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Vier neue Wirkstoffe zum Jahresende

12.01.2016  11:27 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler, Kerstin A. Gräfe, Annette Mende und Sven Siebenand / Im vergangenen Jahr sind insgesamt 35 neue Wirkstoffe auf den Markt gekommen. Nummer 32 bis 35 sind die Krebsmedikamente Blinatumomab gegen Leukämie und Cobimetinib gegen Hautkrebs sowie das Antibiotikum Ceftolozan und Lumacaftor gegen Mukoviszidose.

Die akute lymphatische Leukämie (ALL) ist eine seltene, rasch fortschreitende Krebserkrankung des Blutes und des Knochenmarks. Derzeit stehen mit Chemotherapie, Bestrahlung und Immuntherapien nur begrenze Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die meisten Erkrankten erleiden einen Rückfall und für diese Patienten beträgt das durchschnittliche Gesamtüberleben etwa drei bis fünf Monate. Mit dem Antikörper Blinatumomab ist seit Dezember ein neuer innovativer Therapieansatz auf dem Markt.

<typohead type="1">Blinatumomab

 

Blinatumomab (Blincyto® 38,5 µg Pulver für ein Konzentrat und Lösung zur Herstellung einer Infusionslösung, Amgen) darf zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit Philadelphia Chromosom negativer (Ph-) B-Zell-Vorläufer-ALL eingesetzt werden, die auf andere Therapien nicht (mehr) angesprochen haben.

 

Blinatumomab ist der erste Vertreter der sogenannten BiTE-Antikörper (bi-specific T-cell engager). Diese werden so konzipiert, dass sie als Brücke zwischen Krebszellen und T-Zellen fungieren. Über die vom Antikörper gebildete Brücke kann die T-Zelle direkt Proteine und Enzyme in die Tumorzelle einschleusen, die dort den programmierten Zelltod auslösen. Im Fall von Blinatumomab binden der eine »Greifarm« an CD19 auf der Oberfläche von Krebszellen und der andere an CD3 auf der Oberfläche von T-Zellen.

 

Blinatumomab wird in Behandlungszyklen als Dauerinfusion verabreicht. Ein einzelner Zyklus umfasst vier Wochen, auf die jeweils ein zweiwöchiges behandlungsfreies Intervall folgt. Vor Therapiebeginn sollten die Patienten intravenös 20 mg Dexamethason erhalten. Zudem sollten sie während der ersten 48 Stunden jedes Zyklus' Antipyretika bekommen. Des Weiteren wird empfohlen, den Patienten prophylaktisch vor und während der Blinatumomab-Behandlung eine intrathekale Chemotherapie zu verabreichen, um einem Rezidiv im Zentralnervensystem vorzubeugen.

Während der Therapie können mehrere schwere Nebenwirkungen der Grade 3 oder 4 auftreten, die ein Abbrechen zwingend erforderlich machen. Dauert die Unterbrechung nicht länger als sieben Tage, kann der Zyklus fortgesetzt werden. Ansonsten muss ein neuer Zyklus begonnen werden. Falls die Toxizität länger als 14 Tage andauert, bedingt dies in der Regel einen finalen Therapieabbruch. Zu den schwer­wiegenden Nebenwirkungen zählen unter anderem neurologische Ereignisse wie Enzephalopathie, Krampfanfälle, Sprach- und Bewusstseinsstörungen sowie Verwirrtheit und Koordinationsstörungen. Es wird daher empfohlen, die Patienten vor Behandlungsbeginn neuro­logisch zu untersuchen.


Patienten engmaschig beobachten

 

Zudem traten in den Studien lebens­bedrohliche oder tödliche virale und bakterielle Infektionen sowie Pilzinfektionen auf. Die Patienten sollten dahingehend überwacht werden. Bei 0,5 Prozent der Patienten trat in den klinischen Studien ein lebensbedrohliches oder tödliches Zytokinfreisetzungs-Syndrom (CRS) auf. Symptome eines CRS können Fieber, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Hypotonie, erhöhtes Gesamtbilirubin und Übelkeit sein, die meistens zwei Tage nach Behandlungsbeginn auftraten. In der Regel ist ein Absetzen von Blinatumomab nicht nötig, die Patienten sollten aber engmaschig auf diese Anzeichen überwacht werden. Des Weiteren wurde in den Studien ein Tumorlyse-Syndrom beobachtet, das ebenfalls lebensbedrohlich oder tödlich sein kann. Daher gilt es, den Flüssigkeitshaushalt und die Nierenfunktion besonders im Blick zu haben. Gleiches gilt für die Leberwerte, da unter der Therapie bei 28 Prozent der Patienten ein Anstieg der Transaminasen beobachtet wurde. Zudem wurde über Patienten mit MRT/CT-Befunden des Gehirns berichtet, die einer Leukenzephalopathie entsprachen. Zwar wurde im Rahmen der Zulassungsstudien kein Fall von progressiver multifokaler Leukenzephalopathie bekannt, dennoch sollten die Patienten auf Anzeichen wie Sprach- und Bewegungsstörungen und Lähmungen beobachtet werden.


