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Notaufnahmen

17.01.2006  10:24 Uhr

Ausstellung

Notaufnahmen

von Conny Becker, Berlin

 

Weihnachten ist vorbei und somit auch die Zeit der Spendengalen und der größten Hilfsbereitschaft. Die Not von Menschen in Krisengebieten hält jedoch an, worauf eine Fotoausstellung von »Ärzte ohne Grenzen« eindrücklich aufmerksam macht.

 

Innerhalb von Minuten ohne Familie, Zuhause, Lebensgrundlage. Der Schock, den die Flutwelle des Tsunami vor mehr als einem Jahr bei den Menschen an der indonesischen Küste zurückgelassen hat, sitzt tief und kann ohne fremde Hilfe kaum überwunden werden. Die Enge der Notunterkünfte und die fehlende Privatsphäre bereiten der Psyche häufig zusätzlichen Stress. Überdies ist das Land vom jahrzehntelangen Bürgerkrieg gezeichnet. Bei ständiger Militärpräsenz spielen Kinder wie selbstverständlich mit MGs aus Holz und noch immer suchen Menschen mit Schusswunden medizinische Hilfe.

 

In der zerstörten Küstenstadt Banda Aceh, fernab von den Touristenstränden Thailands oder Sri Lankas, leisten die Mediziner von »Ärzte ohne Grenzen« auch jetzt noch medizinische und psychosoziale Hilfe. Während in anderen vom Tsunami betroffenen Gebieten die meisten Schäden beseitigt sind, stellt der Wiederaufbau der Häuser und der Infrastruktur in Indonesien, eines der korruptesten Länder der Welt, ein riesiges Problem dar, berichtet Dr. Tankred Stöbe in einem Gespräch mit der PZ. Der am Gemeinschaftskrankenhaus Havelshöhe in Berlin tätige Mediziner war Anfang 2005 zwei Monate in Aceh und unterstützte im dortigen Hospital die Notaufnahme, Chirurgie und Intensivstation. Es war nicht das erste Mal, dass der 36-Jährige seinen Urlaub aufsparte, um in einer Krisenregion zu arbeiten. Und doch schockierte ihn das Ausmaß der Naturkatastrophe. »Die Not ist viel größer als das, was Ärzte leisten können, und die Hilfe viel länger nötig, als Fernsehkameras am Ort sind«, schildert der Mediziner und bedauert, dass er das Erlebte zu Hause so schwer vermitteln kann.

 

Eindrückliche Bildersprache

 

Hier kann ihm nun die Arbeit von Sebastian Bolesch helfen, der auf seine Weise mit der Katastrophe in Indonesien umging. Der Berliner Fotojournalist, der auch für Magazine wie den Spiegel, Stern oder Times fotografiert, begleitete rund zwei Wochen lang die Arbeit von »Ärzte ohne Grenzen«. 20 seiner Bilder, die er in Indonesien und auch in Bangladesch machte, zeigt die Hilfsorganisation derzeit in einer Wanderausstellung durch ganz Deutschland. Hier dokumentieren auch die Fotos von Ton Kroene, Ron Haviv, Tom Craig und Alessandro Cosmelli die Arbeit der Mediziner in Krisenregionen wie dem Sudan, der Demokratischen Republik Kongo oder Usbekistan, und verdeutlichen die Not der Menschen.

 

Zusammengefasst sind die Bilder unter dem beziehungsreichen Ausstellungstitel »Notaufnahmen«. Jedes Bild spricht für sich, erzählt eine eigene Geschichte. In der hektischen Betriebsamkeit des Berliner Bahnhofs Friedrichstraße, dem ersten Ausstellungsort, bleiben viele Passanten stehen. Anfangs mit Neugierde, dann wie gebannt, stehen sie vor den Bildern mit den Blicken nach Erklärungen suchend. Manch einem läuft wohl ein Schauer über den Rücken, wenn er den Bildhinweis zu einer künstlerischen, ja ästhetischen Aufnahme im graugrünen Schimmerlicht liest, die die Arbeit in einem Operationssaal zeigt. In dem von »Ärzte ohne Grenzen« eingerichteten Hospital in Bunia, Kongo, werden täglich mindestens 26 Kriegsverletzte operiert.

 

Die Not der Katastrophen-, Kriegs- und Seuchenopfer ist noch längst nicht vorbei, auch wenn sie medial nicht (mehr) aufgearbeitet wird - darauf möchte die Hilfsorganisation mit der Ausstellung hinweisen. Die Fotos, die auch in Galerien oder Museen hängen könnten, sind dazu bewusst im Alltag der Menschen platziert. Irritiert nimmt der Betrachter den Gegensatz von weit entfernten und doch so berührenden menschlichen Notsituationen und seinem eigenen westlichen Lebensstil wahr: Die fünf Ausstellungswände stehen in der Bahnhofspassage zwischen Burger King und Bodyshop.

Ausstellungstermine

Die Ausstellung »Notaufnahmen« ist noch bis zum 26. Januar im Bahnhof Friedrichstraße zu sehen. Anschließend werden die Bilder in Mannheim Hbf (29. Januar bis 11. Februar), Dresden-Neustadt (14. bis 27. Februar), München Hbf (3. bis 12. März), Essen Hbf (15. bis 24. März) und Frankfurt am Main Hbf (27. März bis 5. April) gezeigt. Der Eintritt ist frei.

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