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Pharmaindustrie

Das Fusionskarussell dreht sich

02.02.2016  16:18 Uhr

Von Thomas Glöckner / Prall gefüllte Kriegskassen, Konkurrenzdruck durch Generikahersteller und die Lust am Steuern sparen treiben das Fusionskarussell in der Pharmabranche an. Die Firmen versuchen auf diese Weise, ihr Portfolio aufzupolieren.

Flemming Ornskov klang nicht sonderlich amüsiert. »Ihr mangelndes Interesse war überraschend«, schrieb der Chef des britisch-irischen Pharmakonzerns Shire seinem Kollegen Ludwig Hantson vom US-Konzern Baxalta. Dieser hatte es kühl abgelehnt, von den Europäern aufgekauft zu werden. Ein halbes Jahr später ist Ornskov dennoch am Ziel. Anfang Januar besserte er sein Angebot um 2 Milliarden Dollar auf und schluckt nun für 32 Milliarden Dollar das Bio-technologie-Unternehmen mit rund 6 Milliarden Dollar Jahresumsatz und 16 000 Beschäftigten.

Mit diesem Deal dreht sich das Fusionskarussell in der pharmazeutischen Industrie weiter auf Hochtouren. Schon 2015 summierten sich Fusionen und Übernahmen im Medizinsektor einer Übersicht des US-Datenspezialisten Dealogic zufolge auf 724 Milliarden Dollar – rund zwei Drittel mehr als 2014. »In diesem Jahr gehen die Auf­räumarbeiten weiter«, erwartet Branchenexperte Gerd Willi Stürz von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. »Pharmaunternehmen werden ihre Geschäftsfelder und Produktportfolios weiter kritisch prüfen und bei Bedarf neu justieren.«

 

Starke Position gesucht

 

So schnappt sich der Däne Ornskov, bis vor vier Jahren Marketingchef in der Pharmasparte des Bayer-Konzerns, mit Baxalta einen Hersteller, der sich auf Arzneimittel zur Behandlung seltener Krankheiten wie Bluterkrankungen, Immunstörungen und bestimmte Krebsarten spezialisiert hat. In diesem Segment hatte sich Shire bereits 2015 mit dem rund 5 Milliarden Dollar teuren Kauf des amerikanischen Konkurrenten NPS Pharma verstärkt. Hinzu war die 5,9 Milliarden Dollar teure Übernahme des US-Unternehmens Dyax gekommen, der das Shire-Angebot bei Präparaten gegen das hereditäre Angioödem ergänzt – jene seltene Erbkrankheit, die zu wiederkehrenden Schwellungen von Haut, Schleimhäuten und an inneren Organen führt. »Das zentrale Ziel heutiger Übernahmen und Fusionen ist der Aufbau einer starken Position in bevorzugten Therapiegebieten«, analysiert Pharmaexperte Michael Kunst von der Strategieberatung Bain.

 

Ironischerweise war Shire schon selbst Ziel einer Übernahme. Der US-Konzern Abbvie war bereit, für die Iren 55 Milliarden Dollar auszugeben, blies die Attacke aber im Oktober 2014 überraschend ab. Abbvie wollte mit der Übernahme den Firmensitz auf die britische Kanalinsel Jersey verlegen. Das sollte die Steuerquote von 22 auf 13 Prozent drücken. Als die amerikanische Regierung erste Maßnahmen ergriff, um derartige Steuerfluchten zu erschweren, bekam das Abbvie-Management kalte Füße. Shire kassierte 1,6 Milliarden Dollar Entschädigung – Geld, das Shire nun für die Übernahme von Baxalta nutzen kann.

 

Beliebtes Übernahmemodell

 

Shire folgt mit Baxalta der größten Übernahme des vergangenen Jahres – der Übernahme des kalifornischen Botox-Herstellers Allergan durch Pfizer für rund 160 Milliarden Dollar. Mit Allergan verfolgt auch Pfizer das bei US-Konzernen beliebte Übernahmemodell: Man lässt sich formal von einem irischen Konzern übernehmen und vermeidet damit die relativ höhere Körperschaftssteuer in den USA. Allergan hatte dies vorgemacht, als sich der Konzern 2014 für 66 Milliarden Dollar von der irischen Firma Actavis übernehmen ließ und diese sich anschließend in Allergan umbenannte. An die irische Adresse war Actavis erst 2013 gekommen, als das Unternehmen den Verhütungsmittelhersteller Warner Chilcott schluckte.

