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Gesundheitskarte

Praxistest in Heilbronn

23.01.2007  17:11 Uhr

Gesundheitskarte

Praxistest in Heilbronn

Von Sven Siebenand, Heilbronn

 

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte wird häufig als »Jahrhundertprojekt im Gesundheitswesen« bezeichnet. Nun geht es wieder einen Schritt voran. Baden-Württemberg steht in den Startlöchern zur Erprobung der Karte in der Praxis. Auch das Einlösen von Rezepten in Apotheken wird dabei getestet.

 

Heilbronn ist bundesweit die erste Testregion, die in sogenannten dezentralen Anwendertests in Arztpraxen, Apotheken und im Krankenhaus die Funktionalität der elektronischen Gesundheitskarte im Zusammenspiel mit dem elektronischen Heilberufsausweis testen wird. Ab sofort werden Ärzte und Apotheker in Heilbronn angeschrieben und zur Teilnahme aufgefordert. Rund 25 Arztpraxen, bis zu zehn Apotheken, ein Krankenhaus sowie 10.000 Versicherte werden für den Test benötigt. Die Patienten erhalten von ihrer Krankenkasse zusätzlich zur Versichertenkarte die neue elektronische Gesundheitskarte.

 

Im Sommer werden die elektronische Gesundheitskarte und der Heilberufsausweis dann in die nächste Testphase übergehen, informierte Dr. Rolf Hoberg, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg auf einer Pressekonferenz in Heilbronn. Im Wesentlichen sollen dann drei Dinge getestet werden: Zum einen werden die Versichertenstammdaten aus der Karte ausgelesen. Dazu geht der Patient in die teilnehmende Arztpraxis. Dort werden seine Stammdaten in das Praxisverwaltungssystem eingelesen.

 

Außerdem zählen auch das Ausstellen und Einlösen von elektronischen Rezepten zum Feldtest. Der Arzt speichert die Rezepte auf der Karte, die teilnehmenden Apotheken lesen sie dann wieder aus. Während der Testphase benötigen Arzt und Apotheke aus abrechnungstechnischen Gründen allerdings weiterhin die derzeitige Krankenversichertenkarte beziehungsweise ein Papierrezept. Darüber hinaus können auf der Karte Notfalldaten des Patienten gespeichert werden, auf die ein Arzt oder Krankenhaus im Ernstfall zurückgreifen kann.

 

Die nun beginnenden Tests starten zunächst offline, so Hoberg. Der Übergang in die Online-Phase sei im Projektplan der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) zum Jahresbeginn 2008 vorgesehen. Zudem sei ein Test mit 100.000 Versicherten in den Regionen Heilbronn, Ingolstadt und Bochum/Essen geplant. Seit einigen Wochen werden bereits andere Funktionen der elektronischen Gesundheitskarte in Flensburg sowie in Löbau/Zittau getestet.

 

Arzneimittelsicherheit steigt

 

Der Präsident der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, Dr. Günther Hanke, bezeichnete den Testbeginn in Heilbronn als ein Etappenziel: »Mit der elektronischen Gesundheitskarte machen wir einen weiteren Schritt im System der patientenindividuellen, sicheren Arzneimittelversorgung durch die Vor-Ort-Apotheke«. Für die Vernetzung aller Beteiligten im Gesundheitswesen sei die elektronische Verständigung von bisher völlig getrennten Systemen eine zwingende Voraussetzung. Diese Struktur stelle alle Leistungserbringer auf eine Stufe. »Der Apotheker als Arzneimittelfachmann wird damit noch stärker in den Ablauf der Behandlung eingebunden«, sagte Hanke. Die Probleme bei getrennten Systemen mit unterschiedlichen Stammdaten lägen bei nicht eindeutigen oder falschen Bezeichnungen von Arzneimitteln, nicht konsistenten Angaben zu Wirkstoffstärke, Darreichungsform oder Dosierung sowie Informationen zu Rückrufen, Außervertriebnahmen und Nachfolgeprodukten. Die Vernetzung könne daher die Datenqualität bei Verordnungen verbessern. »Das erhöht letztlich die Sicherheit und damit die Qualität der Arzneimittelversorgung«, hob Hanke den Patientennutzen hervor.

 

Es sei »ein guter Tag für das Gesundheitswesen in Baden-Württemberg«, sagte Dieter Hillebrand, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes Baden-Württemberg. Auch er begrüßte, dass das Projekt nach dreijähriger Vorarbeit nun von der Theorie in die Praxis übergeht. In den nächsten Wochen und Monaten gehe es vorrangig darum, Ärzte und Apotheker, ihr Personal sowie Klinikmitarbeiter an die elektronische Gesundheitskarte und den Heilberufsausweis heranzuführen. Die Landesregierung engagiere sich bei der Einführung neuer Technologien. Sie stelle diese aber auch auf den Prüfstand. Deshalb habe die Regierung der Hochschule Heilbronn einen Forschungsauftrag erteilt. Die Erwartungen und Erfahrungen der ersten Nutzer der elektronischen Gesundheitskarte in Heilbronn sollen ermittelt und ausgewertet werden. Auch der Einsatz der Karte bei Hausbesuchen, in Pflegeheimen und bei Notfällen soll wissenschaftlich untersucht werden. »Ärzte, Apotheker und Krankenhäuser wollen nutzerfreundliche, sichere und preiswerte Lösungen«, betonte der Staatssekretär.

 

Darauf wies auch Dr. Nikolaus Boesen von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg hin. Für den Praxisalltag befürchtet er Störungen im zeitlichen Ablauf. »Es gibt noch einiges zu tun und zu reparieren«, so der Mediziner. Wenig praktikabel und zeitaufwendig sei zum Beispiel, dass der Arzt nicht wie bisher jedes Rezept, sondern jede Verordnung einzeln signieren muss. Auch für den Ablauf in Gemeinschaftspraxen sah Boesen Verbesserungsbedarf. Die flächendeckende Ausgabe der ektronischen Gesundheitskarte an Versicherte ist für 2008 geplant.

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