Für Stillende tabu

 

Kontraindiziert ist der neue Wirkstoff bei Stillenden. Auch Schwangere sollten ihn nicht erhalten, es sei denn, der mögliche Nutzen überwiegt das potenzielle Risiko für den Fetus. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während und bis zu mindestens 48 Stunden nach der Infusion von Blinatumomab zuverlässig verhüten.

 

Die Zulassung basiert auf den Ergebnissen der beiden Phase-II-Studien '211 und '206. An der Studie '211 nahmen 189 ALL-Patienten teil, die Blinatumo­mab als Dauerinfusion erhielten. Im ersten Zyklus betrug die Anfangsdosis 9 μg/Tag für Woche 1, dann 28 μg/Tag für die verbleibenden drei Wochen. Die Zieldosis von 28 μg/Tag wurde in Zyklus 2 und in allen folgenden Zyklen jeweils ab Tag 1 angewendet. Als primärer Endpunkt war die Rate kompletter Remission (CR) oder kompletter Remission mit einer partiellen hämatologischen Erholung (CRh*) innerhalb zweier Zyklen von Blinatumomab definiert. Diesen erreichten 42,9 Prozent der Patienten (81 von 189).

Die Studie '206 untersuchte die Wirksamkeit und Sicherheit von Blinatumomab in einer offenen Dosis-Eskalations-Studie an 36 ALL-Patienten, die bei vorherigen Behandlungen mit standardmäßiger Chemotherapie oder allogener Stammzelltransplantation einen Rückfall erlitten hatten. Die Patienten erhielten für 28 Tage Blinatumomab gefolgt von zwei Wochen Behandlungspause für bis zu fünf Behandlungszyklen. Verabreicht wurde Blinatumomab als kontinuierliche intravenöse Infusion mit einer anfänglichen Dosis von 5 oder 15 µg/Tag. Die Dosis wurde im Verlauf der Behandlung auf 30 µg gesteigert. 69,4 Prozent der Patienten (25 von 36) erreichten den primären Endpunkt (Rate an CR/CRh*).

 

Zu den häufigsten schwerwiegendsten Nebenwirkungen zählen Infektionen, neurologische Ereignisse, Neutropenie/febrile Neutropenie, CRS und Tumorlyse-Syndrom. Als sehr häufige unerwünschte Wirkungen traten infusionsbedingte Reaktionen, Infek­tionen, Fieber, Kopfschmerzen, periphere Ödeme, Übelkeit, Hypokaliämie, Verstopfung, Anämie, Husten, Durchfall, Neutropenie, Bauchschmerzen, Schlaflosigkeit sowie Fatigue und Schüttelfrost auf.

 

Blincyto ist bei 2 bis 8° Celsius im Kühlschrank zu lagern.

 

>> vorläufige Bewertung: Sprunginnovation

 

<typohead type="1">Ceftolozan

Im Dezember 2015 kam ein neues Antibiotikum auf den deutschen Markt: Zerbaxa® 1 g/0,5 g Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung von der Firma MSD. Enthalten ist darin neben dem bekannten β-Laktamase-Hemmer Tazobactam das neue Cephalosporin Ceftolozan. Wie die anderen Vertreter dieser Wirkstoffklasse wirkt Ceftolozan bakterizid über die Bindung an wichtige Penicillin-bindende Proteine, was zur Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese und damit zum Zelltod führt. Die Kombination mit Tazobactam ist sinnvoll. Denn β-Laktamasen ermöglichen den Bakterien den Abbau von β-Laktam-Antibiotika wie Ceftolozan, wodurch sie gegen die Wirkung des Antibiotikums resistent werden.

 

Zugelassen ist Zerbaxa zur Behandlung von Erwachsenen mit komplizierten intraabdominellen Infektionen, mit akuter Pyelonephritis sowie mit komplizierten Harnwegsinfektionen.

