten in Europa und anderen Ländern der Welt sind bislang mit der Selektiven Internen Radiotherapie behandelt worden. In Deutschland ist die Methode seit Januar 2008 eine Leistung aller Krankenkassen. Doch nicht für alle Patienten mit Lebertumoren ist die Therapie geeignet, so etwa wenn das Organ bereits stark vorgeschädigt ist oder weitere schnell wachsende Tumore in anderen Körperteilen vorhanden sind. /

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