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Australien

Extra-Honorar für Extra-Kompetenz

31.01.2012
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Von Jochen Pfeifer und Andreas Niclas Förster / Australiens Apotheker erhalten seit 2010 mehr Geld für die pharmazeutische Betreuung ihrer Patienten. Verbunden mit der Honoraranpassung sind schärfere Anforderungen an ihre Arbeit.

Jeder Australier ist gesetzlich verpflichtet, in die staatliche Krankenversicherung »Medicare« einzuzahlen, ähnlich wie bei der in Deutschland diskutierten Bürgerversicherung. Als Basis des einzuzahlenden Beitrags dient das zu versteuernde Einkommen. Der Beitrag ist abhängig von der Einkommenshöhe und liegt bei 1,5 oder 2,5 Prozent des Einkommens.

 

Begrenzte Leistungen

 

Im Unterschied zum deutschen Gesundheitssystem sind die Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung in Australien erheblich eingeschränkt. Kostenlos sind Krankenhausaufenthalte sowie ambulante Behandlungen bei solchen Ärzten, die Medicare-Patienten akzeptieren. Viele Australier haben daher zusätzlich auch private Versicherungen abgeschlossen.

Darüber hinaus gibt es in Australien das sogenannte Pharmaceutical Benefit Scheme (PBS), das 1948 von der australischen Regierung ins Leben gerufen wurde und die Kosten rezeptpflichtiger Arzneimittel subventioniert. Diese sind auf einer Positivliste aufgeführt. Bevor ein Arzneimittel in das PBS aufgenommen wird, prüft ein von der Regierung eingesetztes Institut das Kosten-Nutzen-Verhältnis.

 

Seit 1990 gibt es Vereinbarungen zwischen der Pharmacy Guild of Australia (vergleichbar mit der ABDA) und der australischen Regierung über die Höhe der Vergütung öffentlicher Apotheken für die Versorgung der Bevölkerung mit PBS-Medikamenten. Das aktuelle Abkommen gilt bis Mitte 2015. Insgesamt erhalten die rund 5000 öffentlichen Apotheken in Australien 15,4 Milliarden Australische Dollar über einen Zeitraum von fünf Jahren.

 

Im Rahmen dieses Vertrags wurden die Honorare der Apotheker für pharmazeutische Betreuungsleistungen erhöht. Damit verbunden wurden jedoch zugleich schärfere Anforderungen an die öffentliche Apotheke. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über das aktuelle Abkommen für Apotheken unter besonderer Berücksichtigung pharmazeutischer Betreuungsprogramme gegeben werden.

 

344 Millionen Australische Dollar werden öffentlichen Apotheken in Australien für die Durchführung sogenannter Pharmacy Practice Incentives (PPI), zur Verfügung gestellt. Dabei geht es um bestimmte pharmazeutische Leistungen, die extra honoriert werden.

 

Nur mit Akkreditierung

 

Um an dem PPI-Programm teilnehmen zu können, müssen sich die Apotheker zunächst akkreditieren. Darüber hinaus müssen sie bestimmte Ergebnisse nachweisen, das heißt, in den folgenden sechs Bereichen nachweislich aktiv gewesen sein.:

 

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Dose Administration Aids: Dies entspricht in etwa den verschiedenen Formen der Verblisterung in Deutschland. Zusätzlich zur Verblisterung besteht die Aufgabe des Apotheker darin, Patienten-Compliance und Adhärenz sicherzustellen.

Clinical Interventions: Dies entspricht grob den Anforderungen an ein Medikations-Management nach dem ABDA-KBV-Modell mit zusätzlichen pharmazeutischen Betreuungsleistungen für Arzt und Patienten.

Staged Supply ist eine besondere Form des Stellens von Arzneimitteln für bestimmte Patientengruppen, etwa Patienten mit psychischen Erkrankungen, die extra honoriert wird.

Primary Health Care: Dieser Bereich bezieht sich auf pharmazeutische Betreuungsleistungen auf den Gebieten Diabetes, COPD/Asthma, kardiovaskuläre Erkrankungen und der Gesundheitsförderung und Versorgung von Patienten mit psychischen Erkrankungen, wobei mindestens zwei dieser Gebiete von den Betreuungsleistungen erfasst werden müssen, um extra honoriert zu werden. Dabei gehen die Leistungen über das hinaus, was derzeit als pharmazeutische Beratung in deutschen öffentlichen Apotheken angeboten oder gefordert wird. Ebenso in diese Gruppe gehört der Bereich Health Promotions, das sind aktive Gesundheitsfördermaß­nahmen durch den Apotheker.

Community Service Support: Apotheker, die an mindestens zwei von insgesamt fünf der sogenannten Community Service Support-Programme teilnehmen, erhalten ein Extrahonorar. Zu diesen Programmen zählen: Austausch von Spritzen für Drogenabhängige, Substitutions-Programme (vergleichbar mit den deutschen Methadon-Programmen), Rücknahme unerwünschter Medikamente, Fortbildung des Personals und E-Health.

Working with Others: die Zusammenarbeit des Apothekers mit dem behandelnden Arzt und anderen Gesundheitsberufen wird ebenfalls vorausgesetzt und extra honoriert.

Apotheker auf Hausbesuch

 

Eine weitere Aufgabe des Apothekers sind sogenannte Home Medicines Reviews (HMR). Mit diesem und ähnlichen Programmen sowie einer Reform der Ausbildung der Apotheker wurde in Australien ein Standard entwickelt, der weltweit herausragend ist.

 

Bei den Home Medicines Reviews wird geprüft, ob der Patient vom Arzt das zu den Indikationen passende Medikament verordnet bekommen hat und ob der Patient es auch tatsächlich richtig anwendet. Diese Betreuungsleistungen der Apotheker finden teilweise bei Hausbesuchen statt.

 

Ähnlich wie beim PPI-Programm werden auch zur Durchführung von Home Medicines Reviews sehr hohe Anforderungen an die klinisch-pharmazeutischen Kenntnisse und die kommunikativen Fähigkeiten der beratenden Apotheker gestellt. Nur akkreditierte Apotheker dürfen solche HMR ab­rechnen.

 

Diese australischen Strukturen bieten interessante und nachahmenswerte Aspekte auch für die deutsche inhabergeführte öffentliche Apotheke. Eine entsprechende Umsetzung in Deutschland wird nur mit einer Verschärfung der Anforderungen an die Kompetenz des betreuenden öffentlichen Apothekers erfolgen können. Erforderlich sind daher weitere Fortbildungsmaßnahmen. Neue Formen der Honorierung werden in Deutschland dann möglich, wenn den Krankenkassen auch neue, zusätzliche Leistungen – wie in Australien – angeboten werden können. Ausgehend vom Status quo können solche durchaus aufgebaut werden. /

 

Literatur bei den Autoren

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