 

Vergleiche mit Levofloxacin und Meropenem

Alle acht Stunden erfolgt die Gabe einer Dosis mit 1 g Ceftolozan und 0,5 g Tazobactam als Infusion über einen Zeitraum von einer Stunde. Die Behandlungsdauer beträgt in Abhängigkeit von der behandelten Infektion und dem Ansprechen auf das Arzneimittel vier bis 14 Tage. Bei Patienten mit mäßig bis stark eingeschränkter Nierenfunktion sowie bei hämo­dialysepflichtigen Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz sollte der Arzt die Dosis laut Fachinformation herabsetzen. Kontraindiziert ist das neue Präparat bei Patienten, die überempfindlich gegen andere Cephalosporin-Antibiotika sind oder bei denen eine schwere Überempfindlichkeit gegen andere β-Laktam-Antibiotika wie Penicilline vorliegt.

In einer Studie mit 1083 Patienten, die überwiegend an Niereninfektionen und in einigen Fällen an einer komplizierten Harnwegsinfektion litten, wurde Ceftolozan mit Levofloxacin ver­glichen. In der Cephalosporin-Gruppe konnten 85 Prozent der Patienten erfolgreich behandelt werden, mit dem Gyrasehemmer 75 Prozent der Patienten. Eine andere Studie umfasste circa 1000 Patienten mit komplizierten intra­abdominellen Infektionen. Hier wurde Ceftolozan mit dem β-Laktam-Antibiotikum Meropenem verglichen. In beiden Gruppen führte die Behandlung bei 94 Prozent der Patienten zur Heilung.

In Studien unter Behandlung mit Ceftolozan/Tazobactam häufig beobachtete Nebenwirkungen waren Thrombozytose, Hypokaliämie, Schlaflosigkeit, Angst, Kopfschmerzen, Schwindel, Hypotonie, Übelkeit, Diarrhö, Verstopfung, Erbrechen, Bauchschmerzen, Ausschlag, Fieber sowie erhöhte Alanin-Aminotransferase- und Aspartat-Aminotransferase-Werte.

 

Kühl lagern

 

Schwangeren sollte der Arzt das neue Präparat nur dann verordnen, wenn der erwartete Nutzen die möglichen Risiken für die Frau und den Fetus übersteigt. Bei Stillenden ist zu entscheiden, ob das Stillen zu unterbrechen ist oder ob auf die Behandlung mit Zerbaxa verzichtet beziehungsweise diese unterbrochen wird. Dabei müssen sowohl der Nutzen des Stillens für das Kind als auch der Nutzen der Therapie für die Frau berücksichtigt werden.

 

Abschließend ein Hinweis zur Lagerung: Zerbaxa muss vor Licht geschützt im Kühlschrank bei 2 bis 8° Celsius gelagert werden.

 

>> vorläufige Bewertung: Analogpräparat

 

<typohead type="1">Cobimetinib

Mit Cobimetinib (Cotellic® 20 mg Filmtabletten, Roche) steht seit Dezember ein neues Medikament zur Behandlung von Patienten mit Hautkrebs zur Verfügung. Es darf eingesetzt werden bei Erwachsenen mit fortgeschrittenem, metastasiertem oder nicht operablem Melanom und positivem Nachweis einer BRAF-V600-Mutation. Der neue Kinasehemmer muss dabei stets mit Vemurafenib kombiniert werden.

 

Wie Vemurafenib greift Cobimetinib in den MAPK (Mitogen-aktivierte Proteinkinasen)-Signalweg ein, der unter anderem beim malignen Melanom entgleist sein kann. Er besteht aus den vier hintereinandergeschalteten Enzymen RAS, RAF, MEK und ERK, die Stoffwechselvorgänge der Zelle regulieren. Vemurafenib hemmt selektiv die mutierte BRAF-V600-Kinase, Cobimetinib hingegen MEK. Den MAPK-Signalweg auf zwei Stufen zu hemmen, bietet einen Vorteil gegenüber der Hemmung auf lediglich einer Stufe.

 

Einnahme unabhängig von den Mahlzeiten

Cobimetinib wird in Zyklen zu 28 Tagen gegeben. Der Patient nimmt dabei an den Tagen 1 bis 21 einmal täglich 60 mg Cobimetinib ein. Das entspricht jeweils drei Filmtabletten à 20 mg, die zusammen mit Wasser als Ganzes geschluckt werden sollen. Die Einnahme kann entweder mit oder ohne Nahrung erfolgen. An die 21-tägige Behandlungsphase schließt sich eine Pause von sieben Tagen an.

