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Magersucht

Ein Leben für die Waage

17.01.2018
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Von Annette Mende, Berlin / Für Patienten mit Magersucht ist es das höchste Ziel, immer weiter abzunehmen. Dazu treiben sie neuen Erkenntnissen zufolge nicht nur ein verqueres Schönheitsideal, sondern auch die Gene. Die Erkrankung wird daher mittlerweile nicht mehr ausschließlich als psychische Krankheit, sondern auch als metabolische angesehen.

»Das Selbstwertgefühl von Patienten mit Magersucht wird im Wesentlichen durch das Dünnsein bestimmt«, sagte Professor Dr. Beate Herpertz-Dahlmann von der Uniklinik Aachen bei ­einem Symposium der Leibniz Gemeinschaft und der Schering Stiftung im Dezember in Berlin. Auffälligstes Kennzeichen der Erkrankung ist ein ausgeprägter Gewichtsverlust, daneben sind extremes Sporttreiben, Fasten und eine Körperschemastörung charakteristisch. »Die Patienten empfinden sich als zu dick, obwohl sie eigentlich sehr dünn sind«, erklärte Herpertz-Dahlmann.

 

Frauen oder vielmehr Mädchen erkranken sehr viel häufiger als Jungen. Auf 10 bis 20 weibliche Patienten kommt laut der Expertin ein männ­licher. Dieses Verhältnis habe sich trotz anderslautender Medienberichte in den vergangenen Jahren auch nicht ­geändert. »Bei den Mädchen ist im Alter zwischen 15 und 19 Jahren jedes 100. bis 200. betroffen.« Essstörungen, zu denen die Magersucht gehört, seien die dritthäufigsten chronischen Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters. Gerade die Magersucht ist dabei besonders gefährlich; sie ist laut Herpertz-Dahlmann die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeit. Gegenüber der Allgemeinbevölkerung ist die Mortalität sechsfach erhöht.

 

Folgen der Unterernährung

 

Für den noch jungen Körper sind die Folgen der Unterernährung drastisch. Es kommt zu einer Störung des endo­krinen Systems: Die Schilddrüsenhormone werden herunterreguliert, das Stresshormon Cortison wird vermehrt gebildet und die Sexualhormone werden gedrosselt. Bei Mädchen bleibt in der Folge die Monatsblutung aus beziehungsweise es verzögert sich die Puber­tät. »Auch auf die Gehirnentwicklung wirkt es sich negativ aus, wenn Estrogen über einen längeren Zeitraum fehlt«, sagte Herpertz-Dahlmann.

 

Neben den Hormonen werden auch Neurotransmitter bei starker Unter­ernährung weniger gebildet, etwa Sero­tonin. Da viele Anorektiker auch depressiv sind, erschwert das die Therapie erheblich. »Bei sehr starkem Unter­gewicht wirken Antidepressiva nicht mehr«, sagte die Psychiaterin. Auch häufige Komorbiditäten der Mager­sucht wie Angsterkrankungen und – bei Männern – Zwangsstörungen hingen mit dem serotonergen System zusammen.

 

Was treibt einen Menschen dazu, trotz dieser drastischen negativen Folgen die Nahrungsaufnahme zu verweigern? Hierzu wurden gerade erst im September 2017 elementar neue Erkenntnisse veröffentlicht, so Herpertz-Dahlmann. Im »American Journal of Psychiatry« berichteten Forscher um Dr. Laramie Duncan von der Stanford University, dass eine Mutation in einem bestimmten Genort auf Chromosom 12 das Risiko für Magersucht signifikant erhöht. Es zeigten sich zudem ausgeprägte genetische Korrelationen mit dem Metabolismus einschließlich Body-Mass-Index, Glucose- und Lipidstoffwechsel (DOI: 10.1176/appi.ajp.­2017.16121402). »Diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass wir die Magersucht nicht mehr nur als psychische Störung, sondern auch als metabolische Erkrankung ansehen«, sagte die Referentin.

 

Um dem gängigen Schönheitsideal nahezukommen, machen fast alle Mädchen – und viele Jungen – irgendwann eine Diät. Die jetzt entdeckte ­genetische Prädisposition könnte erklären, warum aus dem vorübergehenden Abnehmen bei manchen krankhaftes Hungern wird. Hinzu kommen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die für Patienten mit Anorexia nervosa charakteristisch sind: ein vermindertes Selbstwertgefühl und ein negatives Selbstkonzept, aber auch ein großes Verantwortungsbewusstsein, hohe moralische Anforderungen an sich selbst und häufig eine hohe Intelligenz. »Es sind nicht nur negative, sondern auch sehr positive Eigenschaften«, ­betonte Herpertz-Dahlmann.

Die Therapie ruht auf vier Säulen: Ernährungstherapie, Information, Gewichtszunahme und psychotherapeutische Behandlung. Letztere findet nach Möglichkeit immer unter Ein­beziehung der Familie statt. »Wir sehen die Eltern heute als wichtigste Kotherapeuten«, sagte die Expertin. Eine Schuldzuweisung an die Familie, wie sie früher üblich war, sei wissenschaftlich nicht haltbar und müsse unterbleiben. Problematisch sei, dass es bei chronisch Magersüchtigen zu einer Atrophie des Gehirns komme. »Diese Patienten bringen nicht mehr die kognitiven Möglichkeiten mit, auf die Therapie einzugehen und sie zu verstehen.« Um die körperlichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Psychotherapie zu schaffen, müssten die Patienten daher zunächst gewichtsstabilisiert werden.

 

Hier stellt sich ein weiteres Problem, dessen man sich in der Forschung gerade erst bewusst zu werden beginnt: das Mikrobiom. Durch die geringe Nahrungsaufnahme und die sehr häufig vegetarische Ernährung verändert sich die Zusammensetzung der Darmmikrobiota bei Magersüchtigen komplett. Das veränderte Mikrobiom trage höchstwahrscheinlich auch zu einem Anstieg der Entzündungsparameter bei, so Herpertz-Dahlmann. Bei einer stationären Aufnahme würden die Patienten abrupt auf eine normale Mischkost umgestellt. »Welche Konsequenzen die dadurch ausgelöste Umstellung im Mikrobiom hat, wissen wir nicht.«

 

Geänderte Sicht

 

Das bessere Verständnis der physio­logischen Zusammenhänge hat die Sicht auf die Magersucht verändert. »Man unterstellt dem Patienten keine Willkür mehr, denn man weiß, dass viele Verhaltensweisen nicht intendiert, sondern auf den Hungerzustand zurückzuführen sind«, erklärte Herpertz-Dahlmann. So sei es beispielsweise heute nicht mehr üblich, den Patienten das intensive Sporttreiben zu verbieten. Stattdessen versuche man, Art und Menge der Bewegung auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. »Die Aufgabe des Therapeuten ist es, mit dem Pa­tienten zusammen eine Möglichkeit zu finden, wie dieser sein Selbstwertgefühl über andere Dinge fördern kann als über sein Gewicht«, fasste sie zusammen. /

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