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Diagnostika-Industrie

Unsicherheitsfaktor Schnelltests

19.01.2010  15:30 Uhr

Von Martina Janning, Berlin / Die Hersteller von Laborbedarf blicken zuversichtlich in das Jahr 2010. Leichte Sorgenfalten bereiten ihnen nur die Schnelltests – allen voran die Blutzuckerteststreifen für Typ-2-Diabetiker. Die unklare künftige Kassenerstattung bremse das Geschäft schon jetzt.

Kein Krisenkater in der Diagnostika-Branche. Die große Mehrheit der Hersteller von Labortests blickt hoffnungsfroh ins Jahr 2010: Mehr als die Hälfte erwartet, dass ihre wirtschaftliche Situation in laufenden Jahr besser oder sogar deutlich besser wird. Das ergab eine Umfrage des Verbands der Diagnostica-Industrie (VDGH) unter seinen rund 90 Mitgliedsfirmen.

Demnach erwarten fast 80 Prozent der Unternehmen wachsende oder stark wachsende Umsätze; nur knapp 8 Prozent rechnen mit rückläufigen Erlösen. Als Folge soll es mehr Arbeitsplätze geben: Knapp 61 Prozent der Produzenten wollen zusätzliche Mitarbeiter einstellen, berichtete der VDGH vergangene Woche in Berlin. Er repräsentiert nach eigenen Angaben etwa 90 Prozent des Branchenumsatzes.

 

Hauptgeschäft mit der GKV

 

Uneins sind die Firmen beim Geschäft mit den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV): Fast ein Drittel rechnet mit einem Zuwachs, ein Viertel mit Einbußen und rund 42 Prozent erwarten einen gleichbleibenden Umsatz. »Das Hauptgeschäft der Diagnostika-Industrie findet nach wie vor mit der GKV statt«, erläuterte VDGH-Vorsitzender Dr. Jürgen Schulze die Bedeutung der Krankenkassen. Zudem ist Deutschland dem Verband zufolge der wichtigste Diagnostika-Markt in Europa. »Die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland sind daher für unsere Industrie von besonderer Bedeutung«, sagte Schulze.

 

Insbesondere beim Thema »Schnelltests« gehen die Einschätzungen der Anbieter auseinander. Die meisten Firmen glauben an höhere Umsätze, einige befürchten aber rückläufige Einnahmen. Als Grund dafür nannte Schulze die anstehende Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) darüber, ob die Kassen denjenigen Typ-2-Diabetikern, die kein Insulin spritzen müssen, Blutzuckerteststreifen weiterhin erstatten. Das beträfe etwa sechs Hersteller, sagte Schulze. Er berichtete weiter, dass bei den Ärzten schon jetzt große Unsicherheit herrsche, ob sie Typ-2-Diabetikern Blutzuckerteststreifen noch verordnen dürfen oder nicht, seit das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) seinen Abschlussbericht dazu veröffentlicht hat.

 

Darin stellte das Institut Mitte Dezember 2009 fest: »Entgegen der weit verbreiteten Annahme gibt es keinen Beleg dafür, dass nicht insulinpflichtige Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes von einer Zuckerselbstmessung profitieren. Es ist zudem unklar, ob der Blut-Test gegenüber dem Urin-Test einen Zusatznutzen aufweist oder umgekehrt.«

 

Der VDGH bemängelte methodische Schwächen des Berichts. Das IQWiG habe die Selbstkontrolle des Blutzuckers nicht als Bestandteil eines umfassenden Schulungs- und Behandlungskonzepts beurteilt, die verwendeten Methoden seien nicht zur Bewertung von Teststreifen geeignet und die einbezogenen Studien hätten zu kurze Laufzeiten gehabt.

 

Umsatz sinkt schon vor Beschluss

 

»Wir sehen eine Bremsspur des Abschlussberichts«, sagte VDGH-Geschäftsführer Dr. Martin Walger. Es gebe ein »Negativwachstum, obwohl es noch keinen Beschluss des GBA gibt«. Nach Verbandsschätzungen hatte das Wachstum bei den Schnelltests schon 2009 leicht um 0,4 Prozent auf 813,2 Millionen Euro Umsatz abgenommen. Im klassischen Labormarkt schätzt der VDGH das Geschäftsergebnis auf 1,34 Milliarden Euro, was einem Plus von 2,4 Prozent entspricht.

Ingesamt stieg der Umsatz der Diagnostika-Branche im Jahr 2009 um 1,3 Prozent auf 2,16 Milliarden Euro. Damit sei das Wachstum zwar geringer als in den Vorjahren ausgefallen, »angesichts der Umsatzeinbrüche anderer Branchen aber respektabel«, betonte Schulze in Berlin.

 

Ob sich die Erwartungen der Branche für das laufende Jahr erfüllen, hängt nach Meinung des VDGH-Vorsitzenden von den Weichenstellungen in der Gesundheitspolitik und von der Selbstverwaltung der Krankenkassen und Ärzteschaft ab. Den Ankündigungen der schwarz-gelben Koalition, das Gesundheitswesen innovationsfreundlich zu gestalten und die Krankheitsvorbeugung zu stärken, müssten jetzt Taten folgen.

 

Der Verband fordert ein zügiges Aufnahmeverfahren für innovative Labortests, eine angemessene Honorierung von Laborleistungen und die Übernahme sinnvoller Verfahren zur Früherkennung in den Leistungskatalog der GKV.

 

Gerne sähe der Verband der Diagnostica-Industrie Sekundär- und Tertiärprävention mehr gefördert. »Bisher liegt der Fokus viel zu sehr auf der Primärprävention«, befand Schulze. Positiv am Standort Deutschland bewerteten die befragten Firmen den hohen Standard der klinischen Forschung sowie die Qualität und Zuverlässigkeit der Mitarbeiter. /

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