Hat der Patient eine Einnahme vergessen, kann diese bis zu zwölf Stunden vor der nächsten Dosis nachgeholt werden. Bei Erbrechen nach der Einnahme darf der Patient am selben Tag keine weitere Dosis einnehmen, sondern soll die Behandlung am nächsten Tag fortsetzen. Das Auftreten von Toxizitäten kann eine Unterbrechung, die Reduzierung der Dosis oder das Absetzen von Cobimetinib und/oder Vemurafenib notwendig machen. Ist die Dosis von Cobimetinib einmal reduziert worden, soll sie zu einem späteren Zeitpunkt nicht wieder erhöht werden.

 

Zur Anwendung bei schwerer Nierenfunktionsstörung sowie bei mäßiger oder schwerer Leberfunktionsstörung liegen keine Daten vor; sie sollte daher mit Vorsicht erfolgen.

 

Längeres progressionsfreies Überleben

 

Sicherheit und Verträglichkeit von Cobimetinib wurden in der Phase-III-Studie GO28141 mit 495 zuvor unbehan­delten Patienten untersucht. Alle Teilnehmer erhielten Vemurafenib plus randomisiert entweder Cobimetinib oder Placebo. Unter der Kombination dauerte es länger bis zum Fortschreiten der Erkrankung (12,3 versus 7,2 Monate), waren nach einem Jahr noch mehr Patienten am Leben (74,9 versus 63,0 Prozent) und sprachen mehr Patienten auf die Therapie an (69,6 versus 50,0 Prozent).

 

Die Ergebnisse der Phase-Ib-Studie NO25395 mit 129 Patienten stimmten bei denjenigen, die zuvor noch nicht mit einer BRAF-hemmenden Therapie behandelt worden waren, im Allgemeinen mit denen aus GO28141 überein. Bei den 66 mit Vemurafenib vorbehandelten Patienten lagen in dieser Studie das progressionsfreie Überleben (2,8 Monate), die objektive Ansprechrate (15 Prozent) und die mediane Ansprechdauer (6,7 Monate) deutlich unter denen von BRAF-Inhibitor-naiven Patienten (13,7 Monate, 87 Prozent und 12,5 Monate).

Leberwerte kontrollieren

 

Die häufigsten Nebenwirkungen unter Cobimetinib plus Vemurafenib waren Durchfall, Hautausschlag, Übelkeit, Fieber, Photosensibilisierung, Erbrechen und Abweichungen der Leberwerte. Hierbei kommt es insbesondere zu einem Anstieg der Alanin-Aminotransferase, Aspartat-Aminotransferase und der alkalischen Phosphatase, die eine Unterbrechung oder Dosisreduktion erforderlich machen können. Um dies zu bemerken, müssen die Leberwerte vor Behandlungsbeginn und dann mindestens monatlich überprüft werden.

 

Zu den potenziell schwerwiegenden Nebenwirkungen zählen eine Kardiomyopathie, die sich in einer Reduktion der linksventrikulären Auswurffraktion äußert, und seröse Retinopathien, also Flüssigkeitsansammlungen unter der Netzhaut des Auges. Auch die Neubildung von Hauttumoren wie kutanen Plattenepithelkarzinomen oder Kerato­akanthomen zählt zu den Nebenwirkungen der Kombination von Cobimetinib plus Vemurafenib. Sie kommt allerdings seltener vor als unter Vemurafenib allein.

 

Da Cobimetinib über CYP3A4 metabolisiert wird, sollte die gleichzeitige Anwendung starker Inhibitoren dieses Enzyms vermieden werden. Zusammen mit moderaten Inhibitoren ist Vorsicht geboten. Auch die Kombination mit mäßigen oder starken CYP3A-Induktoren wird nicht empfohlen.

 

Frauen im gebärfähigen Alter sollen während der Behandlung mit Cobimetinib bis mindestens drei Monate danach nicht schwanger werden. Es liegen keine Daten zur Sicherheit von Cobimetinib während der Schwangerschaft vor, doch ergaben Tierversuche Hinweise auf eine Embryotoxizität. Das Arzneimittel soll während der Schwangerschaft daher nicht angewendet werden, es sei denn, der Nutzen für die Mutter überwiegt die Risiken für den Fötus. Da nicht bekannt ist, ob Cobimetinib in die Muttermilch übergeht, gilt dasselbe für die Stillzeit.

