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ADHS

Junge und alte Zappelphilippe

24.01.2018
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Nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene ­leiden unter Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Während es für den pädiatrischen Bereich mehrere ­Medikamente gibt, sind Zulassungen für erwachsene Patienten rar. Professor Dr. Michael Huss von der Johannes Gutenberg-­Universität Mainz stellte das Portfolio für beide Bereiche vor und verwies auf deren Besonderheiten.

»Methylphenidat ist bei Kindern der Goldstandard«, sagte Huss. Das ebenfalls zu den Stimulanzien zählende Prodrug Lisdexamfetamin sei noch etwas stärker wirksam, aber nur für die Zweitlinientherapie zugelassen. Ein weiteres Stimulans, Amfetamin, und die beiden Nicht-Stimulanzien Atomoxetin und retardiertes Guanfacin sind weitere Therapieoptionen bei ADHS im Kindesalter. Für erwachsene Patienten gebe es deutlicher weniger zugelassene Therapieoptionen, so der Referent. Nur Atomoxetin und retardiertes Methylphenidat stünden zur Verfügung. Huss informierte jedoch über eine Studie in Japan, die von ­Guanfacin auch bei Erwachsenen gute Effekte belegt hat.

 

Kombi wünschenswert

 

Der Mediziner ging im Folgenden detaillierter auf den Wirkstoff Guanfacin ein, einen Agonisten an postsynaptischen α2A-Rezeptoren. »Der Wirkstoff wird Methylphendidat niemals vom Thron stoßen«, stellte Huss klar. Die Nebenwirkungsrate sei im Vergleich zur Therapie mit einem Stimulans viel höher. Aber es sei dennoch gut, dass er zur Verfügung steht. »Guanfacin verbessert die Aktivierung relevanter Neuronen.« Huss sprach von einer direkten Aktivierung der Signalwirkung. Aus seiner Sicht macht es pharmakologisch Sinn, den Wirkstoff mit einem Stimulans zu kombinieren. Untersuchungen hätten gezeigt, dass das zusätzliche positive Effekte habe. Während es in anderen Ländern erlaubt ist, zu kombinieren, darf Guanfacin in Deutschland jedoch nur als Monotherapeutikum verwendet werden.

 

Mit dem Wirkeintritt von Guanfacin kann man Huss zufolge nach zwei bis drei Wochen rechnen. Während bei Atomoxetin sogar Wochen bis Monate vergehen, seien bei den Stimulanzien erste Veränderungen schon nach Einnahme der ersten Tablette zu erkennen.

 

Huss informierte, dass die Therapieoptionen ein unterschiedliches Nebenwirkungsprofil besitzen und man auch deshalb im Einzelfall entscheiden muss, welches Mittel das richtige ist. Beispielsweise senken Stimulanzien den Appetit und führen zur Gewichtsabnahme und sind daher für kleine und untergewichtige Kinder nicht gut geeignet. Dagegen führe Guanfacin in den ersten Wochen häufig zu Somnolenz, Sedierung und Fatigue. »Das muss unbedingt im Vorfeld kommuniziert werden«, sagte Huss.

 

Vormedikation beachten

 

Ärzte sollten vor der Verordnung eines ADHS-Medikaments auch berücksichtigen, wie die Vormedikation aussah und welche Komorbiditäten bestehen. So informierte der Mediziner, dass zum Beispiel ein zuvor schon mit Methyphenidat behandeltes Kind anders auf ein Nicht-Stimulans reagiert als ein thera­pienaives. Unter Umständen sei dann der Einsatz von Atomoxetin in der Zweitlinie zu hinterfragen. Liegen beim Patienten zum Beispiel zusätzlich Tic-Störungen oder ein Tourette-Syndrom vor, könne Methylphenidat bei diesen Erkrankungen zur Symptomverschlechterung führen. Guanfacin habe dagegen gute Effekte bei Tic-Störungen gezeigt.

 

Lässt sich die Therapie durch feine Dosisoptimierung zu Behandlungs­beginn verbessern? Die Antwort heißt eindeutig Ja. Huss: »Sowohl bei der Funktionalität als auch bei der Symptomkontrolle hat es Vorteile gebracht, optimal zu titrieren und sich dafür Zeit zu nehmen.«

 

Für den Mediziner ist es ein Meilenstein, dass die Europäische Arzneimittelagentur mittlerweile fordert, dass in Studien mit ADHS-Medikamenten nicht nur die Symptomkontrolle im ­Fokus ist, sondern auch die Funktionalität. Es werden Belege dafür gefordert, dass es den Patienten unter der Medikation im Alltag besser geht.

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