Diese Hütchenspiele auf der Insel sollen sich möglichst schnell rechnen. »Dafür werden steuerliche Vorteile gern mitgenommen«, bestätigt Stürz. So kalkuliert Pfizer-Chef Ian Read, dass sein Unternehmen schon ein Jahr nach dem vollzogenen Zusammenschluss die Steuerquote von aktuell 25 Prozent auf 17 bis 18 Prozent senken kann.

 

Das Übernahmefieber packt die Pharmaindustrie in einer Phase, in der sie vordergründig von einem Innovationsboom profitiert. Allein die US-­Arzneimittelbehörde FDA ließ 2015 insgesamt 45 neue Wirkstoffe zu – so viele wie seit Mitte der 1990er-Jahre nicht mehr. Auch in Deutschland liegt die Zahl der Neuzulassungen nach Angaben des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen über dem langjährigen Durchschnitt. »Die Unternehmen prüfen aber regelmäßig, mit welchen Geschäftsbereichen sie in Zukunft erfolgreich sein wollen«, erläutert Stürz. Kaum ein Akteur der grassierenden Fusionitis hat ausschließlich Bestseller im Angebot. »Den wenigsten Pharmaunternehmen gelingt es, ihre Forschung und Entwicklung für konstanten Medikamentennachschub in Schwung zu halten«, sagt Berater Kunst, »Patentabläufe bescheren der Branche daher immer wieder Probleme.«

 

So konnte Pfizer in den ersten neun Monaten des laufendes Geschäftsjahres zwar bereits 408 Millionen Dollar mit seinem neuen Brustkrebsmittel Palbociclib (Ibrance®) umsetzen, bei dem eine Jahresbehandlung 100 000 Dollar kosten kann. Das reichte aber noch nicht einmal, um den Umsatzverlust beim Bestseller Atorvastatin (Lipitor®) – 1,4 Milliarden Dollar entsprechen einem Minus von 6 Prozent – auszugleichen. Vom Schmerzmittel Celecobix (Celebrex®) landete mit 640 Millionen Dollar sogar weniger als ein Drittel des Vorjahres-Umsatzes in der Konzernkasse. Patentabläufe bremsten das Geschäft. Unterm Strich stand nach drei Quartalen beim Pfizer-Umsatz in Höhe von 34,8 Milliarden Dollar ein Minus von 5 Prozent. Der Gewinn war sogar um 10 Prozent auf 7,1 Milliarden Dollar geschrumpft.

 

Pfizer an der Spitze

 

Mit Allergan katapultiert sich Pfizer bei einem gemeinsamen Umsatz von mehr als 60 Milliarden Dollar nun erneut an die Branchenspitze. Pfizer erhält beispielsweise das Geschäft mit dem Faltenglätter Botox® (Clostridium botulinum Toxin Typ A), der Allergan in den ersten neun Monaten 1,3 Milliarden Dollar Umsatz einbrachte, und die Ciclosporin-Augentropfen (Restasis®), mit denen das Unternehmen im gleichen Zeitraum 683 Millionen Dollar erlöste.

 

Aufkäufer Ornskov muss ebenfalls Problemfälle verkraften. Von den zehn meistverkauften Shire-Medikamenten büßte in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2015 jedes zweite Umsatz ein. So brachen die Verkäufe von Idursulfase (Elaprase®), einem Präparat zur Behandlung des Hunter-Syndroms, um 10 Prozent auf 406 Millionen ein. Die Umsätze mit dem Fabry-Syndrom-Präparat Agalsidase alfa (Replagal®) gingen sogar um 14 Prozent auf 326 Millionen Dollar zurück. Bestseller Lisdexamfetamin (Vyvanse®), ein Mittel zur Behandlung der Aufmerksamkeits­defizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), legte mit 1,3 Milliarden Dollar um fast ein Fünftel zu. Damit schaffte Shire insgesamt beim Umsatz ein Plus von knapp 6 Prozent auf 4,7 Milliarden Dollar. Allerdings schrumpfte der Gewinn um mehr als 17 Prozent auf rund 1 Milliarde Dollar.

 

Damit kann sich ein ehrgeiziger Manager wie Ornskov nicht zufriedengeben. Binnen fünf Jahren will er den Shire-Umsatz auf 20 Milliarden Dollar mehr als verdreifachen und für die Aktionäre »signifikante Werte schaffen«. Innovationen aus den Baxalta-Labors hat er dafür fest einkalkuliert. /

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