 

>> vorläufige Bewertung: Schrittinnovation

 

<typohead type="1">Lumacaftor

Im Dezember kam ein neues Kombi-Arzneimittel für Patienten mit Mukoviszidose (Cystische Fibrose, CF) auf den Markt. Orkambi®-Filmtabletten enthalten 200 mg Lumacaftor plus 125 mg Ivacaftor. Letzteres wird seit 2012 als Monopräparat ebenfalls von Vertex Pharmaceuticals in Deutschland vertrieben, ist aber nur für sehr wenige Patienten geeignet.

Das Kombi-Präparat ist indiziert bei CF-Patienten ab zwölf Jahren, die homozygot für die F508del-Mutation im CFTR-Gen (Cystic Fibrosis Transmem­brane Conductance Regulator) sind. Dieses Gen kodiert für einen Chlorid­ionen-Kanal an der Oberfläche von Epithelzellen. Genmutationen führen zu Defekten im CFTR-Protein und in der Folge zum Krankheitsbild der Mukoviszidose.

 

Infolge der F508del-Mutation sind die Reifung und der Transport des CFTR-Proteins innerhalb der Zelle gestört, sodass nur wenig Protein an die Zell­oberfläche gelangt und dieses auch nicht richtig funktioniert. Das heißt, dass die Öffnungswahrscheinlichkeit des Kanals gering ist (defektes Gating). Lumacaftor wirkt als CFTR-Korrektor und setzt an dem Prozessierungs- und Transportdefekt des F508del-CFTR-Proteins an. Dadurch steigt die Menge reifer Proteine an der Zelloberfläche. Ivacaftor verbessert die Funktion des Kanalproteins, nachdem es die Zell­oberfläche erreicht hat, und wird als CFTR-Potentiator bezeichnet.

 

Die empfohlene Dosis beträgt zwei Tabletten alle zwölf Stunden (Tages­gesamtdosis 800 mg Lumacaftor/ 500 mg Ivacaftor). Patienten mit mäßig eingeschränkter Leberfunktion (Child-Pugh-Klasse B) sollten zwei Tabletten morgens und eine abends schlucken (Tagesdosis 600 mg/375 mg). Wichtig ist, dass der Patient die Tabletten mit einer fetthaltigen Speise einnimmt und nicht zerkaut, zerbricht oder auflöst.

Lungenfunktion verbessert

 

Die Zulassung basiert auf zwei doppelblinden randomisierten placebokontrollierten Phase-III-Studien bei mehr als 1100 Patienten über 24 Wochen. Alle Patienten waren homozygot für die F508del-Mutation. Zusätzlich zur Standardmedikation erhielten sie entweder Placebo oder einmal täglich 600 mg oder zweimal 400 mg Lumacaftor, jeweils plus zweimal täglich 250 mg Ivacaftor. 

Primärer Wirksamkeitsendpunkt war die absolute Veränderung des ppFEV1 (forciertes Einsekunden-Ausatemvolumen in Prozent vom Sollwert) vom Ausgangswert bis Woche 24.

Unter der Medikation verbesserte sich die Lungenfunktion in beiden Studien statistisch signifikant. Der Effekt setzte schnell ein und war unabhängig von Alter, Geschlecht und Schwere der Erkrankung. Bei Studienende war der Anteil der Patienten ohne pulmonale Exazerbationen (akute Lungeninfektionen) bei den mit Verum behandelten Patienten signifikant höher als im Placebo-Arm. Die günstigen Effekte blieben in einer offenen Verlängerungsstudie erhalten.

Die häufigsten Nebenwirkungen in den Studien waren Dyspnö, Diarrhö und Übelkeit. Schwere Nebenwirkungen (bei mindestens 0,5 Prozent der Patienten) waren Leber-Galle-Störungen wie erhöhte Transaminasen, cholestatische Hepatitis und hepatische Enzephalopathie. Da ein Zusammenhang mit Leberschäden nicht auszuschließen ist, werden Leberfunktionstests (ALT, AST und Bilirubin) vor Beginn der Behandlung und dann in regelmäßigen Abständen empfohlen. Hatten die Patienten bereits früher Leberprobleme, sollte der Arzt eine engmaschigere Überwachung erwägen.

 

Lumacaftor ist ein starker CYP3A-Induktor, während Ivacaftor ein schwacher CYP3A-Inhibitor ist. Bei Patienten unter Lumacaftor/Ivacaftor-Einnahme ist keine Dosisanpassung erforderlich, wenn mit der Gabe von CYP3A-Inhibitoren begonnen wird. Wird das CF-Medikament dagegen während einer Therapie mit starken CYP3A-Inhibitoren angesetzt, ist dessen Dosis in der ersten Woche auf eine Tablette täglich (200 mg Lumacaftor/125 mg Ivacaftor) zu reduzieren. Danach kann der Patient die empfohlene Tagesdosis einnehmen. Im Verbund mit mäßigen oder schwachen CYP3A-Inhibitoren ist keine Dosisanpassung nötig.

 

Die gleichzeitige Anwendung mit starken CYP3A-Induk­toren wie Rifampicin wird nicht empfohlen.

 

>> vorläufige Bewertung: Schrittinnovation

Kommentar

Bunter Arzneistoff- Cocktail zum Jahresende

Die Arzneistoffe Nummer 32 bis 35 des Jahrgangs 2015 spiegeln die Vielfalt der Neuzugänge in den vergangenen zwölf Monaten wider. Sie sind nicht nur für unterschiedliche Indikationsgebiete zugelassen, sondern driften auch bezüglich ihres Innovations-Charakters auseinander. Von Analogpräparat über Schrittinnovation bis zur Sprunginnovation war im Dezember 2015 alles dabei.

 

Grundsätzlich werden neue Antiinfektiva im Kampf gegen Resistenzen dringend benötigt. Daher ist es zu begrüßen, dass mit Ceftolozan ein neues Antibiotikum auf den Markt kam. Dabei handelt es sich allerdings nur um einen weiteren Vertreter aus der Gruppe der Cephalosporine. Vom Wirkprinzip daher nichts Neues. Die Ergebnisse der Vergleichsstudien mit Levofloxacin und Meropenem bescheinigen dem neuen Wirkstoff, dass er den alten Substanzen nicht unterlegen ist. Ein richtiger Schritt oder gar Sprung nach vorne wird jedoch nicht erzielt, sodass Ceftolozan als Analogpräparat einzuordnen ist.

 

Anders sieht es bei Lumacaftor und Cobimetinib aus. Beide Substanzen sind Schrittinnovationen. Der Mukoviszidose-Wirkstoff Lumacaftor wird im Präparat Orkambi® mit dem seit Längerem verfügbaren Ivacaftor kombiniert. Diese Kombination ist sinnvoll, wenn es darum geht, Defekten im CFTR-Protein, die zum Krankheitsbild Mukoviszidose führen, zu begegnen. Denn während Ivacaftor ein CFTR-Potentiator ist, also die Funktion des Kanalproteins verbessert, wirkt Lumacaftor als CFTR-Korrektor und setzt am Prozessierungs- und Transportdefekt des Proteins an. Die Zulassungsstudien zeigen, dass sich die Kombination auszahlt.

 

Ähnliche Gründe machen das Hautkrebsmittel Cobimetinib zu einer Schrittinnovation. Wie sein Kombina­tionspartner Vemurafenib greift auch Cobimetinib in den RAS/RAF/MEK/ERK-Signalweg ein. Allerdings tun dies die beiden Kinasehemmer an unterschiedlichen Stellen. Vemurafenib blockiert die mutierte BRAF-V600-Kinase, die Wirkung von Cobimetinib beruht auf der Hemmung der Enzyme MEK-1 und MEK-2. Im Vergleich zur Vemurafenib-Monotherapie bringt die doppelte Hemmung des Signalwegs einen zusätzlichen Nutzen, der auch in den Zulassungsstudien belegt wurde.

 

Der bei akuter lymphatischer Leukämie (ALL) eingesetzte Antikörper Blinatumomab hat einen komplett neuen Wirkmechanismus und ist damit die zehnte Sprunginnovation des Jahres 2015. Es handelt sich um den ersten sogenannten bispezifischen T-Zell-Engager (BiTE). Er verfügt über zwei Greifarme, von denen einer auf der Oberfläche von Krebszellen bindet und der zweite auf der Ober­fläche von T-Zellen. Das Antikörperkonstrukt bringt die T-Zelle also zur Zielzelle und koppelt beide aneinander. So stimuliert es die T-Zell-Toxizität, Zielzellen werden selektiv zerstört. Neue Substanzen mit Aktivität bei Chemotherapie-resistenter ALL werden dringend benötigt. Dank der zielgerichteten Immuntherapie mit Blinatumomab gibt es nun eine solche Option.

 

Sven Siebenand,

stellvertretender Chefredakteur

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